Sonntag, 11. August 2013

Intrkulturelle Theologie - Grundposition

Interkulturelle Theologie
Interkulturelle Theologie in Verbindung mit Religionswissenschaft ist von grundlegender Relevanz für das Ganze der evangelischen Theologie im Horizont globaler Herausforderungen.
Der globale Kontext erfordert eine Repositionierung des theologischen Denkens. Entwicklungen in nicht-westlichen religiösen und kulturellen Kontexten betreffen Europa heute unmittelbar (z. B. Handel, Tourismus, Militäreinsätze, Terrorismus). Die Theologie wird von der Öffentlichkeit zu qualifizierten Stellungnahmen in neu entstandenen Fragekomplexen aufgefordert. Die zunehmende Globalisierung wirft das ökumenische Problem in neuer Weise auf, weil die lokale Präsenz des Christentums mit regionalen Kulturen, Milieus und Religionen interagiert (z.B. pfingstlich-charismatische Bewegungen, Befreiungstheologien, Unabhängige Kirchen).
Die religiöse Pluralität in Europa verlangt von der Theologie eine be- sondere Kompetenz bei interkulturellen Fragestellungen und bei der theologischen Reflexion der Begegnung des Christentums mit nicht- christlichen Religionen, Weltanschauungen und Traditionen. 
Die christliche Botschaft ist inhaltlich so verfasst, dass sie sich an alle Menschen richtet, ohne vor kulturellen, ethnischen oder politischen Grenzen Halt zu machen. Mit ihrem die ganze Menschheit betreffenden Inhalt ist untrennbar eine Form der Weitergabe verbunden, die im christlichen Zusammenhang als Mission bezeichnet wird. 
Imterkulturelle Theologie ist eine eigenständige theologische Disziplin, die sich mit dem Verhältnis des Christentums zu nicht-christlichen Religionen und mit seiner interkulturellen Ausdifferenzierung befasst. 
Die Stellung und Bedeutung dieses Fachs innerhalb der Theologie sowie im Austausch mit den Kulturwissenschaften ist hingegen noch nicht hinreichend geklärt.
Das Fach in seiner heutigen Ausrichtung widmet sich in einer breiten theologischen Perspektive der Begegnung und Auseinandersetzung des Christentums mit nicht-christli- chen Religionen sowie der theologischen Reflexion nicht-westlicher kultureller Dialekte des Christentums in engem Bezug auf allgemeine ökumenische Fragestellungen. 
Aufgabe der Interkulturellen Theologie/Missionswissenschaft ist es, die Interaktion zwischen Christentum und nicht-christlichen Religionen und Weltanschauungen sowie die dadurch ausgelösten Transformationsprozesse des Christentums in unterschiedlichen kulturellen Kontexten theologisch zu reflektieren. 

Dienstag, 6. August 2013

Wer oder was nimmt wie wahr? Kleine phänomenologische Studie zur Wahrnehmung

Wer oder was nimmt wie wahr?
Kleine phänomenologische Studie zur Wahrnehmung

Erst einmal wahrnehmen:
Ohne Wahrnehmung kein Leben. Die Lebendigkeit des Mensch-seins zeichnet sich durch die Qualität der mannigfaltigen Wahrnehmungen und deren rationale und ästhetische Verarbeitung und Bewältigung aus. Denn du bist, was du denkst, und Wahrnehmung ist die Nahrung des Denkens!
Deshalb: Wer oder was nimmt was wie wahr?

Und da kommt die These:
Der Mensch ist ein wahrnehmendes Wesen. Wahrnehmung bezieht sich auf Gegenstände und Phänomene, alles, was sich der Sinnlichkeit öffnet.

Und hier die Entfaltung:
Ohne Wahrnehmung keine Erkenntnis, ohne Erkenntnis kein Wissen. Wahrnehmung konstituiert das Mensch-Sein als phänomenales Subjekt. Ohne Wahrnehmung also kein Subjekt, und ohne Objekte keine Wahrnehmung.

Einen Schritt weiter:
Doch wie funktioniert dann Wahrnehmung?
Wahrnehmung ist vom Subjekt her gesprochen der konstruktivistische Zugang zur Welt "draußen". Das Subjekt ist das Gegenüber zur Welt. Es nimmt die Welt wahr, wobei unschwer ein Dualismus, eine Opposition von Mensch und Welt vorausgesetzt wird. Doch wird dabei nicht übergangen, dass der Mensch selbst der Welt zugehörig, ja angehörig ist? Die Opposition von Welt und Mensch verläuft in eine kaum lösbare Aporie, einer Unmöglichkeit, die Frage nach dem Wer, Wie und Was der Wahrnehmung zu lösen, da Widersprüche in der zur Lösung notwendigen Begrifflichkeit auftreten.

Umkehren und neu ansetzen:
Es gilt die Bedingungen der Möglichkeit von phänomenaler Erkundung und Gegenstandserfahrung zu pointieren und offen zu legen.
Ist das Ich der Wahrnehmung, das Subjekt, das in den Mittelpunkt zu rücken ist, der Ausgangspunkt, somit also Wahrnehmung als subjektiven Akt zu sehen und ist das Objekt der Wahrnehmung als Produkt des Subjekts dann zu denken?
Oder ist es der Akt und das Objekt der Wahrnehmung, die das Subjekt hervorbringen und qualifizieren?

Ein neuer thetischer Anschluss
Die Wahrnehmung ist es, die den Wahrnehmenden hervorbringt, weil sie es ist, die ihn zu demjenigen macht, der er ist, ein wahrnehmendes Subjekt.
Was damit nicht erklärt wird, ist die Existenz von Wahrnehmungen. Das Phänomen, dass der Mensch wahrnimmt und nicht vielmehr nicht, bleibt ein Rätsel, aber ein Rätsel, mit dem man leben kann. In Zuspitzung kann nur gesagt werden, weil es meine Wahrnehmung gibt, gibt es mich in der Welt.

Auf neuem Weg
Der neue denkerische Aufbruch, der die Bedingungen zur Möglichkeit von wahrnehmender Aktion aufnimmt, zeichnet sich dadurch aus, dass der traditionelle Primat des Wahrnehmende durch den Primat der Wahrnehmung ersetzt wird. Der Primat des Wahrnehmende drückt aus, dass es subjektive Absicht ist, einen Gegenstand oder ein Phänomen wahrzunehmen.
Denkbar und logisch nachvollziehbar in einer klaren Unterstreichung ist der andere Weg, dass Gegenstand oder Phänomen, das als Subjekt Gedachte zur Wahrnehmung nötigen.
Aus einem etwas verkürzenden Blickwinkel gesprochen ergibt es sich, dass die Wahrnehmung den Wahrnehmenden zwingt und ihn als Wahrnehmenden konstituiert, insofern das Objekt oder das Phänomen als wahr und wirklich zu nehmen. Ontologisch, vom Sein des Seienden aus betrachtet, ist festzuhalten, dass die Welt sich aufdrängt, indem sie den Menschen in die Wahrnehmung zwingt. Das wahrnehmende Subjekt kann gar nicht anders als wahrnehmen, da ontologisch ein Zwang durch die Existenz der Wahrnehmung vorgegeben ist.

Neue Folgerungen
Wird die Wahrnehmung in ihrem Primat als wirklich erfasst, erscheint der Wahrnehmende zum Dasein in einer anwesenden und gegenwärtigen Welt verurteilt. Weil ich wahrnehme, wird mir zumute, in einer Welt zu sein, die existent, präsent, anwesend und wirklich ist. Das Wahrzunehmende zwingt den Wahrnehmenden unausweichlich an seiner Welt teilzunehmen. Deshalb gilt es, davon auszugehen, dass nicht ich in meiner Wahrnehmung die Welt konstruktiv hervorbringe, sondern meine Wahrnehmung der Welt mit der Folge verbunden ist, dass ich in der Welt vorkomme. Wahrnehmung heißt folglich: Ich bin ein Teil davon. Die Wahrnehmung zwingt mich zur Anteilnahme. Ich befinde mich durch die Wahrnehmung in einer Partizipationspflicht zur Welt. Dadurch ist die Opposition Welt und Subjekt endgültig aufgehoben. Ich muss in der Welt sein als Form des anteilnehmenden Dabei-sein, weil die Wahrnehmung mich hervorbringt. Dieses Mich ist von daher gezwungen, Subjekt seiner Wahrnehmungszustände zu sein. In der Wahrnehmung etwa subjektiv abzuschalten ist unmöglich, denn das würde bedeuten, die ureigenste Qualität des Mensch-seins zu dispensieren, die eben das Wahrnehmen ist.

Schlussthese
Durch die Wahrnehmung sind wir in der Welt, und die Wahrnehmung verbindet uns mit einer nicht aufhebbaren Präsenz- und Partizipationspflicht.

Einstellungen zum Altern

Auf dem Weg des Alterns - eine Miniatur.

Kontextuelle Aufnahme
Überzeugungen bestimmen, wie ich mich fühle. Deshalb können durch innere Überzeugungen Alterungsprozesse umgekehrt werden. Negative Stereotypen über die Erscheinungsformen des Alters gilt es abzulegen. Unvermeidlichkeit des körperlichen Leidens ist nicht ein Automatismus des Alterungsprozesses.

Was vorzufinden ist
Es gibt die Macht der inneren Einstellung, die sich körperlich auswirkt. Negative Stereotype über das Alter stimmen darauf ein, dass Fähigkeiten und Kräfte abnehmen. (selffullfilling prophecy) 

Neujustierung
Ich mache mich zum Hüter der eigenen Gesundheit. - Psychologie der Möglichkeit.
Zieldefinition - Wo möchte ich hin, wohin möchte ich? Die subtile Veränderung des Denkens bewirkt eine Verbesserung durch das Suchen nach Wegen. Dabei handelt es sich um das Gegenteil von Anpassung an einen unbefriedigenden Zustand.
Wertfreies Ausprobieren - Testen verschiedener Alternativen. Ohne Bewertung, nur im Blick darauf, ob sie erfolgreich sind. Diese wertfreie Haltung gibt den Blick frei, Besonderheiten und Unregelmäßigkeiten des Körpers wahrzunehmen. Daraus folgt eine neue Ausrichtung.
Achtsamkeit entwickeln - so wird der Zustand der Wachheit bezeichnet, durch den man  versucht, auf schematisches Denken zu verzichten, Stereotype und Pauschalurteile zu verlassen. Präsenz zeigen durch ständiges Hervorbringen neuer Denkmuster, eine Offenheit für Neues bezeugen im Bewusstsein, dass es mehr als nur eine Perspektive gibt. (interkultureller Zugang)
Unachtsamkeit hingegen ist das Gefangensein in alten Kategorien, unterstützt von einem automatischen Verhalten, durch das neue Signale ignoriert werden, hin zu einer einlinigen Sichtweise.
Meditation der Achtsamkeit gegen unachtsame Zwänge - so verstanden ist sie dem kritischen Denken nahe, wenn es gilt, Meditation als Ansatz konstruktiver, optimistischer und belebender Veränderungen anzugehen. Aktiv neue Dinge zu betrachten, heitert auf und wirkt gegen Ermüdung.
Meditative Selbstbeobachtung führt dahin, zu erkennen, dass der Körper keine Stabilität und Stillstand kennt, sondern Fähigkeiten und Schwächen sich ständig ändern, und zwar unabhängig von Alterungsprozessen. Eine erhöhte Aufmerksamkeit für diese Schwankungen nimmt die Angst vor der Stabilität der Gebrechen. 

Ein aufmunternder Schluss: 
Frage nicht, warum werde ich vergesslich im Alter, sondern: Warum habe ich gerade das vergessen und jenes andere aber behalten!
Wenn wir glauben, dass etwas unmöglich ist, dann wären wir dumm, es überhaupt zu versuchen.
Wenn wir anerkennen, dass es doch keine Gesetzmäßigkeit, keine absolute Norm gibt, dann ist es plötzlich nicht mehr dumm, etwas vermeintlich Irreversibles verändern zu wollen!  
Also, die Überzeugungen bestimmen, wie ich mich fühle.

Dienstag, 23. Juli 2013

Achtsamkeit - Wege zur Herzensruhe

Zur Ruhe finden - auf dem Weg der Achtsamkeit
Es ist die Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen, nicht nur äußerlich, sondern auch innere Ruhe finden, Herzensruhe, in der das Herz, der Ort der tiefen Gefühle und vordergründigen Emotionen, zur Ruhe kommt, in der sich die Angst beruhigt, in der Erquickung und Regeneration zu erfahren ist.

Zeitansage:
Martin Heidegger beschreibt den Menschen als wesentlich einen, der sich sorgt. Das Dasein ist Sorge. In der Welt sein heißt, von der Sorge getragen werden. Diese Sorge läßt immer wieder Unruhe entstehen, inneren Lärm, laute Gedanken, lärmende Emotionen, gepaart mit Ängsten und Schuldgefühlen, Ahnungen, dass das Leben wohl doch nicht so verläuft, wie er es sich einmal erträumt hat. Und so läuft er vor den unangenehmen Augenblicken der Stille davon, betäubt sich wieder mit Lärm, der von allen Seiten auf ihn einströmt. Generiert Bilder, die die Tiefe der inneren Wirklichkeit überdecken, flieht in sorgende, ruhelose Beschäftigung, um der Wahrheit aus dem Wege zu gehen.
Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Ruhe, Herzensruhe.

Eine Spur, die zum gefüllten Leben bringt - Achtsamkeit
Die Einladung, diesen Weg zu finden, von der Unruhe zur Ruhe zu kommen, besteht darin, alles, was ist, bewußt wahrzunehmen und in jedem Augenblick achtsam zu leben. Das hat nichts zu tun mit einer neuen Leistung, einem sorgenden Zwang, der treibt, sondern in der Achtsamkeit werde ich sensibel dafür, wie unachtsam ich sorgend in vielem bin. Deshalb kämpfe nicht gegen die Unruhe, sondern nehme sie zuerst bewußt wahr.
Achtsamkeit bedeutet, den Focus, die Aufmerksamkeit bewußt und mit Absicht auf das aktuelle Erleben richten, von Moment zu Moment, und das, was man darin wahrnimmt, nicht zu bewerten. Alles, was den Geist erreicht, erst einmal annehmen und nichts verbietend vermeiden, gerade auch die Unruhe, die sich als Sorge in mir abspielt.
Es ist ein behutsames Achtgeben, das diese Unruhe schon verwandeln kann, indem ich sie annehme: Ich lasse die Unruhe sein, anstatt gegen sie anzukämpfen.
Sie ist dann zwar noch existent, hat mich aber nicht mehr im Griff! Sie bestimmt mich nicht mehr. Denn die Betrachtung führt mich in eine Distanz zur Unruhe. Achtsamkeit bedeutet, diese Position des Beobachtens zu bewahren, sich selbst zuschauen. Der Punkt in mir, der dieUnruhe anschaut, ist selbst nicht mehr von ihr infiziert. Ich nehme die Unruhe wahr, indem ich mich nicht länger mit ihr identifiziere. Das beruhigt mehr, als wenn ich mit Gewalt dagegen ankämpfe! Die Zeit des Kämpfens ist vorbei. Gelassen kann ich darauf achten, wie sich die Unruhe äußert, da sind die Gedanken, da ist mein Körper. Ich kann beobachten, wie die Unruhe aufsteigt, was sie zum Wachsen bringt. Und ich kann beobachten, wie sie verebbt, welche Gedanken dann in den Vordergrund treten. Unruhe bewußt wahrnehmen, ohne davon bestimmt zu werden. So erfahre ich mitten in der Unruhe schon ein leichtes Wehen der Ruhe. Wodurch? Indem ich achtsam beobachtend mich verhalte.
Denn Achtsamkeit kommt von achten, aufmerken, überlegen, nachdenken.
Will sagen, ich handle überlegt, aufmerksam und bewußt. Ich bin ganz bei dem, was ich tue. Ich weiß um das, was ich tue. In meinem Tun bin ich mit allen Sinnen dabei. In diesem  Augenblick bin ich ganz gegenwärtig! Und da ist es dann zu spüren, das Geheimnis des Augenblicks, das Geheimnis der Zeit und des Raumes, das Geheimnis meines Lebens. Mit vollem Wissen und klarer Überlegung bei dem sein, was ich tue, was ich denke, was ich anrühre oder sehe und höre, was ich rieche, was ich wahrnehmend lebe.

Nicht jeder Augenblick kann so gelebt werden,
denn es geht nicht um Leistung, 
die ohnehin in Überforderung und neue Sorge mündet.
Aber diese Achtsamkeit ist eine gute Übung, täglich eine Zeit in dieser inneren Haltung zu verbringen. Ich bin jetzt ganz in der Gegenwart. Das verändert auf Dauer meine Gedanken  und damit meine Lebenshaltung und führt auf den Weg zur inneren Ruhe.

Wahrnehmen ohne zu bewerten
Denn die Ursache unserer sorgenden Unruhe liegt oft darin, dass wir alles bewerten. Dabei sind die Wertmaßstäbe meistens so hoch gesetzt, dass wir sie nicht erreichen. So sind wir unzufrieden mit uns selbst und dieser Welt, und es entsteht eine diffuse Unruhe.
Wenn ich bewußt wahrnehme, was ist, ohne zu bewerten, dann kann ich es erst einmal so lassen, ohne es ändern zu müssen. Und wenn ich es lassen kann, verwandelt es sich und ich erhalte eine neue Blickrichtung, die mich dann ruhig handeln lässt.
Achtsamkeit ohne Werten heißt nicht, die bestehende Verhältnis sanktionierend zu ertragen, sondern von der wertenden Unruhe zu einer heilsamen Ruhe zu kommen, die dann aufzeigt, was in Ruhe und Gelassenheit zu tun ist.
Denn in der Achtsamkeit werde ich sensibel dafür, wie unachtsam ich in vielem bin. Das annehmen, ohne es zu bewerten bringt mich dazu, meine Unachtsamkeit zu lassen, ohne dagegen kämpfen zu müssen. So verwandelt sich Unachtsamkeit in eine erneuerte, zwanglose Achtsamkeit. 

Ausblick - Achtsamkeit, ein Weg 
Ich nehme in aller Ruhe meine Unruhe wahr. Ich spüre, dass vieles sich in mir bewegt. Aber dieses Ich, das spürt, ist selbst nicht in der Unruhe. Innerlich von den Gedanken und Gefühlen zurücktretend, erfahre ich einen wesentlichen Teil in mir, der nicht von sorgender Unruhe infiziert ist. Oder anders gesagt, durch konzentrative Achtsamkeit gilt es, die Automatik der Gedanken- und Gefühlsabläufe zu unterbrechen. Das führt zu einer inneren Ruhe, aus der Neues entstehen kann ohne unruhige Sorge.      

Samstag, 20. Juli 2013

Kunstsplitter - künstlerische Positionen


Konrad Klapheck
"Dem Verschwommenen des Tachismus wollte ich etwas Hartes, Präzises, der lyrischen Abstraktion eine prosaische Supergegenständlichkeir entgegenstellen." Deswegen schuf er eigenwillige Surrogate aus Neuer Sachlichkeit, Pop Art undSurrealismus, Bilder von ausgeprägter Eigenständigkeit.
"Der Künstler, der gefallen will, ist verloren!"
"Meine Bilder sollen als Ganzes aufgefasst werden, als ein Epos, dessen Hauptfiguren nicht von Menschen sondern von seinen wichtigsten Gebrauchgegenständen verkörpert werden."
Emblematische Anthromorphismen, die seinen neu-sachlichen Realismus zu Metamorphosen menschlicher, zwischenmenschlicher oder politischer Verkörperung machen.
"Ich benutze die Dinge nicht als Symbole, sondern ich male sie, so gut ich kann, und lasse mich überraschen, was sie zu sagen haben. Am Ende müssen die Bilder klüger sein als ihr Schöpfer und seine Absichten übertreffen." (Konrad Klapheck)


Kunst ist die Wiedergabe
der Welt um mich
durch die Welt in mir.
(Edward Hopper)

“Die Bilder sind im Kopf“

Auf dem Weg zur Wirklichkeit - wie Kunst Wahrheit enthüllt und zur Erkenntnis führt.
Da die Kommunikation als Verständigung im zwischenmenschlichen Bereich durch das System Sprache geprägt ist, kann die Begriffsbestimmung von Kunst auch nur sprachlich erfasst werden.
Kunst ist eine ästhetische Sprache, mit der etwas abgebildet oder gebildet wird.
Dabei werden Objekte in eine bestimmte Form gebracht, die dann einen Prozess der Bewußtwerdung und Erkenntnis auslösen.
Kunst so betrachtet ist eine in Materie gesetzte Vorstellung.
Der Blick auf ästhetische Phänomene soll die Erkenntnis der Welt und Wirklichkeit eröffnen, die zu einer rational - wissenschaftlichen Weltsicht tritt.
Dabei kann Ästhetik nicht allein eine Erweiterung der rational -epistemologischen Perspektive sein, sondern ein eigenständiger Ansatz, der die wissenschaftliche Rationalität beeinflussend trifft. 
Ästhetik bezeichnet so die Einheit von sinnlicher Wahrnehmung der Realität und dem daraus entstehenden subjektiven Urteil.
Es dreht sich also darum, ob das Ikonische einen eigenständigen Sinn des Erkennens generieren kann.
Aufgabe des Künstlers liegt nicht darin, den Weg zu zeigen, sondern diese Sehnsucht zu wecken.
Denn Kunst ist die entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist. Sie kann als Ergebnis gezielter meschlicher Tätigkeit erfasst werden, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt ist.
Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses oder der Prozess selbst.
Kunst ist eine autonome Form, die symbolisch verortet sein kann.
Allgemein gesprochen ist Kunst das Hervorbringen von etwas, das nicht auf natürliche Weise zustande gekommen ist, geleitet von einem Wissen, dass den, der seine Kunst beherrscht, leitet.
Damit bezeichnet Kunst einen kulturellen Akt, wenn unter Kultur eine Leistung zu verstehen ist, die über das Naturhafte hinausführt.
Kultur ist zu verstehen als die Gesamtheit zeichenhaft vermittelter Sinndimensionen und Praxisformen, mit denen Menschen Naturverhältnis und Vergesellschaftung meistern und reflektieren.
Als Geflecht sich stetig verändernder Bedeutungen bestimmt die Kultur das zivilisierte Leben in allen seinen Aspekten.
(Juli 2013)
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Und was ist Kunst?
Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schauen. 
Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. 
Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz darin zu finden.
 (Paul Auster)

Was ist gute Kunst – heute?
Gute Kunst stellt Fragen an die Gegenwart. Entweder in Bezug auf die Kunst selbst oder aber in Bezug auf unsere politische, soziale oder historische Wirklichkeit. Je allgemeingültiger und zeitloser diese Fragen sind, desto besser ist die Kunst. Die Bildende Kunst hat zudem die Stärke, dass sie ihre Fragen visuell formuliert und uns daher direkt und emotional berühren kann.
Gefragt sind künstlerische Positionen, die mit der Sprache der Bilder spielen, um gesellschaftliche Widersprüche und Brüche sichtbar zu machen und zu zeigen, wie sehr Formen der Gewalt und Zerstörung unsere Welt deformieren.
Dieser spannende Prozess fordert dazu auf, im Aufspüren der Brüche über die Möglichkeiten und Wirkungen der Bilder nachzudenken. Der Umgang mit den gesellschaftlichen Widersprüchen und Brüchen, den Folgen von Terror und Gewalt ist oft in der Direktheit nicht zu verkraften. Deshalb entscheiden sich viele Künstler dazu, mit Ironie die notwendige Distanz herzustellen oder den Umweg über das Spielerische zu suchen.
Wenn dabei der künstlerische Blick auf Brachflächen und nur vage definierten Räumen fällt, spielt die Sensibilität für die Bedeutung solcher offener Bereiche eine große Rolle, sei es als Projektionsflächen für ausgegrenzte Phantasien oder als Experimentierfelder für alternative Ansätze. So lassen sich die Defizite einer passiven Gesellschaft und mögliche Strategien zur Wiedergewinnung selbstbestimmten Lebens aufzeigen.
Ein Ansatzpunkt ist die Suche nach den Spuren verdrängter Handlungsweisen, die an den Rändern der Geschichte weiterexistieren.
Die künstlerische Leistung als politische Infragestellung konzentriert sich auf die Korrektur der Wahrnehmung als Form der unterschlagene Fähigkeiten der gesellschaftlichen Basis.
In einer Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung vom alleinigen Visuellen unter Hinzunahme des auditiven Sinns kann eine wesentliche Akzentverschiebung bewirkt werden. Geräuschkulissen erweisen sich in oft als hässliche chaotische Mischungen, auf die man spontan durch Weghören reagiert, können aber durch bewusstes Hinhören auch interessant werden.Mit einer solchen visuell und auditiv kombinierten sinnlichen Kontaktaufnahme wird auch die Fähigkeit zu selbstbewusster Auseinandersetzung wiedergewonnen.
Dass neben einem wissenschaftlich fundierten Wirklichkeitskonzept auch andere Wahrnehmungen der Welt existieren, hat in der Moderne, die mit dem Prozess der Verwissenschaftlichung Hand in Hand einhergeht, nicht zuletzt Ausdruck in den Künsten gefunden.

Begegnung mit Ernst Cassirer - Kulturphilosophie

Begegnung mit Ernst Cassirer
Welt ist, was wir dazu machen. — Sei ihr Entstehen nun zufällig oder nicht. Die Schaffung von Tatsachen spricht nicht gegen ihre Realität. Dies gilt für wissenschaftliche Tatsachen ebenso wie für die ethischen und ästhetischen Urteile, für Kollektive wie für den Einzelnen. 
Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.
Ob wir Musik eine Sprache nennen können oder auch die Malerei, ist hierbei nicht die Frage. Beide Male handelt es sich — wie im Fall der gesprochenen Sprache — um Artefakte, die als Ausdruck (Hören, Sehen, Sprechen) und Repräsentation (Notation, Bild, Schrift) vorhanden sind.
Nicht in den Einzelerlebnissen, sondern in den durch Wesensschau aufgedeckten Grundgesetzen der Erlebnisse seien die tragenden Bedeutungen der Bewußtseinskonstitution zu finden. 
Cassirers Werk ist folglich von der transzendentalphilosophischen Fragestellung nach den Bedingungen der Möglichkeit des Wissens bestimmt.
Auffinden und Schaffen fallen zusammen. Dies ist „das Transzendentale in Cassirers Philosophie:
Was einmal im Wort oder Namen festgehalten ist, das erscheint nunmehr nicht nur als ein Wirkliches, sondern geradezu als das Wirkliche. Die Spannung zwischen dem bloßen ‚Zeichen‘ und dem ‚Bezeichneten‘ hört auf: an die Stelle des mehr oder minder angemessenen ‚Ausdrucks‘ ist ein Verhältnis der Identität, der völligen Deckung zwischen ‚Bild‘ und ‚Sache‘, zwischen den Namen und den Gegenstand getreten.
Die Wahrnehmungswelt ist im Wahrnehmen je schon strukturiert. Der Kultur ist ein prinzipiell unendlicher Vorrat an Sinn gegeben, der geschaffen werden kann. Sollen die Symbole intersubjektiv gültig sein, müssen sie darüber hinaus jedoch regional eine universelle Geltung besitzen, nicht eine private. Sie werden damit zur reziproken (Selbst)Deutung der betreffenden Kultur und sind „eine Objektivität des Mythischen“.

Nicht das bloße Betrachten, sondern das Tun bildet vielmehr den Mittelpunkt, von dem für den Menschen die geistige Organisation der Wirklichkeit ihren Ausgang nimmt.“
Unter Tun versteht Cassirer Gestalten, Formen und Bilden. Erst dem Tun entspringt das Sein. Die elementarste Form der Gestaltung ist dabei die Abgrenzung oder Perspektivierung. Da jede Wahrnehmung nur einen Teil der Wirklichkeit erfasst, ist somit schon jegliches Wahrnehmen gestaltend. 
Unter ‚symbolischer Prägnanz‘ soll also die Art verstanden werden in der ein Wahrnehmungserlebnis, als ‚sinnliches‘ Erlebnis, zugleich einen bestimmten nicht-anschaulichen ‚Sinn‘ in sich faßt und ihn zur unmittelbaren konkreten Darstellung bringt.“
Dabei wird nicht ein beliebiger Sinn zum Wahrnehmungsinhalt hinzuaddiert, sondern das Wahrgenommene wird in ein Sinnganzes eingebettet, weil es eine Form gewinnt, die über sich hinaus weist:
„Vielmehr ist es die Wahrnehmung selbst, die kraft ihrer eigenen immanenten Gliederung eine Art von geistiger ‚Artikulation‘ gewinnt [...] Diese ideelle Verwobenheit, diese Bezogenheit des einzelnen, hier und jetzt gegebenen Wahrnehmungsphänomens, soll der Ausdruck ‚Prägnanz‘ bezeichnen.“
Durch Symbole werden sinnliche Einzelinhalte zu Trägern einer allgemeinen geistigen Bedeutung geformt. Die Formgebung läuft somit zugleich mit der sinnlichen Wahrnehmung ab.
„Unter einer ‚symbolischen ‚Form‘ soll jene Energie des Geistes verstanden werden, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem innerlich zugeeignet wird.“
Mit der Formgebung geht gleichzeitig eine Sinngebung einher: erst Formen lassen Bezüge und Strukturen in der Welt erkennen. Symbolische Formen sind somit Grundformen des Verstehens, die universell und intersubjektiv gültig sind und mit denen der Mensch seine Wirklichkeit gestaltet. Kultur ist die Art und Weise, wie der Mensch durch Symbole Sinn erzeugt.
Die Erlebniswelten der symbolischen Formen sind wesentlich durch ein gestaltendes Tun des Menschen bestimmt. Gemeinsamer historischer Ursprung ist der Mythos, als frühste Form der sinnhaften Weltgliederung. Die symbolischen Formen bilden die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven ab.
Der Mythos ist für Cassirer Ursprungsphänomen aller menschlichen Kultur. In ihm wird das erste Mal durch Formgebung und Verfestigung das Flüchtige des Erlebens festgehalten, aus dem Gefühl wird ein Werk. Damit entsteht eine Eigenwelt, zu der der Mensch sich von nun ab verhalten kann und die der unmittelbar erlebten Welt entgegentritt.
Cassirer sieht zwischen Sprache und Mythos einen wesentlichen Zusammenhang. Im mythischen Identitätsdenken fallen Wort und Wirkung zusammen, denn der Mensch überträgt die ihm aus dem Zusammenleben bekannte soziale Wirksamkeit des Wortes auf die natürliche Umwelt. Das Wort wird dann zur magischen Formel, welche auf die Natur einwirken soll. 
Die Rationalität der Kunst ist eine Rationalität der Form:
„Die Wissenschaft gibt uns Ordnung im Denken; die Moral gibt uns Ordnung im Handeln; die Kunst gibt uns Ordnung in der Auffassung der sichtbaren, greifbaren und hörbaren Erscheinungen.“
Indem die Kunst dem Menschen die Möglichkeit bietet, seine Gefühle im Werk der Kunst herauszustellen und zu fixieren, hilft sie die Emotionen zu objektivieren. 

Der generelle Zweck, auf den alle kulturellen Bestrebungen hinzielen, besteht nach ihm darin, »die passive Welt der bloßen Eindrücke« zu einer für den Menschen verstehbaren Wirklichkeit umzuformen.
Das Orientierungsvermögen des Menschen ist an Bedeutungen und Bedeutungszusammenhänge gebunden. Die Produktion von Bedeutung und der Umgang mit solchen Bedeutungssystemen ist das, was Cassirer Kultur nennt

Kultur ist, Globalisierung und Geschichte zusammenzudenken.
Kultur ist, das Eigene und das Fremde zusammenzudenken und damit Durchlässigkeit zu erzeugen und neue Erfahrungsräume zu schaffen, also Kolateralereignisse der Erkenntnis.

Donnerstag, 30. Mai 2013

Was kann und soll Kunst heute bewirken?

Was ist gute Kunst – heute?
Gute Kunst stellt Fragen an die Gegenwart. Entweder in Bezug auf die Kunst selbst oder aber in Bezug auf unsere politische, soziale oder historische Wirklichkeit. Je allgemeingültiger und zeitloser diese Fragen sind, desto besser ist die Kunst. Die Bildende Kunst hat zudem die Stärke, dass sie ihre Fragen visuell formuliert und uns daher direkt und emotional berühren kann.
Gefragt sind künstlerische Positionen, die mit der Sprache der Bilder spielen, um gesellschaftliche Widersprüche und Brüche sichtbar zu machen und zu zeigen, wie sehr Formen der Gewalt und Zerstörung unsere Welt deformieren.
Dieser spannende Prozess fordert dazu auf, im Aufspüren der Brüche über die Möglichkeiten und Wirkungen der Bilder nachzudenken. Der Umgang mit den gesellschaftlichen Widersprüchen und Brüchen, den Folgen von Terror und Gewalt ist oft in der Direktheit nicht zu verkraften. Deshalb entscheiden sich viele Künstler dazu, mit Ironie die notwendige Distanz herzustellen oder den Umweg über das Spielerische zu suchen.
Wenn dabei der künstlerische Blick auf Brachflächen und nur vage definierten Räumen fällt, spielt die Sensibilität für die Bedeutung solcher offener Bereiche eine große Rolle, sei es als Projektionsflächen für ausgegrenzte Phantasien oder als Experimentierfelder für alternative Ansätze. So lassen sich die Defizite einer passiven Gesellschaft und mögliche Strategien zur Wiedergewinnung selbstbestimmten Lebens aufzeigen.
Ein Ansatzpunkt ist die Suche nach den Spuren verdrängter Handlungsweisen, die an den Rändern der Geschichte weiterexistieren.
Die künstlerische Leistung als politische Infragestellung konzentriert sich auf die Korrektur der Wahrnehmung als Form der unterschlagene Fähigkeiten der gesellschaftlichen Basis.
In einer Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung vom alleinigen Visuellen unter Hinzunahme des auditiven Sinns kann eine wesentliche Akzentverschiebung bewirkt werden. Geräuschkulissen erweisen sich in oft als hässliche chaotische Mischungen, auf die man spontan durch Weghören reagiert, können aber durch bewusstes Hinhören auch interessant werden.Mit einer solchen visuell und auditiv kombinierten sinnlichen Kontaktaufnahme wird auch die Fähigkeit zu selbstbewusster Auseinandersetzung wiedergewonnen.
Dass neben einem wissenschaftlich fundierten Wirklichkeitskonzept auch andere Wahrnehmungen der Welt existieren, hat in der Moderne, die mit dem Prozess der Verwissenschaftlichung Hand in Hand einhergeht, nicht zuletzt Ausdruck in den Künsten gefunden.