Was ist gute Kunst – heute?
Gute Kunst stellt Fragen an die Gegenwart. Entweder in Bezug auf die Kunst selbst oder aber in Bezug auf unsere politische, soziale oder historische Wirklichkeit. Je allgemeingültiger und zeitloser diese Fragen sind, desto besser ist die Kunst. Die Bildende Kunst hat zudem die Stärke, dass sie ihre Fragen visuell formuliert und uns daher direkt und emotional berühren kann.
Gefragt sind künstlerische Positionen, die mit der Sprache der Bilder spielen, um gesellschaftliche Widersprüche und Brüche sichtbar zu machen und zu zeigen, wie sehr Formen der Gewalt und Zerstörung unsere Welt deformieren.
Dieser spannende Prozess fordert dazu auf, im Aufspüren der Brüche über die Möglichkeiten und Wirkungen der Bilder nachzudenken. Der Umgang mit den gesellschaftlichen Widersprüchen und Brüchen, den Folgen von Terror und Gewalt ist oft in der Direktheit nicht zu verkraften. Deshalb entscheiden sich viele Künstler dazu, mit Ironie die notwendige Distanz herzustellen oder den Umweg über das Spielerische zu suchen.
Wenn dabei der künstlerische Blick auf Brachflächen und nur vage definierten Räumen fällt, spielt die Sensibilität für die Bedeutung solcher offener Bereiche eine große Rolle, sei es als Projektionsflächen für ausgegrenzte Phantasien oder als Experimentierfelder für alternative Ansätze. So lassen sich die Defizite einer passiven Gesellschaft und mögliche Strategien zur Wiedergewinnung selbstbestimmten Lebens aufzeigen.
Ein Ansatzpunkt ist die Suche nach den Spuren verdrängter Handlungsweisen, die an den Rändern der Geschichte weiterexistieren.
Die künstlerische Leistung als politische Infragestellung konzentriert sich auf die Korrektur der Wahrnehmung als Form der unterschlagene Fähigkeiten der gesellschaftlichen Basis.
In einer Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung vom alleinigen Visuellen unter Hinzunahme des auditiven Sinns kann eine wesentliche Akzentverschiebung bewirkt werden. Geräuschkulissen erweisen sich in oft als hässliche chaotische Mischungen, auf die man spontan durch Weghören reagiert, können aber durch bewusstes Hinhören auch interessant werden.Mit einer solchen visuell und auditiv kombinierten sinnlichen Kontaktaufnahme wird auch die Fähigkeit zu selbstbewusster Auseinandersetzung wiedergewonnen.
Dass neben einem wissenschaftlich fundierten Wirklichkeitskonzept auch andere Wahrnehmungen der Welt existieren, hat in der Moderne, die mit dem Prozess der Verwissenschaftlichung Hand in Hand einhergeht, nicht zuletzt Ausdruck in den Künsten gefunden.
Donnerstag, 30. Mai 2013
Montag, 20. Mai 2013
Philosophische Brocken
Interkulturelle Religionsforschung in Theologie und Philosophie
Anmerkungen zu Begriffen, die für eine interkulturelle Positionierung notwendig sind
Philosophie
Philosophie ist die Klärung der Gedanken des Denkens über die Welt. Es ereignet sich in einem Suchen nach Begründungen, wie und was wer über die Welt denkt. Philosophieren ist die Tätigkeit, die eine Antwort sucht auf das Bedürfnis nach einer Gesamtsicht der Erscheinungen und Phänomene, wobei diese Gesamtsicht in eine Tiefensicht mündet. Dabei ist Philosophie ein denkerisches Projekt, dass ohne Berufung auf bloße Tradition, auf religiösen Glauben oder auf eine andere über der menschlichen Vernunft angesetzte Autorität diese Fragen klärt.
Dabei entwickelt die Philosophie ihre je eigenen Begrifflichkeiten und Denkformen, ihre Methoden und Standards, die ihre Tätigkeit zu anderen denkerischen Projekten abgrenzt.
Alle Projekte streben einen universellen RahmAnmerkungen zu Begriffen, die für eine interkulturelle Positionierung notwendig sind. aber ihrer Art nach kulturell bedingt, was eine denkerische Begrenzung bedeutet.
Denn philosophisches Denken ist eine performative Tätigkeit und damit an einzelnen Fällen und deren Behandlung erkennbar. Solche Einzelfälle begegnen jedoch in vielen Sprachen, Gesellschaften und Kulturen, nicht nur in der abendländischen. Die Differenzen, die sich darin zeigen, betreffen grundlegende Probleme.
Wenn nun die Zeugnisse des philosophischen Denkens aus vielen Kulturen in Zeiten der Globalisierung jederzeit zugänglich sind, müsste eigentlich das fremde, differente Denken in die jeweiligen aktuellen Argumentationen und Überlegungen einfließen, wenn Philosophie einen universellen, globalen Anspruch erheben will.
Globalisierung
Wir sprechen von einem Prozess der Globalisierung, d.h. Es geht etwas voran. Der Raum dieses Prozesses ist der Globus, die für den Menschen bewohnbare Welt.
Dabei ist zu klären, was alles globale Form annimmt und wie das geschieht.
Ebenso ist zu klären, wann, wo und mit welchen Mitteln dieser Prozess seinen Anfang genommen hat. Wer oder was ihn bewirkt, was das Ziel dieses Prozesses sein wird und wann und wie er jemals zu einem Ende oder Abschluss kommen wird und wie der aussieht.
Globalisierung bringt einen hohen Grad an Vereinheitlichung hervor in der Bewertung von Technik und Ökonomie. Im Bereich der Formen von politischer Organisation der Gesellschaft, dem Verhältnis zwischen religiösen und säkularen Organisationen, den Fragen nach den Rechten und Pflichten der Mitglieder einer Gesellschaft, den ethischen Normen und ästhetischen Urteilen etc. besteht eine weitgehende Uneinigkeit, bedingt durch die Frage wie ein Zentrum auf ein anderes Zentrum oder die Peripherie wirkt, von welchen Interessen es geleitet geleitet ist.
Kultur
Um Prozesse der Globalisierung zu erörtern und hermeneutisch zu bewältigen, werden Fragen nach der Kultur und ihrer Funktion, der philosophischen Begrifflichkeit in Theorie und Methodik aktuell. Sie sollen dazu dienen, Prozesse zu machen, um eine intersubjektive Vermittlung zu erreichen.
Um dazu das Feld der Kultur auszudifferenzieren, kann der nachfolgende Diskurs hilfreich sein.
Kultur ist Gestaltung seiner selbst und seiner Welt, die der Mensch als geistiges Wesen vollbringt, mithin eine menschliche Tätigkeit. Kultur vollendet sich dort, wo ein ein zusammenhängendes Ganzes sich bildet, s.c. gebildet wird.
Kultur als Menschenwerk zu verstehen, eröffnet den Bereich, in dem durch schöpferisches Tun die Welt erfahrbar als veränderbar erkannt wird.
Kultur ist der räumlich und zeitlich begrenzte Gesamtausdruck menschlich schöpferischen Wirkens, das materiell basierend der Welt passiv empfangend und aktiv gestaltend begegnet und nach Sinnhaftigkeit befragt werden kann. Dem Einzelnen gegenüber ist Kultur ein Objektives, in das er sich er sich einfindet, dem er sich aber auch verweigern kann und damit den Anlass bietet zur Schaffung neuer kultureller Ausformungen. So gibt es intrakulturell Erneuerung, Verwandlung, Rückgriffe auf lebenskräftige Traditionen.
Kultur als solches geschehen ist letztlich nicht auf den Punkt zu bringen. Sie entzieht sich einer logischen Definierbarkeit, weil sie als performativer Akt zu verstehen ist wissenschaftlich getragen von den Kulturwissenschaften, die mit unterschiedlichen Methoden Gegenstandsbereiche als kulturelle Phänomene untersuchen. Kulturwissenschaften versuchen, Erklärungen aufzuzeigen, die sich nicht auf "natürliche", sondern auf geistige Ursachen beziehen. Kulturwissenschaften als Erfahrungswissenschaften der geistigen Erscheinungen sind von den Naturwissenschaften abzugrenzen. Sie setzen dort an, wo der Mensch als wollendes, gestaltendes und damit denkendes, rationales Subjekt ein wesentlicher Faktor der Erscheinung, der Phänomene ist. Kulturwissenschaften wenden wissenschaftliche Methoden auf soziale Phänomene zum Zwecke der Erforschung und Beschreibung etwaiger Gesetzmäßigkeiten an.
Somit sind Kulturwissenschaften hermeneutisch, historisch und philologisch tätig, wobei es um das Verstehen geht, nicht primär um ein Erklären im naturwissenschaftlichen Sinne.
Mit dieser Methodik kann der Begriff "Kultur" ausdifferenziert werden nach dem lateinischen Verb "colere":
- Kultur, die man betreibt, die vervollkommnete Pflege der individuellen Kulturanlagen.
- Kultur, die man hat, der gepflegte Zustand oder hohe Grad erworbener Vervollkommnung
- Kultur, in der man lebt, der charakteristische Traditionszusammenhang von Institutionen, Lebens- und Geistesformen, durch den sich Völker und Epochen unterscheiden.
- Kultur, die man schaffen, fördern und als Besitz verehren kann, die höhere Welt der Werte und Werke in Kunst, Philosophie und Wissenschaft.
Eine solche Betrachtungsweise generiert in der Regel zwei Dimensionen,
einmal die inhaltliche Bedeutung von Kultur als Sammelbegriff für diejenigen Praktiken, durch welche Menschen ein menschentypisches Leben herstellen, z.B. Alltagsroutinen, Kompetenzen, Überzeugungen, Umgangsformen, Sozialregulationen, Weltbilder.
Zum anderen Kultur verstanden als die Ausdehnung auf diejenige Gruppe, Gesellschaft, Zivilisation für welche die betreffenden kulturellen Inhalte bzw. Praktiken charakteristisch sind.
Dieser erste Durchgang lässt Kultur als eine nicht klar zu definierende Entität erscheinen.
Hingegen gilt es festzuhalten, dass Kulturen einem ständigen Wandel unterworfen sind, vielschichtig erscheinen, dabei eigenartige Mischverhältnisse (Hybridität) eingehen, um sich auch inSubkulturen zu differenzieren.
Die Würde des Menschen
Derjenige, der den Begriff der Würde des Menschen (lat. dignitas hominis) als erster formuliert, ist der Renaissance-Philosoph Giovanni Pico della Mirandola. Die Würde des Menschen gründet nach Pico della Mirandola darauf, dass, zugespitzt formuliert, die Natur des Menschen darin liegt, dass er keine (festgelegte) Natur hat, dass, mit anderen Worten, er die Freiheit hat, sein Wesen selbst zu schaffen. Den Schöpfer lässt Pico zu Adam sagen: „Keinen bestimmten Platz habe ich dir zugewiesen, auch keine bestimmte äußere Erscheinung und auch nicht irgendeine besondere Gabe habe ich dir verliehen, Adam, damit du den Platz, das Aussehen und alle die Gaben, die du dir selber wünschst, nach deinem eigenen Willen und Entschluss erhalten und besitzen kannst. Die fest umrissene Natur der übrigen Geschöpfe entfaltet sich nur innerhalb der von mir vorgeschriebenen Gesetze. Du wirst von allen Einschränkungen frei nach deinem eigenen freien Willen, dem ich dich überlassen habe, dir selbst deine Natur bestimmen.“ Diese Selbstbestimmung des Menschen macht, nach Pico, seine Würde aus.
Denken und Sprache
Die Schrift gibt den Gedanken eine materielle Verfassung. Eine, die das entstehen von Neuem ermöglicht. Im Bereich der Interpretation. Sie ist eine Versuchsanordnung, ein Experimentalsystem. Das Experimentalsystem ist ein Ort der Emergenz – der Strukturen, um das nicht Ausdenkbare einzufangen, eine Suchbewegung auf der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen. Die Schrift begründet Bahnen, auf denen Spuren hinterlassen werden, auf die man zurückkommen und über die man, indem man das tut, hinausgehen kann. Um ins Dunkel einzusteigen bedarf es einer Beschränkung auf ein Stück Wirklichkeit, willkürlich ausgesondert sowie der Wahl «eines Systems». Das System ist ein Spielraum, in dem man sich mittels von Fragen und Antworten bewegen kann. Die einzelnen Systeme werden zu einem Patchwork zusammen gewoben, einer Flickenteppich-Verknüpfung der Konnexion, Interaktion und ihrer Regelung von offen und begrenzt. Bei der Beschränkung muss man nicht nur ihren abschliessenden sondern auch ihren aufschliessenden Charakter verstehen. Experimentalsysteme sind Orte, an denen sich in den empirischen Wissenschaften das Neue ereignet. Diese Experimentalanordnung impliziert eine ganze Menge von Wissen, das zu einem gewissen Zeitpunkt als gesichert gilt. Sie nimmt in der Regel die Gestalt von Instrumenten, Vorrichtungen und Apparaten an. Diese sind zu Kalibrieren und zu Testen, in Bewegung zu setzen um auf ihre eigene Funktionsfähigkeit zu überprüfen. Die eingesetzten Maschinen sollen möglichst geräuschlos ihre Arbeit tun und die untersuchten Phänomene zum Sprechen bringen. Der experimentelle Geist muss komplementär zur Experimentalstruktur verfasst sein, dabei sich selbst bei der experimentellen Arbeit beobachtend. Das Experiment soll als Suchmaschine, Maschine zur Herstellung der Zukunft befraget werden.
Anfänge der Philosophie aus interkultureller Sicht
Grundfragen der Philosophie sind: Was ist wirklich? Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Derartige Fragen in bewusst reflektierter Weise zu stellen und argumentativ mit Hilfe theoretischer Begriffe zu klären, ist in vielen, kulturell differenten Gesellschaften und Traditionen unternommen worden. Solche Differenzen und die kulturelle Bedingtheiten des Eigenen sind bewusst zu machen, wenn Philosophie mit dem Anspruch auf Gültigkeit ihrer Einsichten betrieben werden soll.
Drei verschiedene Zugänge:
--- Die (philosophiehistorische) Problematik kultureller Differenzen hinsichtlich von Periodisierungen, Klassifikationen und Interpretationsbegriffen.
--- Die (wissenschaftssoziologische) Frage nach der Entwicklung, Verbreitung und Funktion von Philosophie in unterschiedlichen Regionen.
--- Die (wissenschaftstheoretische) Frage nach dem Verhältnis von Oralität und Literalität in verschiedenen philosophischen Traditionen.
--- Die (philosophiehistorische) Problematik kultureller Differenzen hinsichtlich von Periodisierungen, Klassifikationen und Interpretationsbegriffen.
--- Die (wissenschaftssoziologische) Frage nach der Entwicklung, Verbreitung und Funktion von Philosophie in unterschiedlichen Regionen.
--- Die (wissenschaftstheoretische) Frage nach dem Verhältnis von Oralität und Literalität in verschiedenen philosophischen Traditionen.
Kunst?
Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schauen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz darin zu finden. (Paul Auster)
Kultur?
Kultur ist, Globalisierung und Geschichte zusammenzudenken.
Kultur ist, das Eigene und das Fremde zusammenzudenken und damit Durchlässigkeit zu erzeugen und neue Erfahrungsräume zu schaffen, also Kolateralereignisse der Erkenntnis.
Philosophiebegriff nach Franz Wimmer
Es ist notwendig und zielführend, vor jedem Dialog oder Blick auf irgendeine Denkleistung, sei sie in einer "fremden" oder in der eigenen Kultur aufzufinden, einen Begriff davon zu explizieren, was überhaupt "Philosophie" sei.
Mit der Nennung von Ontologie, von Erkenntnistheorie und von Ethik oder Normenbegründung sowie einer expliziten Begrifflichkeit oder Metasprache ist zweifellos ein sehr allgemeiner Begriff umschrieben, der in seiner Allgemeinheit aus der okzidentalen Tradition gewonnen ist.
Zur "Deterritorialisierung" - Gilles Deleuze
Ortswechsel des Denkens, denn jedes Denken ist in der Kultur seiner Perspektive gefangen. Philosophie ist die Untersuchung der Möglichkeit des Denkens. Die Bedingungen gilt es zu untersuchen. Der Umweg über China gibt dem Denken die Fremdheit, durch die sich die Tradition des europäischen Denkens, der Philosophie, des Seins, des Ideals der Freiheit in Frage stellen lässt. Erst aus der Entfernung kann realisiert werden, dass es ein "europäisches" Denken gibt. Deshalb gilt es, einen Zugang zu einem Denken zu suchen und zu finden, das nicht durch die europäische Kultur determiniert ist.
Wenn man also eine so entwickelte, textualisierte, kommentierte wie die europäische Kultur sucht, die sich außerhalb der Bezüge des westlichen Denkrahmens konstituiert hat, bleibt allein die chinesische als Gegenüber, an dem man sich reiben kann.
De- und Reterritorialisierung ist eine Operation des Herausreißens, derer die Philosophie bedarf. Wenn man in dieser fremden Kultur ankommt, sieht man sich Momenten und Situationen ausgesetzt, in denen nichts verständlich ist, weil das Verstehen eurozentrisch geprägt ist. Kein Vergleich zieht mehr so, dass er Halt im scheinbar Vertrauten gibt. Die Entdeckung dabei ist, dass unser Denken durch unsere kulturelle Herkunft bestimmt ist.
Dass es dabei keine gemeinsame Seite gibt, die evidente Entsprechungen hervorbringt.
Wenn ich mich in das Verstehen der fremden Kultur hineinbegeben will, muss ich die Texte lesen.
Dienstag, 14. Mai 2013
Interkulturelle Philosophie - Kulturwissenschaften
Kulturwissenschaft – Globalisierung – Interkulturelle Philosophie
Zum Begriff Kultur nach den Cultural Turns
Kulturwissenschaft – Kultur lernen – Globalisierung
- Interkulturelle Philosophie
Kulturwissenschaft – Kultur lernen – Globalisierung
- Interkulturelle Philosophie
Ausgehend von der Erfahrung der Globalisierung und der damit verbundenen Multikulturalität folgt hier eine Abhandlung zu Fragen der Interkulturalität. Wie ist das Fremde zu verstehen, welche Modelle sind dazu sinnvoll? Die Abhandlung folgt Gedanken aus einer Vorlesung von Hakan Gürses, Uni Wien zum Thema Kulturalität und interkulturelle Philosophie, 2011.
Kultur ist kein Gegenstand neben anderen Gegenständen. Daher ist auch Kulturwissenschaft nicht als eine spezifische Disziplin neben anderen zu verstehen, sondern vielmehr als ein disziplinübergreifendes Forschungsprogramm:
Das kulturwissenschaftliche Forschungsprogramm zielt darauf ab, die impliziten, in der Regel nicht bewussten symbolischen Ordnungen, kulturellen Codes und Sinnhorizonte zu explizieren, die in unterschiedlichsten menschlichen Praktiken – verschiedener Zeiten und Räume – zum Ausdruck kommen und diese ermöglichen. Indem die Abhängigkeit der Praktiken von historisch- und lokal-spezifischen Wissensordnungen herausgearbeitet wird, wird die Kontingenz dieser Praktiken, ihre Nicht-Notwendigkeit und Historizität demonstriert.
Was cultural turn charakterisiert, ist nicht nur die gegenständliche oder methodische Orientierung an »Kultur«, verstanden als ein System von Codes oder Bedeutungen, auch nicht allein das neu entflammte Interesse für die »unteren Sphären« des kulturellen Lebens. Die Wende liegt vor allem in der Fähigkeit zur Selbstreflexivität und der Selbst- bezüglichkeit des wissenschaftlichen Diskurses. Kultur taucht in der Wende-Perspektive nicht mehr nur als Objekt auf, sondern auch als Bedingung, Modus und Ordnung der Wissenschaft selbst. Die Wissenschaft ist kein neutraler Ort der Beobachtung von kulturellen Phänomenen, da sie selbst als kulturelles Produkt an diesen Phänomenen teilhat, ja selbst ein kulturelles Phänomen darstellt und zugleich die Kultur immer von neuem mitgestaltet.
Kulturalismus bedeutet in diesem Zusammenhang zweierlei:
– Die ausschließliche Heranziehung der Kategorie Kultur zur Erklärung von sozialen, politischen, ökonomischen, aber durchaus auch intergenerationalen oder auf Geschlecht (gender) bezogenen Phänomenen.
– Die Erklärung der Fremdheit durch kulturelle Andersheit der »Fremden« selbst; Festschreibung, Verabsolutierung und Naturalisierung von kulturellen Differenzen.
Die Kritik am »kämpferischen« Kulturalismus teilt mit diesem die Annahme, dass es nämlich die kulturellen Differenzen sind, die hinter den weltumspannenden sowie innerstaatlichen Konflikten stecken.
Wenn die Kultur als trennender, ja sogar Konflikte verursachender Faktor ins Treffen geführt wird, dann ist es nur rechtens, darauf hinzuweisen, dass Kultur ebenso gut auch ein verbindender Faktor sein kann. Es geht darum, den »Zwischenraum« der Kulturen für eine Verständigung zu nutzen.
Das »Verstehen fremder Kulturen« und »Kulturverständigung« steht in Verdacht, selbst einem kulturalistischen Weltbild aufzusitzen.
Das Modell des interkulturellen Diskurs hat Schwächen:
Interkulturalität beruht auf der Annahme relativ abgeschlossener Einheiten namens Kultur und verfestigt diese Annahme.
Interkulturalität trägt dazu bei, ungleiche Gesellschaftsstrukturen unsichtbar zu machen und sich durch Verzahnung mit »Integrationsdiskurs« der Machtfrage zu entziehen.
dabei wird eine deutliche Grenze zwischen dem »Wir« und den »Anderen« gezogen.
Eine einfache binäre Gegenüberstellung – etwa des ›Ausländers‹ und der ›Einheimischen‹ – negiert nicht nur die Vielfältigkeit der Differenzen, der konstruierten Gruppen und ihrer diskursiven Überlappungen, sondern stabilisiert auch hegemoniale Macht- verhältnisse, während gleichzeitig Ausgrenzungsprozesse unzulässigerweise simplifiziert werden. Wenn z. B. der Umgang mit dem ›Fremden‹ propagiert wird, ohne dies zu hinterfragen, oder eine unkritische Idee von ›Kultur‹ bestätigt wird, so führt dies wohl kaum zur Irritierung bestehender Machtverhältnisse – eher zum Gegenteil«
3. Interkulturelle Kompetenz wird fast ausschließlich der Mehrheitsbevölkerung zugedacht; Personen mit »migrantischem Hintergrund« etwa fungieren dabei nur als Anschauungsmaterial.
– Die ausschließliche Heranziehung der Kategorie Kultur zur Erklärung von sozialen, politischen, ökonomischen, aber durchaus auch intergenerationalen oder auf Geschlecht (gender) bezogenen Phänomenen.
– Die Erklärung der Fremdheit durch kulturelle Andersheit der »Fremden« selbst; Festschreibung, Verabsolutierung und Naturalisierung von kulturellen Differenzen.
Die Kritik am »kämpferischen« Kulturalismus teilt mit diesem die Annahme, dass es nämlich die kulturellen Differenzen sind, die hinter den weltumspannenden sowie innerstaatlichen Konflikten stecken.
Wenn die Kultur als trennender, ja sogar Konflikte verursachender Faktor ins Treffen geführt wird, dann ist es nur rechtens, darauf hinzuweisen, dass Kultur ebenso gut auch ein verbindender Faktor sein kann. Es geht darum, den »Zwischenraum« der Kulturen für eine Verständigung zu nutzen.
Das »Verstehen fremder Kulturen« und »Kulturverständigung« steht in Verdacht, selbst einem kulturalistischen Weltbild aufzusitzen.
Das Modell des interkulturellen Diskurs hat Schwächen:
Interkulturalität beruht auf der Annahme relativ abgeschlossener Einheiten namens Kultur und verfestigt diese Annahme.
Interkulturalität trägt dazu bei, ungleiche Gesellschaftsstrukturen unsichtbar zu machen und sich durch Verzahnung mit »Integrationsdiskurs« der Machtfrage zu entziehen.
dabei wird eine deutliche Grenze zwischen dem »Wir« und den »Anderen« gezogen.
Eine einfache binäre Gegenüberstellung – etwa des ›Ausländers‹ und der ›Einheimischen‹ – negiert nicht nur die Vielfältigkeit der Differenzen, der konstruierten Gruppen und ihrer diskursiven Überlappungen, sondern stabilisiert auch hegemoniale Macht- verhältnisse, während gleichzeitig Ausgrenzungsprozesse unzulässigerweise simplifiziert werden. Wenn z. B. der Umgang mit dem ›Fremden‹ propagiert wird, ohne dies zu hinterfragen, oder eine unkritische Idee von ›Kultur‹ bestätigt wird, so führt dies wohl kaum zur Irritierung bestehender Machtverhältnisse – eher zum Gegenteil«
3. Interkulturelle Kompetenz wird fast ausschließlich der Mehrheitsbevölkerung zugedacht; Personen mit »migrantischem Hintergrund« etwa fungieren dabei nur als Anschauungsmaterial.
Versuche, Kultur zum Gegenstand von Lern-, Kompetenzerwerbs- und Bildungsmaßnahmen zu machen, führen zur weiteren Kulturalisierung, zur Reproduktion von kulturellen Klischees, zur Verschleierung von Machtbeziehungen sowie von gesellschaftlichen Strukturen der Ungleichheit. Damit wird der eurozentrische Hunger auf das »Lernen über Andere« gestillt. Wir wissen jedoch aus der Geschichte des Kolonialismus, dass dieser Wille zum Verstehen durchaus mit dem Willen zum Herrschen gepaart sein kann.
Im Anschluss an die postkoloniale Theorie und Sichtweise ist hier im Bereich des “Kulturlernens” eine »Kompetenzlosigkeitskompetenz« oder »Verlernen« zu fordern, um an den Machtverhältnissen zu rütteln, die das “Wir” zum Subjekt des Lernens erheben, während sie die »Anderen« auf ein Dasein als Lerngegenstand reduzieren.
Es gilt hier, ein neues Verständnis von Interkulturalität zu entwickeln auf der Basis der philosophischen Orientierung, welches zwar Kultur ins Spiel bringt, jedoch nicht ein »Lernen über Andere« forciert, sondern vielmehr eine machtkritische Perspektive entwickelt, die vor allem die (post-) kolonialen Verhältnisse im Bereich des philosophischen Wissens in den Blick nehmen soll.
Im Anschluss an die postkoloniale Theorie und Sichtweise ist hier im Bereich des “Kulturlernens” eine »Kompetenzlosigkeitskompetenz« oder »Verlernen« zu fordern, um an den Machtverhältnissen zu rütteln, die das “Wir” zum Subjekt des Lernens erheben, während sie die »Anderen« auf ein Dasein als Lerngegenstand reduzieren.
Es gilt hier, ein neues Verständnis von Interkulturalität zu entwickeln auf der Basis der philosophischen Orientierung, welches zwar Kultur ins Spiel bringt, jedoch nicht ein »Lernen über Andere« forciert, sondern vielmehr eine machtkritische Perspektive entwickelt, die vor allem die (post-) kolonialen Verhältnisse im Bereich des philosophischen Wissens in den Blick nehmen soll.
Hier erscheint der Aufgabenbereich der Interkulturellen Philosophie.
Interkulturelle Philosophie artikulierte ihr Programm vor dem Hintergrund eines Prozesses, der zwar im Terminus Globalisierung einen Namen gefunden hatte, dessen Ausgang allerdings offen und umkämpft war wie auch heute. Eine solche Ungewissheit rief unter anderem philosophische (erkenntnistheoretische, ethische, logische und ontologische) Konzeptionen auf den Plan, die jedoch im Rahmen der weitgehend eurozentrisch betriebenen philosophischen Disziplin nicht oder nur wieder als »Einbahn« hätten formuliert werden können – solange nicht ein Umdenken stattfand.
Eine Art gemeinsamen Nenner bilden drei programmatische Arbeitshypothesen, die für alle unterschiedlichen interkulturell-philosophischen Ansätze gültig sind:
Interkulturelle Philosophie artikulierte ihr Programm vor dem Hintergrund eines Prozesses, der zwar im Terminus Globalisierung einen Namen gefunden hatte, dessen Ausgang allerdings offen und umkämpft war wie auch heute. Eine solche Ungewissheit rief unter anderem philosophische (erkenntnistheoretische, ethische, logische und ontologische) Konzeptionen auf den Plan, die jedoch im Rahmen der weitgehend eurozentrisch betriebenen philosophischen Disziplin nicht oder nur wieder als »Einbahn« hätten formuliert werden können – solange nicht ein Umdenken stattfand.
Eine Art gemeinsamen Nenner bilden drei programmatische Arbeitshypothesen, die für alle unterschiedlichen interkulturell-philosophischen Ansätze gültig sind:
Hypothese 1: »Jede Philosophie ist kulturell eingebettet«
Das Dilemma der Kulturalität jeder Philosophie ist:
Philosophie strebt nach Allgemeingültigkeit und ist zugleich immer in einen kulturellen Kontext eingebettet, aus dem sie nicht nur ihre Ausdrucksmittel und ihre Fragestellungen hat, innerhalb dessen noch ihre Einsichtigkeit und Überzeugungskraft zu messen ist.
Das Dilemma der Kulturalität jeder Philosophie ist:
Philosophie strebt nach Allgemeingültigkeit und ist zugleich immer in einen kulturellen Kontext eingebettet, aus dem sie nicht nur ihre Ausdrucksmittel und ihre Fragestellungen hat, innerhalb dessen noch ihre Einsichtigkeit und Überzeugungskraft zu messen ist.
Hypothese 2: Es gibt mehrere Geburtsorte und Traditionen der Philosophie.
Philosophie gehört – wie Kunst – zur ›conditio humana‹ und ist in allen Kulturen anzutreffen. Die Philosophien der verschiedenen Kulturen sind (wie diese insgesamt) dem Rang nach gleich und dem Inhalt nach verschieden.
Philosophie gehört – wie Kunst – zur ›conditio humana‹ und ist in allen Kulturen anzutreffen. Die Philosophien der verschiedenen Kulturen sind (wie diese insgesamt) dem Rang nach gleich und dem Inhalt nach verschieden.
Hypothese 3: Philosophische Wahrheit ist (noch) nicht allgemeingültig.
Wenn jede Philosophie kulturell eingebettet ist, dann könnte nur jene Philosophie für sich die weltumfassende Wahrheit in Anspruch nehmen, welche einer Weltkultur entspringt. Davon sind wir aber bekanntlich weit entfernt.
Deshalb gilt: Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren.
Wenn jede Philosophie kulturell eingebettet ist, dann könnte nur jene Philosophie für sich die weltumfassende Wahrheit in Anspruch nehmen, welche einer Weltkultur entspringt. Davon sind wir aber bekanntlich weit entfernt.
Deshalb gilt: Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren.
Interkulturelle Philosophie widmet sich demzufolge dem Verstehen und Deuten kulturell unterschiedlicher philosophischer Konzepte ebenso wie dem Entwurf von Modellen, die dafür notwendig sind. Das interkulturelle Modell des Verstehens heißt analogische Hermeneutik.
Die analogische Hermeneutik ist ein kulturvergleichendes Projekt. Dabei geht es aber nicht um einen Vergleich, um schließlich das Eigene, das Vertraute im Unbekannten, »Fremden« wiederzufinden. Der Zweck der vergleichenden Philosophie ist das Auffinden von Überlappungen zwischen kulturell unterschiedlichen Denkformen und -produkten sowie die Verbreiterung und Vermehrung solcher Überlappungen. Überlappungen sollen als Anfangspunkte dienen, um philosophische Fragen nach und nach in einem wirklich globalen Sinne stellen und beantworten zu können: in einem philosophischen Dialog unter- schiedlicher Traditionen. Eine orthafte Ortlosigkeit wird sofür die Philosophie postuliert. Diese kann (regionale, traditionale etc.) Zentren aufweisen, darf aber keinen Zentrismus zulassen.
Die analogische Hermeneutik ist ein kulturvergleichendes Projekt. Dabei geht es aber nicht um einen Vergleich, um schließlich das Eigene, das Vertraute im Unbekannten, »Fremden« wiederzufinden. Der Zweck der vergleichenden Philosophie ist das Auffinden von Überlappungen zwischen kulturell unterschiedlichen Denkformen und -produkten sowie die Verbreiterung und Vermehrung solcher Überlappungen. Überlappungen sollen als Anfangspunkte dienen, um philosophische Fragen nach und nach in einem wirklich globalen Sinne stellen und beantworten zu können: in einem philosophischen Dialog unter- schiedlicher Traditionen. Eine orthafte Ortlosigkeit wird sofür die Philosophie postuliert. Diese kann (regionale, traditionale etc.) Zentren aufweisen, darf aber keinen Zentrismus zulassen.
Das Zentrismus-Problem ist ein zentraler Ansatz in der interkulturellen Philosophie.
Es ist erstens eine neue Sicht auf die Geschichte des Philosophierens zu entwickeln, und es müssen zweitens in jeder Sachfrage solche Auseinandersetzungen zwischen differenten Traditionen stattfinden, wie sie als Polyloge benannt werden können, aufgrund des einfachen Sachverhalts, dass es niemals in irgendeiner kulturellen Tradition eine endgültige Begriffssprache, eine Ausdrucksform oder eine Methode der Philosophie gegeben hat oder gibt. Der Weg zur Erfüllung dieses Programms führt über die Zentrismus-Kritik zu einem kommunikativen Prozess, in dem PhilosophInnen aus verschiedenen Traditionen angesichts der gegenwärtigen Weltsituation gemeinsam philosophische Fragen ausarbeiten und sich an das ebenfalls gemeinsame Beantworten dieser Fragen machen. Es geht hier vor allem um eine »Kontextualisierung« der Philosophie, in dem diese mit ihrer eigenen kulturellen Partikularität konfrontiert wird: Wenn von »universellen« Wahrheiten gesprochen und dabei nur der eigene Denkhorizont zum Maßstab genommen wird, kann nicht von einer legitimen Allgemeingültigkeit die Rede sein, sondern von einem partikularistischen Denken. In einem zweiten Schritt bedeutet Interkulturalität die Suche nach Überlappungen. In diesem Zusammenhang kommt das dialogische Prinzip ins Spiel: Interkulturalität in der Philosophie ist das Wissen um die anderen philosophischen Traditionen, denen mit Respekt und Interesse zu begegnen ist.
Die Sichtweise der Globalität auf dem Hintergrund einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen zeigt, dass der Weg des Verstehens neu verortet werden muss. Eine zentristische Hermeneutik ist als Irrweg anzusehen. Der Weg muss über das Besondere, die Differenz, führen. Aber welche Differenz? Wie ist sie ontologisch oder erkenntnistheoretisch zu bestimmen? Es ist von kulturellen Differenzen die Rede; diese sollen berücksichtigt, anerkannt und verstanden werden. Doch dabei stößt man auf Schwierigkeiten, die die Begriffswelt von Kultur und Kulturen betreffen. Denn die Begriffe, die Kulturen beschreiben und behaupten Unterschiede, zivilisiert versus unzivilisiert, schwarz versus weiß, friedlich versus kriegerisch, gläubig versus ungläubig, die fast immer gewalttätig instruiert wurden und mit der Bereitschaft zur Gewalt aufrechterhalten werden. Diese Unterschiede waren und sind Asymmetrien, die einen dominanten und einen inferioren Wert voneinander trennen und dies durchaus nicht in kategorialer, sondern in performativer Absicht: Die Unterschiede beschreiben nicht nur, sie richten die Welt entsprechend ein, und sie signalisieren eine Bereitschaft, diese Einteilung wie subtil oder augenscheinlich auch immer durchzuhalten. Aus dieser Belastung, die vom Begriff der Kultur ausgeht, kann die Einführung eines neuen Begriffs, den der Kulturalität, führen.
Es ist erstens eine neue Sicht auf die Geschichte des Philosophierens zu entwickeln, und es müssen zweitens in jeder Sachfrage solche Auseinandersetzungen zwischen differenten Traditionen stattfinden, wie sie als Polyloge benannt werden können, aufgrund des einfachen Sachverhalts, dass es niemals in irgendeiner kulturellen Tradition eine endgültige Begriffssprache, eine Ausdrucksform oder eine Methode der Philosophie gegeben hat oder gibt. Der Weg zur Erfüllung dieses Programms führt über die Zentrismus-Kritik zu einem kommunikativen Prozess, in dem PhilosophInnen aus verschiedenen Traditionen angesichts der gegenwärtigen Weltsituation gemeinsam philosophische Fragen ausarbeiten und sich an das ebenfalls gemeinsame Beantworten dieser Fragen machen. Es geht hier vor allem um eine »Kontextualisierung« der Philosophie, in dem diese mit ihrer eigenen kulturellen Partikularität konfrontiert wird: Wenn von »universellen« Wahrheiten gesprochen und dabei nur der eigene Denkhorizont zum Maßstab genommen wird, kann nicht von einer legitimen Allgemeingültigkeit die Rede sein, sondern von einem partikularistischen Denken. In einem zweiten Schritt bedeutet Interkulturalität die Suche nach Überlappungen. In diesem Zusammenhang kommt das dialogische Prinzip ins Spiel: Interkulturalität in der Philosophie ist das Wissen um die anderen philosophischen Traditionen, denen mit Respekt und Interesse zu begegnen ist.
Die Sichtweise der Globalität auf dem Hintergrund einer Vielzahl unterschiedlicher Kulturen zeigt, dass der Weg des Verstehens neu verortet werden muss. Eine zentristische Hermeneutik ist als Irrweg anzusehen. Der Weg muss über das Besondere, die Differenz, führen. Aber welche Differenz? Wie ist sie ontologisch oder erkenntnistheoretisch zu bestimmen? Es ist von kulturellen Differenzen die Rede; diese sollen berücksichtigt, anerkannt und verstanden werden. Doch dabei stößt man auf Schwierigkeiten, die die Begriffswelt von Kultur und Kulturen betreffen. Denn die Begriffe, die Kulturen beschreiben und behaupten Unterschiede, zivilisiert versus unzivilisiert, schwarz versus weiß, friedlich versus kriegerisch, gläubig versus ungläubig, die fast immer gewalttätig instruiert wurden und mit der Bereitschaft zur Gewalt aufrechterhalten werden. Diese Unterschiede waren und sind Asymmetrien, die einen dominanten und einen inferioren Wert voneinander trennen und dies durchaus nicht in kategorialer, sondern in performativer Absicht: Die Unterschiede beschreiben nicht nur, sie richten die Welt entsprechend ein, und sie signalisieren eine Bereitschaft, diese Einteilung wie subtil oder augenscheinlich auch immer durchzuhalten. Aus dieser Belastung, die vom Begriff der Kultur ausgeht, kann die Einführung eines neuen Begriffs, den der Kulturalität, führen.
Kulturalität bezieht sich nicht unmittelbar auf das Substantiv Kultur, sondern auf das Adjektiv kulturell: Es handelt sich um einen terminologischen Umweg, den wir nehmen können, um den belasteten Kultur-Begriff zu umgehen. Kulturalität verweist nicht auf Differenzen zwischen Kulturen, sondern auf eine Differenz unter anderen. Sie ist eine Perspektive, ein Faktor und eine Dimension der Erkenntnis, des Handelns und Sprechens.
Der Universalismus und seine hegemonialen Ordnungen können mit dem Hinweis auf die »Differenz Kulturalität« relativiert, kontextualisiert – kritisiert werden.
Die Differenz im kulturellen Sinne muss nicht durch positive (somit auch: vorgegebene) Einzelglieder namens Kultur bestehen. Das Vorhandensein der Kulturalität resultiert aus dem Moment der interkulturellen Konstellation. Kulturalität ist demnach nur in Interkulturalität begreifbar. Das ist der Weg, den die interkulturelle Philosophie geebnet hat. Kulturalität erscheint auf dem Weg interkulturellen Philosophierens als Differenz, wie andere erkenntnistheoretisch relevante Differenzen (etwa gender, class, race ). Der Universalismus und seine hegemonialen Ordnungen können mit dem Hinweis auf die »Differenz Kulturalität« relativiert, kontextualisiert – kritisiert werden!
Was jedoch der interkulturellen Orientierung in der Philosophie noch als kulturalistisches Relikt anhaftet, der blinde Fleck namens »Kultur«, bedarf auch einer näheren Bestimmung.
Es gibt in jeder Kultur zwischen dem Brauch dessen, was man die Ordnungscodes und die Reflexion über die Ordnung nennen könnte, die nackte Erfahrung der Ordnung und ihrer Seinsweisen.
Kultur ist von daher als eine Ordnung zu analysieren. Wenn Kultur eine Ordnung (der Dinge, der Erkenntnis, des Glaubens und Handelns) ist, hat sie – wie jede Ordnung – auch mit Wissen, Organisation, Ökonomie und vor allem auch mit Macht zu tun, und sie bezieht ihre Kraft vor allem aus der eigenen Unsichtbarkeit. Hier scheint die Möglichkeit einer Partikularismus-Kritik auf. Dort, wo gerne auf die »eigene Kultur« gepocht und ethnozentrisch verfahren wird (nicht nur im Sinne des Eurozentrismus), besitzt der Verweis auf Kultur als Ordnung eine kritische Kraft, die kulturrelativistische Mauer zu durchbrechen.
Die Differenz im kulturellen Sinne muss nicht durch positive (somit auch: vorgegebene) Einzelglieder namens Kultur bestehen. Das Vorhandensein der Kulturalität resultiert aus dem Moment der interkulturellen Konstellation. Kulturalität ist demnach nur in Interkulturalität begreifbar. Das ist der Weg, den die interkulturelle Philosophie geebnet hat. Kulturalität erscheint auf dem Weg interkulturellen Philosophierens als Differenz, wie andere erkenntnistheoretisch relevante Differenzen (etwa gender, class, race ). Der Universalismus und seine hegemonialen Ordnungen können mit dem Hinweis auf die »Differenz Kulturalität« relativiert, kontextualisiert – kritisiert werden!
Was jedoch der interkulturellen Orientierung in der Philosophie noch als kulturalistisches Relikt anhaftet, der blinde Fleck namens »Kultur«, bedarf auch einer näheren Bestimmung.
Es gibt in jeder Kultur zwischen dem Brauch dessen, was man die Ordnungscodes und die Reflexion über die Ordnung nennen könnte, die nackte Erfahrung der Ordnung und ihrer Seinsweisen.
Kultur ist von daher als eine Ordnung zu analysieren. Wenn Kultur eine Ordnung (der Dinge, der Erkenntnis, des Glaubens und Handelns) ist, hat sie – wie jede Ordnung – auch mit Wissen, Organisation, Ökonomie und vor allem auch mit Macht zu tun, und sie bezieht ihre Kraft vor allem aus der eigenen Unsichtbarkeit. Hier scheint die Möglichkeit einer Partikularismus-Kritik auf. Dort, wo gerne auf die »eigene Kultur« gepocht und ethnozentrisch verfahren wird (nicht nur im Sinne des Eurozentrismus), besitzt der Verweis auf Kultur als Ordnung eine kritische Kraft, die kulturrelativistische Mauer zu durchbrechen.
Schlussfolgerung
Der cultural turn bildet die Basis für die Einsicht, dass unser (auch wissenschaftliches) Denken und Erkennen nicht im »kulturfreien« Raum stattfinden. Mit derselben Wende hin zum Kulturellen geht aber auch eine Überhöhung der Konzepte von Kultur und kultureller Differenz einher. Interkulturelle Philosophie bietet (natürlich innerhalb der Grenzen eines akademi- schen Faches) ein alternatives Verständnis von Interkulturalität an: Es geht demnach nicht nur um das Lernen von »fremden Philosophien«, auch nicht darum, kulturelle Differenzen zum Gegenstand des Wissens zu machen: Diese bilden vielmehr einen »Bezugspunkt« für die Philosophie, da jede Philosophie kulturell eingebettet ist. Es handelt sich um den Vorschlag, dass PhilosophInnen unter Berücksichtigung unter- schiedlicher Philosophietraditionen an philosophischen Konzepten der Gegenwart und Zukunft arbeiten sollen. Doch dieses das »Andere« anerkennende, zur gemeinsamen Handlung einladende Konzept funktioniert nur, solange wir nicht den Kultur-Begriff (und kulturelle Differenzen) hinterfragen.
Der cultural turn bildet die Basis für die Einsicht, dass unser (auch wissenschaftliches) Denken und Erkennen nicht im »kulturfreien« Raum stattfinden. Mit derselben Wende hin zum Kulturellen geht aber auch eine Überhöhung der Konzepte von Kultur und kultureller Differenz einher. Interkulturelle Philosophie bietet (natürlich innerhalb der Grenzen eines akademi- schen Faches) ein alternatives Verständnis von Interkulturalität an: Es geht demnach nicht nur um das Lernen von »fremden Philosophien«, auch nicht darum, kulturelle Differenzen zum Gegenstand des Wissens zu machen: Diese bilden vielmehr einen »Bezugspunkt« für die Philosophie, da jede Philosophie kulturell eingebettet ist. Es handelt sich um den Vorschlag, dass PhilosophInnen unter Berücksichtigung unter- schiedlicher Philosophietraditionen an philosophischen Konzepten der Gegenwart und Zukunft arbeiten sollen. Doch dieses das »Andere« anerkennende, zur gemeinsamen Handlung einladende Konzept funktioniert nur, solange wir nicht den Kultur-Begriff (und kulturelle Differenzen) hinterfragen.
Welche Kulturen haben welche Philosophien geschaffen? Wer entscheidet darüber, ob etwa eine bestimmte asiatische Lehre oder eine afrikanische Methode zur ethischen Entscheidungsfindung philosophische Felder bilden oder nicht? Woher wissen wir, dass eine Philosophietradition vorliegt? Diese und weitere Fragen, die sich aus der problematischen Annahme von kulturellen Differenzen ergeben, bleiben offen.
Wenn es um Kulturen geht, ist das Bekannte, das wir auf das Unbekannte projizieren, nicht nur unser Selbstverständnis. Wir wissen eigentlich mehr; wir wissen um die Differenz – um die Differenz, die jene besuchte (oder »daheim«, im Nachbar- haus und auf dem Marktplatz zu beobachtende) Kultur von meiner unterscheidet. Wir wissen nicht, worin dieser Unterschied besteht. Das werden wir wahrscheinlich auch nie (auch nicht nach Jahrzehnte langem Leben im Schoße jener Kultur) wissen. Denn die Differenz, von der hier die Rede ist, folgt nicht einer Erfahrung; sie ist nicht gelernt worden in dem Sinne, wie man den Altersunterschied zwischen sich und einer anderen Person erfährt. Sondern sie ist gelernt worden in dem Sinne, wie wir bestimmte Begriffe wie Geist oder Seele »lernen«. Wir »lernen«, dass es kulturelle Differenzen gibt, bevor wir Kulturen lernen.
Darum gestaltet sich auch das Kulturen Lernen (im Sinne von »Verstehen«) immer als Suche nach sichtbaren Differenzen, die unser Vor-Erfahrungs-Wissen über die Differenzen bestätigen sollen.
Wenn wir unser Ebenbild im Anderen wieder finden, dann haben wir es nicht mehr mit »Fremden« zu tun.
Auf dieses Problem der zur Identität verkommenden Differenz soll hier hingewiesen werden:
Innerhalb der westlichen Tradition des Denkens sind wir es gewohnt, Differenz nicht in ihrer eigenen spezifischen Bedeutung zu denken, sondern nur als Gegenseite der Identität.
Die Kulturalität als Differenz sucht im Anderen, dem Fremden nicht nach dem eigenen Ebenbild. Kulturalität soll auf eine jeweils besondere Konstellation von Geschichte, Machtverhältnissen, Wissen und Handlungsmöglichkeiten hindeuten. Diese Konstellation ist nicht überall und zu jeder Zeit gleich. Ein solches Konzept will die Aufmerksamkeit gegenüber dieser Differenz (Kulturalität) zum Prinzip erheben.
Darum gestaltet sich auch das Kulturen Lernen (im Sinne von »Verstehen«) immer als Suche nach sichtbaren Differenzen, die unser Vor-Erfahrungs-Wissen über die Differenzen bestätigen sollen.
Wenn wir unser Ebenbild im Anderen wieder finden, dann haben wir es nicht mehr mit »Fremden« zu tun.
Auf dieses Problem der zur Identität verkommenden Differenz soll hier hingewiesen werden:
Innerhalb der westlichen Tradition des Denkens sind wir es gewohnt, Differenz nicht in ihrer eigenen spezifischen Bedeutung zu denken, sondern nur als Gegenseite der Identität.
Die Kulturalität als Differenz sucht im Anderen, dem Fremden nicht nach dem eigenen Ebenbild. Kulturalität soll auf eine jeweils besondere Konstellation von Geschichte, Machtverhältnissen, Wissen und Handlungsmöglichkeiten hindeuten. Diese Konstellation ist nicht überall und zu jeder Zeit gleich. Ein solches Konzept will die Aufmerksamkeit gegenüber dieser Differenz (Kulturalität) zum Prinzip erheben.
Dienstag, 1. Januar 2013
PFLÜCKTEXTE
Pflücktexte sind sprachliche Anstöße, die - so der Name - auf dem Weg durch das Jahr gepflückt werden können, um eine neue Sichtweise zu gewinnen.
Pflücktexte sind sprachliche Interventionen, die verstörend subversiv oder affirmativ klärend Fragliches in einen neuen Antwortrahmen stellen.
Pflücktexte können zu stärkenden Wegbegleiter werden.
Pflücktexte wollen gepflückt und weitergegeben werden.
Kontemplatives Beten
------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Theologische Sätze sind voraussetzungslose,
Gib deiner Zeit mehr Leben
Einatmend weile ich ganz im gegenwärtigen Augenblick.
Ausatmend weiß ich,
dass es ein wundervoller Augenblick ist.
..............................................................................................
Ich glaube...
Verbundenheit
Im
Universum ist alles mit allem verbunden.
Weltsicht – sich
ein Bild machen
Die
Welt ist nicht, was wir sehen, hören und intellektuell begreifen.
Sehnsucht
Pflücktexte sind sprachliche Interventionen, die verstörend subversiv oder affirmativ klärend Fragliches in einen neuen Antwortrahmen stellen.
Pflücktexte können zu stärkenden Wegbegleiter werden.
Pflücktexte wollen gepflückt und weitergegeben werden.
Sprache - Ruhe - Stille
Die sprache die trägt
sie der boden des denkens
das netz der erkenntnis
der humus des verstehens
Ruhig werden
die sprache verlassen
und kommen
zu den worten
worte
die begriffe entstehen lassen
dinge in sagbarkeit verwandeln
------------------------------------------
Was ist
was zeigt es
und wozu
sprache lässt verbindungen finden
worte bleiben den dingen nah
darin ruhen
ohne begründende wertung
einfach sein
einfaches sein
durch worte hindurch
stille erfahren
-------------------------
Die vordergründige sinnlichkeit
den lärm der sinne
der gedanken
und gefühle
verlassen
lassen
schauen
hören
ohne zu werten
ohne zu urteilen
nur da sein
spüren und lauschen
dinge ereignen lassen
wenn ruhe einkehrt
einfälle haben
wenn leere sich ausbreitet
nur dann kann etwas
einfallen
------------------------------
Stille - Ruhe
schauen
ohne etwas bestimmtes
sehen zu wollen
den willen lassen
reines offensein
Schauen
eine blume anschauen
ohne sie zu zerlegen
in farbe und form
einen baum einen menschen
aufnehmen
wie er ist
ohne wertung
ohne urteil
ohne ihn einzusortieren
in denkmuster und schubladen
in sprache
Stille - Ruhe
in der ruhe
ordnende
heilende
harmonisierende
kräfte erfahren
Achtsamkeit führt in die Stille
Ruhe macht etwas mit uns
das wort sein lassen
es zu mir lassen
es atmen
achtsam werden
auf den rhythmus
der mich abseits
der nach außen
gerichteten sprache
im innern trägt
Atmen
und das bewusstsein
wird nach
innen
gerichtet
atmen erzeugt ruhe
wenn die gedanken
die immer wieder hochkommen
abfließen
wenn leere sich ausbreitet
stille
die still sagt
Siehe
mit dem atem gefüllt
Ich bin bei dir
Ausatmen
in all die gedanken und
gefühle hinein
die sich einstellen
nicht verdrängen
mit dem atem
schwebend lassen
sie
getragen vom einfall
des wortes
nicht begriff
lebendiges wort
Ich Bin Bei Dir
gedanken gefühle
ankern
das wort mit dem atem verbunden
lebendig
neues geschieht
ICH BIN BEI DIR
getragen werden
in die tiefe der ruhe
die zu dir spricht
ICH und da nicht allein
in berührung kommen
mit dem inneren ort
dort wo alte sprache
keinen zutritt hat
weil sie keinen zugang findet
dort wird neues geboren
das zur ruhe kommt
ein neuer geist
SIEHE ICH BIN MIT DIR
Ruhe und Sprache
Die sprache die trägt
sie der boden des denkens
das netz der erkenntnis
der humus des verstehens
Ruhig werden
die sprache verlassen
und kommen
zu den worten
worte
die begriffe entstehen lassen
dinge in sagbarkeit verwandeln
Interkulturell nachgedacht
Bemühet euch nicht, neue Lehren zu predigen, sondern gebt euch hin in Liebe. Euer abendländisches Denken steht allzu sehr im Banne von Eroberungsgedanken, und euer traditioneller Wahn, Proselyten zu machen, ist neu eine Form davon. Christus predigt nie sich selbst oder ein neues Dogma oder eine Lehre, er predigt bloß Gottes Liebe.
Rabindranath Tagore (1861–1941)
-------------------------------------------
Mir schien, dass man umso krampfhafter an der eigenen Identität festhielt, je fraglicher sie wurde!
Man muss üben, wenn man das eigene Herz für die Begegnung mit Gott disponieren will.
Von der Ichbezogenheit zur Gottbezogenheit, Leer-werden, kontemplativer Erlösungsweg, Ausrichtung auf Gott, den "Namen Jesu".
Stille, atmen, auf den Atem achten, ohne große Worte und Gesten:
Schauen und nicht Nachdenken
Lauschen und nicht Reden
Spüren und nicht Analysieren
Mit dem Dasein beten
Auf die Natur, den Körper, den Atem, die Hände achten,
Stilles atmen und beten des Namen Jesu (Herzensgebet)
Achte auf die Pause zwischen den Atemzügen.
Ich schaue auf Gott und Gott schaut auf mich - das verwandelt und heilt!
"Wenn dein Herz wandert oder leidet, bring es behutsam an seinen Platz und versetze es sanft in die Gegenwart des Herrn. Und selbst wenn du in deinem Leben nichts getan hast außer dein Herz zurückzubringen und wieder in die Gegenwart unseres Gottes zu versetzen, obwohl es jedes Mal wieder fortlief, nachdem du es zurückgebracht hattest, dann hast du dein Leben wohl erfüllt." (Franz von Sales)
Kontemplativ beten heißt, einfach da sein, aufmerksam und absichtslos in der Gegenwart Gottes verweilen. Nichts tun, nichts erreichen wollen, auch keine besonderen Erfahrungen, Gott um seiner selbst willen lieben, nicht um seiner Gaben willen!
Wenn ich erlebe, wie mein ruheloser Geist wieder ständig am Denken, Machen und Tun ist, kehre ich zurück in die Gegenwart, zu meinem Atem, zu meinen Händen und zum Namen Jesu, d.i. zum Dasein.
Nur zu Gott schauen und sich von ihm anschauen lassen. Nichts mehr. Und dann sehen, was passiert und wohin es mich führt.
"Deine Strahlen fassen und dich wirken lassen" (Gerhard Tersteegen)
Statt ständig selber zu wirken und das Reich Gottes in die Welt zu pressen!
Die Zeit
»Die Zeit ist nicht heute. Die Zeit ist überhaupt nicht mehr, denn es könnte gestern gewesen sein, lange her gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein. Für die Einheiten dieser Zeit, in die andere Zeiten einspringen, gibt es kein Maß, und es gibt kein Maß für die Unzeiten, in die, was niemals in der Zeit war, hineinspielt.« Ingeborg Bachmann
-------------------------------------------------
Der Weg
Du hörst zu. Wenn du zuhörst, wird zu dir gesprochen.
Wenn zu dir gesprochen wird, öffnen sich die Türen, wenn die Türen
geöffnet sind, dann bist du ganz bei ihnen, du kannst sie berühren, in
ihrem Innersten sein. Nur so befreist du sie von ihren Zweifeln und
ihren Ängsten vor den Übeln der Welt. Du befreist sie und dafür
geben sie dir ihre Unterschrift, ihr Vertrauen und am Ende ihr Geld.
----------------------
Der Anfang...
Wer staunend zum erstenmal sein Spiegelbild betrachtet, fragt: “Wer ist der, welcher mich so staunend ansieht?”. Wenn das Denken sich selbst betrifft, beginnt das “Denken des Denkens” und wir fragen, was ist das eigentlich, “Denken”? Wohin führt es, wie weit trägt es, was leistet es, wo sind seine Grenzen? Philosophie jenseits des Staunens ist Fragen, ist Hinterfragen, in Frage stellen.
------------------------------
Im Anfang war
das Wort (Joh. 1,1)Theologische Sätze sind voraussetzungslose,
nicht ableitbare Sätze:
Dass Gott allein aus der
Selbstmitteilung seines Wortes
zu erkennen ist, das ist ein
analytischer Satz,
mit dem Kirche und Theologie
stehen oder fallen.
Es darf nicht vergessen
werden, dass der Mensch im Verhältnis zu Gott
sich zuerst etwas sagen zu
lassen und also zu hören hat,
was ihm unbekannt ist und
was er sich auf keiner Weise
und in keinem Sinn selber
sagen kann.
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Gib deiner Zeit mehr Leben
Einatmend weile ich ganz im gegenwärtigen Augenblick.
Ausatmend weiß ich,
dass es ein wundervoller Augenblick ist.
..............................................................................................
Ich glaube...
an die Auferstehung
der Toten...
Und werde ich dann meine
Verstorbenen wiedersehen?
Die Frage ist falsch
gestellt:
Da ist dann kein Ich.
Da ist alles eins.
In der Zeitlosigkeit sind
wir und unsere Verwandten eins.
Für den Verstand ist das nicht
zu begreifen,
weil wir uns nur eine
personale Beziehung vorstellen können.
In der Zeitlosigkeit aber
gibt es eine viel innigere Verbundenheit.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Verbundenheit
Im
Universum ist alles mit allem verbunden.
Es gibt kein
Abgetrennt-Sein.
Was an einem Ort geschieht,
kann sich unmittelbar an
einem ganz anderen Ort auswirken.
Es gibt in der Wirklichkeit
a-kausale Verbindungen,
die sich unbegreiflicherweise
wechselseitig beeinflussen.
Sie beginnen dort,
wo deine Gedanken und
Gefühle entstehen.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Weltsicht – sich
ein Bild machen
Die
Welt ist nicht, was wir sehen, hören und intellektuell begreifen.
Die Welt ist alles, was der
Fall ist,
aufgebaut auf der zufälligen
Struktur unserer fünf Sinne und des Intellektes.
Wir Menschen kreieren die
Welt.
Unser Weltbild ist ein
menschliches, kein absolutes.
Wesen auf anderen Sternen –
sollte es sie geben – haben ein anderes Weltbild.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Allem, was lebt, ist heimlich
ein Verfallsdatum aufgedruckt.
----------------------------------------------------------
Aufbruch
Gerade wenn du mit vielen anderen
Menschen zu tun hast,
wenn viele von dir etwas wollen,
wenn du dich in intensiven Gesprächen
auf sie einlässt,
dann brauchst du die Stille, die die
vielen Worte,
die du täglich hörst,
in dir zum Schweigen bringt.
Gefangen
In einem
Leben von Pflichten und Normen
Vergessend darüber
Die
Freiheit die geschenkt ist
Suchend nach
Glück
Heraus aus
der Enge
Die du dir
selbst auferlegst
Wagend
Den
Schritt nach vorn
Dass du
wirst
Wozu du
gedacht bist
(H.Hübner 1/2013)
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Der Geist
wird reich
durch das,
was er
empfängt,
das Herz
durch das,
was es
gibt.
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Fragen
Fragen Fragen
fragen
fragen
Fragen
und keine
Antwort
Leer
der Himmel
Ausgezogen die
Antwort
auf die Frage
ausgezogen
Dich
zu erreichen
neben dir
trifft Frage auf Antwort
und du schaust
noch immer fragend
in den Himmel
(H.Hübner 12/2012 nach
Motiven
aus Questions/The Moody
Blues)
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Sehnsucht
Ankommen in einem Sinn
Der das Suchen und Fragen zum Ziel führt
Doch so oft irrend umher
Im Dickicht des Lebens
Seinen unüberschaubaren Wahlmöglichkeiten
Sehnsucht
Nach Heimat und Sinn
Die Einladung hören
Die Sinnlosigkeit aufhebt
In dieser Zeit – die geschenkte
Und laufen und sehnen und tun
Sehnsucht
Fülle erlebend
Sehnen sucht
Und findet
(H. Hübner 1/2013)
___________________________________________________________________
1. Leben
Nur für heute
werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben - ohne alle Probleme meines
Lebens auf einmal lösen zu wollen.
2. Sorgfalt
Nur für heute
werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem
Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren; ja ich werde nicht danach streben,
die anderen zu korrigieren oder zu verbessern... nur mich selbst.
3. Glück
Nur für heute
werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen
bin ... nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.
4. Realismus
Nur für heute
werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände
sich an meine Wünsche anpassen.
5. Lesen
Nur für heute
werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung
für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das
Leben der Seele.
6. Handeln
Nur für heute
werde ich eine gute Tat vollbringen - und ich werde es niemandem erzählen.
7. Überwinden
Nur für heute
werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen
Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.
8. Planen
Nur für heute
werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht
genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln
hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.
9. Mut
Nur für heute
werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, und
mich an allem freuen, was schön ist. Und ich werde an die Güte glauben.
10. Vertrauen
Nur für heute
werde ich fest daran glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen
sollten – , dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es
sonst niemanden auf der Welt. - Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die
friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag zu jeder Stunde, und ohne
Übertreibung und mit Geduld.
( Dekalog der Gelassenheit nach Johannes XXIII. )
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Freitag, 9. November 2012
Zurück in die 70er Jahre
Flanieren durch das Bücherregal und finden:
Das Heft “Ästhetik und Kommunikation, März 1978″
Flanieren und Blättern und Finden, ein Gedicht,
dieses Gedicht, ein Anachronismus _ wiedergelesen 2012!
F.C. Delius
Einsamkeit eines alternden Stones-Fan
Er latscht in den
Diskshop und gleich
auf die Platte los, die er will, die neuen Stones.
Um ihn rum, Kopfhörer
um die Ohren,
die 10 oder 15 Jahre
jüngeren Typen,
die längst was andres
hören.
Die reglosen
Gesichter
regen ihn auf,
diese Einsamkeit
unter den Kopfhörern!
Er nimmt die Platte
und
fühlt sich nicht sehr
einsam.
Er weiß nur, er
überschaut
den Plattenmarkt
nicht mehr –
Diplom-Physiker, da
hab ich andre Sorgen-
und weiß nicht, was
ihn noch verbindet
mit der, sagt er
ironisch, nächsten Generation,
höchstens eine
Demonstration, ein Joint,
etwas von dieser
Mode.
Er sieht das Cover
an:
gefällt mir
eigentlich gar nicht, den Mick
solltest du wirklich
langsam abschreiben,
aber sein Sound, den
hat keiner mehr erreicht.
Und Mick sagts
selber: Du wirst
irgendwann zu deiner
eignen Parodie.
Dieser Satz geht ihm
durch den Kopf
während der vier
Schritte zur Kasse,
irgendwann
wirst du zu deiner
eignen Parodie.
Erinnerungen kommen
hoch:
die Stones im Hyde-Park damals,
da war ich mittendrin,
da hat sich was bewegt mit uns.
Jetzt fühlt er sich beobachtet. Jetzt
fühlt er sich
überlegen: die hängen hier rum,
bei dieser immer
schlechteren Musik,
leiden vielleicht an
ihren Trips oder
an Langeweile, aber
ich,
und er zahlt, steckt
den Bon ein,
was hab ich alles
mitgemacht und weiß jetzt,
was zu tun ist, ich!
So ein Gedanke, er
sieht sich noch mal um,
ist das nun die
berühmte Erfahrung des
Alterns?
Und geht aus dem
Laden
und geht zum Arzt,
die Rückenschmerzen,
und abends die neue
Platte mit
neuen Enttäuschungen,
die
Vergangenheit ist
Vergangenheit –
und nicht vorbei.
(aus:
F.C Delius, Ein Bankier auf der Flucht.
Gedichte und Reisebilder, 1977 Rotbuch Verlag)
Donnerstag, 1. November 2012
Bausteine zu einer Bildtheorie
Hier stehen Fragen der Ästhetik im Vordergrund,
die versuchen, den Bildbegriff wissenschaftlich zu erfassen. Es geht mir um den
Aufbau und die Beschreibung einer Bildwissenschaft bzw. Bildkritik, wobei unter
Kritik die Fokussierung auf die Bedingtheiten von Erkenntnissen zu verstehen
ist, nicht so sehr der Dissenz gegenüber allgemeinen Urteilen. Das Bild ist ein
Instrument zur Erkenntnisgewinnung. Ich frage danach, wie Bilder Sinn erzeugen
und gehe dabei von der Eigenmacht des Bildes aus, das etwas zeigt. Und zwar
nicht allein eine ikonische Erläuterung
begrifflicher Erkenntnis. Die Frage: "wie Bilder Sinn
erzeugen" erfordert ein neues Nachdenken über die Bedingungen, die Macht
und die Bedeutung von Bildern.
Wenn es so also um die Frage nach Erkenntnisgewinn durch die
Wahrnehmung eines Bildes geht, dann führt der Weg über das "ikonische
Denken". Dabei ist festzuhalten, dass Bilder anders als Sprache ihren Sinn
explizieren.
Deshalb ist zuerst auszugehen von einer genauen Bildanalyse in der
Kunstbetrachtung aber auch in allen anderen ikonischen Bereichen, die beim Bild
danach fragt:
1. Was ist dargestellt?
2. Wie ist es dargestellt?
3. Warum ist es so dargestellt?
Dabei wird die Hintergründigkeit des "Zeigens"
angesprochen. Jenseits der Sprache gibt es so etwas wie Sinn, der durch das
Bild sich zeigt und damit erkennbar wird. Dennoch kann sich eine solche
Sinnerkenntnis nicht auf einer strikten Trennung von Sagen und Zeigen berufen.
Eher geht es bei der Bildwahrnehmung um eine ernsthafte Abstandsmessung
zwischen Sagen und Zeigen. Bildkritik hat das wissenschaftlich zu erfassen.
Wenn die Überformung der Bilder durch sprachliche Muster, Ansprüche des
Begriffs oder externer Texte zurückgenommen wird, lässt sich das deiktische
Potenzial des Bildes freilegen. Das ist es, wenn von der Macht des Zeigens
gesprochen wird. Das Zeigen lässt sich nicht auf ein Sagen reduzieren, und
gerade deshalb lässt das Zeigen den eigentlichen sinnerzeugenden Überschuss in
Bildern entstehen. Das Zeigen des sinnerzeugenden Überschusses eines Bildes
macht aus dem materiellen Sachverhalt etwas Sinnhaftes, bringt den Dialog mit
dem Auge, dem Organ der Wahrnehmung in Gang, in dem das Bild zu seinen Möglichkeiten
kommt. Denn die "Helligkeit" der Vernunft reicht weiter als das Wort.
Hier folge ich den Ausführungen von G. Boehm in Wie Bilder Sinn
erzeugen, S. 15ff.
Er spricht von dem Modell der ikonischen Differenz. Diese
Unterscheidung dient dazu, die in Bildern wirksame Logik zu analysieren, ohne
damit ein theoretisches System aufzubauen. Denn ein Bild ist immer singulär,
sich in der Wahrnehmung auf diese Singularität einlassen und sie zugleich auf
diese innere Struktur zu befragen. Das ist ikonisches Denken, ein Vorgehen, das
ikonische Phänomene mit Argumenten versucht zu verknüpfen. Dabei erscheint der
epistemologische Bereich der Philosophie als Sinnerkenntnisraum.
Der Mensch ist ein Wesen, das sich ein Bild zu machen vermag. Die
Bildfähigkeit ist eine für den Menschen konstitutive Fähigkeit, in der sich die
Vernunft des Menschen in spezifischer Weise zeigt oder sich ermöglicht.
Nicht Sätze, sondern Bilder, nicht Begriffe, sondern Metaphern
dominieren den größten Teil der menschlichen Überzeugungen.
Denn die Welt wird nach ihren Ähnlichkeiten zu gespeicherten
Bildern erkannt. Die Bilder werden nicht mehr in ihrer Ähnlichkeit zur Welt
wahrgenommen. Die Welt als Ausgangspunkt der Erkenntnis geht verloren. Sprache
allein hat ihre epistemologische Bedeutung verloren, oder ist dabei, sie zu
verlieren, denn die sinnstiftende Realität ist das Bild in den schillernden
Bedeutungsformen, die im Zeigen sich auftun. Die Kraft der Bilder, die Macht
des Bildes, sie drückt sich schon in der Formulierung aus "Das Bild hat mich
in Besitz genommen!" Es scheint so zu sein, dass der Bildakt dem Sprechakt
voraufgeht. Das ist der tiefe Sinn, von einem iconic turn zu sprechen.
Vom linguistic turn zum iconic turn
Richard Rorty brachte die philosophischen Debatten in den 1960er
auf einen prägnanten Begriff, der verschiedene Strömungen bündelte und zugleich
eine programmatische theoretische Positionsbestimmung unternahm. Diese entwarf
sich in Absetzung von einem die philosophische Tradition dominierendem Modell,
das in der Erkenntnistheorie auf Visualität setzte und die philosophische
Reflexion nicht nur bestimmte, sondern diese auch gefangenhielt. Die
Konzentration auf die Sprache sollte die Philosophie aus der Gefangenschaft des
Bildes und der Visualität befreien.
Nicht Aussagen, sondern Metaphern dominieren den größten Teil
unserer philosophischen Überzeugungen.
Das Bild, das die traditionelle Philosophie gefangenhält, ist das
Bild vom Bewußtsein als einem großen Spiegel.
Und genau dieses gilt es zu hinterfragen, zu kritisieren, zu
dekonstruieren.Die Konzentration auf die Sprache sollte die Philosophie aus der
Gefangenschaft des Bildes und der Visualität befreien. "Die Welt als
Text" wurde zu einer neuen Metapher, die nicht weniger dominierend wurde
wie die kritisierte Spiegelmetapher der philosophischen Tradition.
Regelrechte Sprachfixierung des Denkens, die für die Philosophie
des 20. Jahrhunderts als charakteristisch zu bezeichnen ist und sich durch eine
konsequente Ausblendung von Visualität und Bildlichkeit auszeichnet: Ikonoklasmus
und Ikonophobie wurden zum philosophischen Programm und auch Derridas Kritik
des Logozentrismus eröffnete keinen Ausweg aus dem geschlossenen Sprachkreis.
In den 90er Jahren wurde der Dominanz des Sprachparadigmas
widersprochen, der epistemologische Focus wird verstärkt nicht mir auf
sprachliche Begrifflichkeit gelegt, sondern auf die Sichtbarkeit und damit auf
die Bilder gerichtet.
Das ist auch deshalb erforderlich, weil die gesellschaftliche
Bedeutung wie Omnipräsenz der Bilder längst unübersehbar geworden seien, die
Theorie aber keineswegs auf der Höhe des Geschehens sei. Von Bilderflut ist die
Rede, von der »immanenten Ordnung und Reflexivität der Bilder«, von der
eigentümlich paradoxen Situation, daß Bilder eine immense Macht gewonnen
hätten, aber zugleich auch eine regelrechte Angst provozierten, die
Wirklichkeit könne gänzlich von Bildern beherrscht werden. Und schließlich geht
diese neue theoretische Auseinandersetzung mit Bildern, Visualität und
Bildlichkeit auch von der ebenso nüchternen wie zutreffenden Beobachtung aus,
daß in zahlreichen Wissenschaftsbereichen Bilder bereits eine zentrale Rolle
spielen, aber erst allmählich in den Fokus der theoretischen Aufmerksamkeit
rücken.
1992 Mitchell: Pictorial Turn, er will einen Begriff für die neue
gesellschaftliche Bedeutung des Bildes finden.
1993 Boehm: Iconic Turn, konzentrierte sich auf eine
Eigensprachlichkeit wie Eigenlogik des Bildes, die explizit auf die Tradition
der Hermeneutik zurückgriff und Gadamers Diktum »Sein, das verstanden werden
kann, ist Sprache« auf Bilder übertrug. Sein, das verstanden wird, ist Bild!
Boehm versteht dabei den Iconic Turn als konsequente Fortsetzung des Linguistic
Turn, als Versuch, »das Bild als ›Logos‹, als sinnstiftenden Akt zu verstehen«.
Die Eigensprachlichkeit der Bilder soll begrifflich erfasst
werden.
Mitchell und Bohm unternehmen eine dezidierte Kritik des
Logozentrismus der philosophischen Theorie. Beide versuchen Bildlichkeit als
ein der Sprache inhärentes Prinzip herauszuarbeiten, unterscheiden sich hingegen
in der Frage, inwiefern der Iconic oder Pictorial Turn auch eine
gesellschaftliche Reflexion notwendig miteinschließen müsse. Beide haben jedoch
nachdrücklich wie überzeugend unterstrichen, daß das »Bild« ein neues Paradigma
darstelle, das es theoretisch in den Blick zu nehmen gelte.
Weitere theoretische Erörterungen des Bildbegriffs finden sich bei
Hans Belting: als anthropologische Grundfrage wird das Bild betrachtet und die
Grundlagen zu einer Bildanthropologie werden gelegt.
Horst Bredekamp versucht, Bild- und Kunstwissenschaft zu
verbinden, bildwissenschaftliche Fragestellungen und kunstwissenschaftliche
Begriffe und Methoden miteinander zu verzahnen, mithin Bildwissenschaft als
Bildforschung zu verstehen. Bredekamp geht es gewissermaßen um eine im
philosophischen Sinn pragmatisch gewendete Neuorientierung der Bildreflexion,
um eine Theorie des Bildakts, der auch für das Denken konstitutiv sei und somit
eine gesellschaftlich-politische Dimension einschließt: Bilder sind
geschichts-, handlungs- und theorieprägend. »Ein Bildakt schafft Fakten, indem
er Bilder in die Welt setzt«, heißt es programmatisch in seinem Aufsatz
»Bildakte als Zeugnis und Urteil«.
Klaus Sachs-Hombach gilt als der Protagonist der Bildwissenschaft.
Mit »Bildwissenschaft« ist auch der Name jener neuen Disziplin angeführt, die
all jene traditionellen Wissenschaftsdisziplinen miteinschließt, die, so Klaus
Sachs-Hombach, der als Herausgeber von mehreren Bänden der Bildwissenschaft ein
theoretisches Profil zu geben versucht, etwas »zum theoretischen Verständnis
der Bildthematik beitragen«. Das Spektrum reicht dabei von Natur- und
Sozialwissenschaften, über historisch und anwendungsorientierte Disziplinen bis
hin zu den Medienwissenschaften.
Hier gehört auch das Projekt Bildkritik Eikones hin.
Ikonische Differenz
Anschauungsnähe geht einher mit begrifflicher Anschlussfähigkeit, die sich aus dem Denken der Differenz ergibt. Sie miteinander zu verbinden, gegeneinander abzuwägen und in ihrer materiellen Beschaffenheit zu untersuchen, ist Aufgabe einer wissenschaftlichen Arbeit, deren angemessener Name Bildkritik lautet.
Die ikonische Differenz bezeichnet die Grundbedingungen, unter denen Bilder – also materialkodifizierte, visuell zugängliche Systeme Bedeutung generieren. So erzeugen Bilder Sinn. Denn Bilder sind Referenzsysteme. Sie generieren ihre Bedeutung dadurch, dass sie sich beziehen. Lingustisch gesprochen beziehen sie sich auf vorhandene Texte und schaffen so etwas wie eine Anschauung von ihnen. Somit liegt der Prätext außerhalb des Bildes, indem er aber den Sinn des Bildes begründet. Das Bild funktioniert als autopoietisches System auf Seiten der Materialität, der Wahrnehmung und auf Seiten des Kontextes, in den es gestellt wird.
Kann das Auge “denken”? Kann es Einsichten gewinnen?
Ja, durch Anschauungsnähe und damit verbundener Anschlussfähigkeit!
Das “Auge” gewinnt Anblicke. In diesem Wahrnehmungsprozess wird das Sichtbare so zurechtgerückt, dass es sich “zeigt”, dass es sich darbietet. Das Auge bringt den Blick so ins Spiel, dass sich eine Sache aufschließt, indem sie sich auf uns hinordnet. Das ist gemeint, wenn wir davon sprechen, “wir machen uns ein Bild”. Es bedeutet nichts anderes als ein visuelles Entsprechungsverhältnis herzustellen.
Mit dem Auge denken bedeutet, aufbder elementaren visuellen Ebene eine anschauliche Korrespondenz ausfindig machen.
Der Betrachter schafft sich Anblicke, der Anblick ist das blickende Tun. Damit wird das Auge selbst “bildend”! Es aktiviert ein Vermögen, das darin besteht, anschauliche Entsprechungen auszukundschaften. (vgl. I.Kant: Einbildungskraft)
Der “Blick” wird zu einem “Anblick”, er verschränkt sich mit der Sache, dem Objekt.
Denn Bilder besitzen eine eigene nur ihnen zugehörige Logik, wobei unter Logik verstanden wird eine konsistente Erzeugung von Sinn aus genuin bildnerischen Mitteln. Diese Logik ist erst einmal nicht-prädikativ, nicht nach dem Muster eines Satzes oder anderer Sprachformen gebildet. Eigentlich wird diese Logik nicht gesprochen, sondern wahrnehmend realisiert.
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