Sonntag, 23. März 2014

Der menschliche Denkapparat - philosophisch betrachtet

Zusammenfassung Immanuel Kant, Transzendentalphilosophie
Ausgangspunkt: was kann man durch reines Denken ohne Rückgriff auf Erfahrung über die Welt herausfinden (also a priori)
Position des Empirirismus, z.B. David Hume: durch reines Denken können keine Wahrheiten über die Welt erkannt werden!
Kant: Ja, aber man kann über die Grundstrukturen der Erfahrungswelt a priori substantielle Erkenntnisse, Wahrheiten gewinnen. Denn die Welt und die in ihr vorkommenden Gegenstände haben bestimmte Eigenschaften, um überhaupt Gegenstände der Erfahrung zu sein. Darum geht es, diese Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung herauszustellen. Und die Philosophie, die diese Bedingungen versucht, darzustellen, ist bei Kant die Transzendentalphilosophie, nicht Transzendenzphilosophie, also etwas, das über die Erfahrungen hinausgeht, sondern etwas das a priori "vorhergeht", um die empirische Erkenntnis möglich zu machen! Diese Transzendentalphilosophie, die sich mit den Bedingungen der empirischen Erkenntnis beschäftigt, ist nunmehr noch aufzuteilen in eine transzendentale Elementenlehre, bestehend aus transzendentaler Sinnenlehre und transzendentaler Logik, sowie der transzendentalen Methodenlehre, die die formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der reinen Vernunft bestimmt.
Diese Transzendentalphilosophie kommt zum Ergebnis:
Gegenstände müssen räumlich und zeitlich geordnet sein, um Gegenstände der Erfahrung sein zu können. ( Anschauungsformen )
2.  Alle Veränderungen in unserer Erfahrungswelt haben eine Ursache (Kausalität)
Die Welt, wie sie uns erscheint, wird mit "Welt der Erscheinungen" (Phänomena) bezeichnet. 
Von der Erscheinungswelt ist die Welt der Dinge an sich (Noumena) zu unterscheiden.
Erfahrungen kommen zustande, indem die Noumena in uns Anschauungen hervorrufen, die der Verstand anhand der Anschauungsformen (Raum und Zeit), sowie der Kategorien (Substanz, Kausalität u.a.) so strukturiert, dass eine Welt erfahrbarer Gegenstände entsteht.
Kritik bei Kant heißt nicht das, was wir heute unter Kritik verstehen, sondern ist ein Unterscheiden oder begriffliches Abtrennen von reiner und unreiner Vernunft und auch ein Legitimationsversuch der reinen Vernunft.
Kant nimmt eine Unterscheidung zwischen Ästhetik (Wahrnehmung, Aisthetik) und Logik vor, da es zwei menschliche Quellen der Erkenntnis gibt, nämlich die sinnliche Wahrnehmung und den Verstand.
 
Das erste Begriffspaar bilden also die Anschauung und der Verstand (Denken).
 
Wobei die Anschauung durch Sinnlichkeit aus den Gegenständen gegeben ist und etwas darüber aussagt, auf welche Art und durch welche Mittel sich Erkenntnisse auf Gegenstände beziehen. Der Verstand denkt die Anschauung und bringt sie in Begriffe.
 
Neben der Anschauung und dem Verstand sind die Sinnlichkeit und die Empfindung in Kants Terminologie ebenfalls von zentraler Bedeutung.
 
Die Fähigkeit, Vorstellungen durch das Affiziert-werden von Gegenständen zu bekommen, nennt Kant Sinnlichkeit.
 
Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns  Anschauungen.
Er weist darauf hin, daß sich das Denken immer auf die Sinnlichkeit und auf die Anschauung bezieht, weil nur dadurch der Gegenstand gegeben werden kann.
Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit heißt Empfindung. Damit sind drei der zentralen Begriffe, nämlich Anschauung, Sinnlichkeit und Empfindung bereits definiert.
Des Weiteren arbeitet Kant die Anschauung präziser heraus: Die Anschauung, die sich auf einen Gegenstand durch Empfindung bezieht, bezeichnet er als empirische Anschauung. Der empirischen Anschauung hängen Empfindungen an. Der unbestimmte Gegenstand der empirischen Anschauung ist die Erscheinung. In der Erscheinung enthalten, sind Materie und Form, womit sich ein weiteres Gegensatzpaar abzeichnet. Die Materie korrespondiert mit den Empfindungen. Die Form ordnet die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen. Deshalb ist die Form selbst auch keine Empfindung, sondern die Art und Weise der Verarbeitung von Empfindung. Die Materie aller Erscheinungen ist a posteriori gegeben. Die Form liegt im Gemüt a priori bereit und ist abgesondert von allen Empfindungen  die Form liegt also nicht im Gegenstand, sondern im Gemüt. Interessant bei Kant ist sein Isolationsverfahren, daß uns zur reinen Anschauung führt. Als reine Anschauung kann das bezeichnet werden, was nicht unbedingt vorstellbar, aber denkbar ist. Kant verdeutlicht, daß die reine Vorstellung eine Vorstellung ohne Empfindung ist; das heißt, die reine Form der sinnlichen Anschauung ist im Gemüt a priori gegeben. Im Gemüt wird das Mannigfaltige der Erscheinungen in gewissen Verhältnissen angeschaut. Die reine Form der Sinnlichkeit ist die reine Anschauung. Zu der gelangt Kant, indem er von der Vorstellung eines Körpers das Denken des Verstandes subtrahiert und davon noch die Empfindung abzieht. Dann bleiben Ausdehnung und Gestalt übrig, die gehören zur reinen Anschauung a priori und finden als bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüt statt. Zur reinen Anschauung gelangt Kant, indem er von der Sinnlichkeit den Verstand abzieht; dabei erhält er die empirische Anschauung. Davon zieht er die Empfindung ab  das ergibt die reine Anschauung, die reine Form der Erscheinung ist und Sinnlichkeit a priori.
 
Zwei reine Formen sinnlicher Anschauung als Prinzipien der Erkenntnis a priori sind Raum und Zeit.
 
Die Transzendentale Ästhetik (Aisthetik) bezeichnet Kant als die Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori. Sie ist der erste Teil der transzendentalen Elementarlehre; im Gegensatz zur transzendentalen Logik, die sich mit den Prinzipien des reinen Denkens beschäftigt.
Das Transzendentale oder auch die transzendentale Sinnlichkeit bei Kant meint die
Bedingung der Möglichkeit der Erscheinung von Gegenständen, also die Bedingung der Möglichkeit von Wahrnehmung. Damit fragt das Transzendentale immer nach der Art und Weise, wie Gegenstände zu Objekten der Erfahrung werden.
Auffällig ist die Tatsache, daß er als Transzendentalphilosoph ohne konkrete Beispiele arbeitet, d. h., er sagt nichts über die Gegenstände aus, sondern über die Art und Weise wie sie in unserer Wahrnehmung zustande kommen. Wichtig dabei ist Kants Feststellung, daß Raum und Zeit Eigenschaften der Wahrnehmung sind.
Der Raum ist eine notwendige Vorstellung, a priori, die allen äußeren Anschauungen zum
Grunde liegt. Man kann sich niemals eine Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er wird also die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen, und nicht als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen.
 
Die Zeit ist eine notwendige Vorstellung, die allen Anschauungen zum Grunde liegt. Man
kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt die Zeit selbsten nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also apriori gegeben.
In ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich.
 
Um Kants Formbegriff greifbarer zu machen, könnte man auch das Synonym der
Formatierung verwenden, da sich somit besser nachvollziehen läßt, daß Kant davon ausgeht, daß Form das ist, wie wir Wahrnehmung ordnen und daß Form a priori gegeben ist und damit die Voraussetzungen darstellt, die das empirische zum transzendentalen Subjekt macht.

Dienstag, 25. Februar 2014

Nachdenken über das Denken und Urteilen

Denken
Im philosophischen Sprachgebrauch steht ›denken‹ einerseits für die
Tätigkeit des Erfassens von Gedanken (Ideen, Begriffen, Vorstellungen),
dann für die synthetisierenden Funktionen des Verstandes, schließlich für das
Bilden von Urteilen und logischen Schlussfolgerungen.
Das Denken ist gleichbedeutend mit Synthetisieren, Vereinheitlichen. Im Denken werden die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen auf Urteile bezogen. Eine Sache zu denken ist dasselbe wie sich ein Urteil über die entsprechende Sache zu bilden. Man kann z. B. wahrnehmen, wie es regnet und die Erde nass wird, man kann aber auch das Urteil ›Wenn es regnet, so wird die Erde nass‹ bilden. Tut man das Letztere, dann hat man gedacht. Die dabei zur Anwendung kommenden allgemeinen Denkformen betrachtet Kant als a priori , d. h. den jeweiligen konkreten Denkakten vorausliegend.
Im Hinblick auf die Arten des Denkens unterscheidet die philosophische Tradition zwischen intuitivem Denken (cognitio intuitiva ) und diskursivem Denken (cognitio discursiva ). Im intuitiven Denken wird ein einzelner Sachverhalt intuitiv erfasst bzw. unmittelbar eingesehen. Das diskursive Denken (von lat. discurrere , ›durchlaufen‹) durchläuft, beispielsweise bei einer logischen Schlussfolgerung in einem Argumentationsgang oder einer mathematischen Ableitung, eine Reihe von Inhalten, wobei im Idealfall jeder Einzelschritt intuitiv einleuchten sollte. Zugleich werden in einem Akt des intuitiven Denkens die ersten Prinzipien, die nicht auf diskursivem Wege aus anderen Sachverhalten abgeleitet werden können, erfasst.
Neuzeitliche Philosophen stellen sich auf den Standpunkt, dass durch das Denken selbst die Wirklichkeit strukturiert wird. Der Verstand schreibt der Natur ihre allgemeinsten Gesetze vor. Kausale Gesetzmäßigkeit ist in erster Linie ein Verstandesprinzip, dessen sich der Mensch bei der Naturerkenntnis bedient, jedoch nichts, was in der Natur selbst vorkommt.

Urteil/Aussagen
Urteile sind nach dieser Tradition Behauptungssätze, d. h. sprachliche Gebilde, in denen zu Recht (wahr) oder zu Unrecht (falsch) das Bestehen (Affirmation, compositio ) oder Nichtbestehen (Negation, divisio ) eines Sachverhalts behauptet wird.
Das Urteil bezeichnet den Schlusszusammenhang eines Syllogismus, der darin besteht, eine probable Behauptung (Konklusion) auf ihre demonstrativen Prämissen zurückzuführen. Das Schließen besteht danach genau darin, über die zu beweisende Behauptung ein Urteil zu fällen (Sentenz).
Der Begriff des Urteils hat darüberhinaus eine weitere, erheblich über die des wahrheitsdifferenten Aussagesatzes hinausgehende Bedeutung erlangt. Das Hinzukommende ist das Moment der Geltung. Das Urteil ist nicht nur ein sprachlicher Akt (Verknüpfung von Termen), sondern ein Erkenntnisakt (Verknüpfung von Vorstellungen). Im Urteil wird Erkenntnis realisiert, indem eine Anschauung ( eine einzelne Vorstellung, die »auf den Gegenstand unmittelbar bezogen wird«) unter einen Begriff (»allgemeine Vorstellung, die für viele gilt«) subsumiert wird. Das Urteil ist deshalb bloß die »mittelbare Erkenntnis eines Gegenstands, mithin die Vorstellung einer Vorstellung desselben«.  Die Verknüpfung von Vorstellungen bedarf eines Einheitsmoments, der Einheit eines Bewusstseins. Urteile sind also nicht allein wahr oder falsch, sondern aufgrund ihrer Bezogenheit auf die synthetische Einheit eines Bewusstseins gelten sie entweder als objektiv oder bloß subjektiv (a priori oder a posteriori ).

Montag, 10. Februar 2014

Wie verhalten sich Religion, Philosophie, Theologie?

Die universale Ausweitung des Religionsbegriffs.
Wenn das Göttliche und Un­bedingte in jedem Augenblick an der Wirklichkeit erscheinen kann, als ihr transzendenter Grund und Sinn, dann hat alles in der Welt eine Beziehung zu Gott, dann gibt es keinen Raum neben dem Göttlichen, dann kann keine Sphäre des Lebens ohne Bezug auf etwas Unbedingtes bestehen, auf etwas, das uns unbedingt angeht. Die Religion ist nicht ein besonderer Bereich des Lebens und nicht eine spezielle Funktion des menschlichen Geistes, sondern sie ist die Erfahrung des Elements des Unbedingten in allen anderen Funktionen des menschlichen Geistes und allen anderen Bereichen des Lebens. Die Religion ist die menschlichste aller Erfahrungen, sie ist überall zu Haus, sie ist der Grund und die Tiefe des menschlichen Geisteslebens. Es gibt keine Funktion des mensch­lichen Geistes und keine Sphäre des Lebens, die nicht, mögen sie scheinbar auch noch so profan sein, eine Beziehung auf das Unbe­dingte und damit eine verborgene religiöse Dimension haben. Po­litische Ideen, weltliche Gedichte, philosophische Gedanken, wis­senschaftliche Untersuchungen - weisen sie auf etwas Unendliches und Letztes in Sinn und Sein hin, so weisen sie auf die gleiche Wirklichkeit hin, für die von der Religion im engeren Sinne das Symbol Gott verwendet wird. Die Religion ist wie Gott allgegenwärtig, ihre Gegenwart kann wie die Gottes vergessen, vernachlässigt, geleugnet werden. Sie ist immer wirksam, verleiht dem Leben unausschöpfliche Tiefe und jedem kulturellen Schaffen unausschöpflichen Sinn. Inner­halb der Geschichte ist eine Vergangenheit oder Zukunft unvor­stellbar, in der der Mensch nicht nach dem Sinn seines Lebens fragte, das heißt aber, in der er ohne Religion lebte. Er kann religiöse Symbole im engeren wörtlichen Sinn vermeiden, aber er kann nicht ohne Religion in ihrer tieferen, universellen Bedeutung existieren. Religion in diesem Sinne lebt, solange der Mensch lebt; sie kann aus der menschlichen Geschichte nicht verschwinden, denn Geschichte ohne Religion wäre nicht mehr menschliche Geschichte.

Grundsätzliches zum Verhältnis von Theologie und Philosophie
Philosophie und Theologie sind nicht getrennt, und sie sind nicht identisch, aber sie stehen in Korrelation. Das philosophische Ele­ment ist in die Struktur des theologischen Systems selbst hineinzunemen:
ein­mal als den Stoff, aus dem die Fragen entwickelt werden, auf die die Theologie Antwort gibt;
zum anderen als den Stoff, aus dem die Antworten geformt werden, die die Theologie erteilt.
Die Philosophie vermag nicht den Inhalt der Antworten zu liefern; sie vermag nicht einmal die in der menschlichen Existenz be­schlossene Frage nach Gott zu explizieren. Dass Gott die Antwort ja schon, dass er die explizierte Frage ist, kann nicht aus der menschlichen
Existenz abgeleitet, sondern muss in sie hineingesprochen werden. Aber die Form, in der dies geschieht, ist durch die Philosophie vor­bestimmt, denn die Antwort hat in ihrer Form der zuvor gestell­ten Frage zu entsprechen.
Das nenne ich die theologische Methode der Korrelation.
Dieses Auskommen zwischen Philosophie und Theologie wird dadurch ermöglicht, dass die Onto­logie in beiden Disziplinen eine bestimmende Rolle spielt. Beide, Philosophie und Theologie, stellen die letzte Frage, die überhaupt gestellt werden kann: die Frage nach dem Sein. Beide stellen sie nur von verschiedenen Ausgangspunkten her und in verschiedener Haltung: Die Philosophie stellt sie theoretisch als Frage nach der Gestalt des Seins an sich, die Theologie existentiell als Frage nach dem Sinn des Seins für uns und damit als Frage nach Gott.
Aber auch der Philosoph fragt, wenn er die Frage nach dem Sein stellt, nicht nur in theoretischer Distanz nach der Struktur des Seins, sondern auch in existentieller Betroffenheit nach seinem Sinn, und wenn er eine Antwort darauf gibt, wird er zu einem heim­lichen oder offenen Theologen, auch wenn er es eigentlich nicht sein will. Umgekehrt kommt auch der Theologe nicht darum herum, kritisch Distanz zu nehmen und die Strukturen des Seins theore­tisch zu bedenken, und wenn er dies tut, verhält er sich philoso­phisch. So sind Philosophie und Theologie ebensowohl „divergent“ wie „konvergent“. Sie sind divergent, insofern die Philosophie grundsätzlich theoretisch und die Theologie grundsätz­lich existentiell ist, und sie sind konvergent, insofern beide zu­gleich sowohl theoretisch als auch existentiell sein können. Auf diese Weise kann es bei nie zu einem grundsätzlichen Kon­flikt zwischen Theologie und Philosophie kommen, sondern höch­stens zu einem praktischen zwischen Theologen und Philosophen, und auch dies nur so, dass der Theologe und der Philosoph dann entweder auf theologischer oder auf philosophischer Ebene mitein­ander streiten.
Es geht dabei nicht um die Verschmelzung von Philosophie und Theologie, wohl aber um ihre wechselseitige Ergänzung: Sie sind aufeinander ange­wiesen und verarmen beide, wenn sie voneinander getrennt werden. Gegen eine Philosophie, die sich von der Theologie trennt, ist einzuwenden: Die Philosophie wird zum logischen Positivismus. Oder sie wird zur reinen Erkenntnistheorie, schärft ständig das Messer des Denkens, aber schneidet niemals. Oder sie wird zur Ge­schichte der Philosophie, zählt eine philosophische Meinung der Vergangenheit nach der anderen auf, hält sich selbst in vornehmer Distanz, glaubenslos und zynisch - eine Philosophie ohne existen­tielle Basis, ohne theologischen Grund, ohne theologische Macht. Gegen eine Theologie, die sich von der Philosophie trennt, ist einzuwenden: Eine solche Theologie spricht von Gott als einem Wesen neben anderen, der Struktur des Seins unterworfen wie alles Seiende, er ist das höchste Seiende, aber nicht das Sein selbst, nicht der Sinn des Seins, und er ist daher ein barmherziger Tyrann, der in seiner Macht beschränkt ist, der uns zwar sehr viel angeht, aber nicht letztlich, nicht unbedingt; dessen Existenz, zweifelhaft, wie sie ist, bewiesen werden muss wie die Existenz eines neuen chemi­schen Elements oder eines umstrittenen Ereignisses in der vergan­genen Geschichte. Eine solche Theologie trennt den Menschen von der Natur und die Natur vorn Menschen, das Selbst von seiner Welt und die Welt vom Selbst.
Das Fazit aus der Bestimmung des Verhältnisses zwischen Philosophie und Theologie lautet: So umfassen sich Philosophie und Theologie, Religion und Erkennen wechselseitig. Dies scheint von der Grenze her gesehen, das wirkliche Verhältnis beider zu sein.
Die Frage nach dem Ver­hältnis von Theologie und Philosophie ist  die Frage nach dem Wesen der Theologie überhaupt. Keine Theologie kommt, wenn sie die Wahrheit über Gott für den Menschen verständlich ausdrücken will, um die Philosophie herum.
Dass Philosophie und Theologie so eng miteinander verbunden sind, liegt in der einfachen Tatsache begründet, dass beide mit dem Sein zu tun haben. Philosophie ist  in ihrem Zentrum Ontologie. Sie stellt die Frage, was es bedeutet, wenn man sagt, dass etwas „ist“. Das ist die einfachste, tiefste und absolut unerschöpfliche Frage, die überhaupt gestellt werden kann. Die­ses Wort „ist“ verbirgt das Rätsel alter Rätsel, wie sein Geheimnis bewegt sich alle Philosophie: Sie sucht das, was sich in allem Seienden verkörpert, das „Sein-Selbst“, aufzufinden und so die Prinzipien, Strukturen und Kategorien, die allem Seienden zu­grunde liegen, zu erkennen.
Mit dem Sein und also mit Ontologie hat es aber auch die Theo­logie zu tun. Alle Aussagen, die die Theologie über Gott, die Welt und den Menschen macht, liegen innerhalb des Bereiches des Seins und enthalten daher immer notwendig ontologische Elemente. Schon die einfachste theologische Aussage, nämlich dass Gott „ist“, schließt die ontologische Frage ein und verlangt daher nach der Philosophie: Ohne eine Philosophie, in der die ontologische Frage erscheint, wäre die christliche Theologie nicht in der Lage, das Sein Gottes denen zu erklären, die wissen möchten, in welchem Sinne man sagen kann, dass Gott „ist“.
Wie die beiden Brennpunkte der Ellipse ist es zu betrachten, sowohl die existentielle Frage als auch die theologische Ant­wort, das eine Mal in der Form der Frage, das andere Mal in der Form der Antwort.

Wie ist der Mensch zu sehen?
Denn nichts charakterisiert den Menschen so sehr wie dies, dass er fragt - das unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen: „Der Mensch ist das Seiende, das die Frage nach dem Sein stellt.“ Geboren wird die Frage des Menschen nach dem Sein aus einer Erschütterung, aus dem „ontologischen Schock“. Das Sein ist um­spült und bedroht vom Ozean des Nicht-Seins. Und das ist es, was den Menschen in die Angst und ins Fragen treibt. Gepackt von dem Schock des möglichen Nicht-Seins, von seiner Grundangst, dass das Nicht-Sein über das Sein triumphiere, fragt der Mensch nach dem Sein. Er durchstößt mit seinem Fragen eine Schicht der Wirk­lichkeit nach der anderen und schneidet schließlich durch sie alle hindurch bis auf den Grund: Warum ist Sein und nicht vielmehr Nicht-Sein? Was ist der Grund und Sinn alles Seins? Was ist der Grund und Sinn meines Seins? Warum ist überhaupt etwas da und nicht vielmehr nichts da? Wofür bin ich da? Indem der Mensch so nach dem Grund und Sinn des Seins fragt, fragt er nach der letzten Wirklichkeit, nach dem „wirklich Wirklichen“, nach dem, was ihn unbedingt angeht.
Der Mensch fragt nach dem Sein, weil er eine Mischung aus Sein und Nicht-Sein ist: Er hat teil am Sein und ist zugleich von ihm getrennt. Darin offenbart sich seine Endlichkeit. Die End­lichkeit ist die fundamentale Eigenschaft aller menschlichen Exi­stenz; sie bestimmt ihren Inhalt und ihre Gestalt.
Der Mensch existiert auf der Grenze zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, er hat, im Unterschied zu allen anderen Lebewesen, endliche Freiheit - das ist seine Mühsal und Last. Das ist es, was ihn zu einem Fragment macht, sich selbst ein Rätsel, dunkel, geheimnisvoll, verwirrend und quälend. Darin spiegeln sich sein Elend und seine Größe. Sein Elend ist, dass er endlich, unvollkom­men, vergänglich und sterblich ist, seine Größe, dass er um dies alles weiß. Darum kann man fragen, ob seine Größe nicht nur die Größe seines Elends sei. Er erfährt, dass er endlich ist, aber er würde es nicht erfahren, wenn er nicht etwas ahnte von der Unendlichkeit; er erfährt, dass er unvollkommen ist, aber er würde es nicht erfahren, wenn er nicht etwas ahnte von der Vollkommen­heit; er erfährt, dass er vergänglich ist, aber er würde es nicht er­fahren, wenn er nicht etwas ahnte von der Ewigkeit. Immer noch nimmt der Mensch unbewusst Maß an der Würde seines Ursprungs und wahren Wesens. Gewiss ist es eine verlorene Würde, aber noch der Verlust weist auf den einstigen Besitz hin.
Die Trennung des Menschen vom Sein weist auf den „Fall“ des Menschen hin. Dieser „Sündenfall“ ist zu deuten als den Übergang des Menschen von der „Essenz“ zur „Existenz“.
Alles kommt dar­auf an, dass der Übergang des Menschen von der Essenz zur Exi­stenz richtig gedeutet wird, nämlich nicht historisch, sondern existentiell. Er ist kein Ereignis in Raum und Zeit, nicht das erste Fak­tum in einem zeitlichen Sinne: Die Vorstellung, dass der Mensch und die Natur zunächst gut waren und in einem bestimmten Zeit­punkt böse wurden, ist absurd und kann weder aus der Erfahrung noch aus der Offenbarung begründet werden. Vielmehr ist der Übergang von der Essenz zur Existenz „die transhistorische Quali­tät aller Ereignisse in Raum und Zeit“, das, was jedem Faktum Realität verleiht: „es wird wirklich in jeder Wirklichkeit“.
Das Ergebnis des Übergangs des Menschen von der Essenz zur Existenz ist die Entfremdung. Das Wesen der Entfremdung besteht darin, dass der Mensch von dem entfremdet ist, zu dem er wesenhaft gehört. Er ist vom Grund des Seins und damit von dem Ursprung und Ziel seines Lebens getrennt. Der Mensch ist nicht das, was er eigentlich sein sollte. »Existenz« und »Entfremdung« sind Synonyma: Existenz bedeutet immer Entfremdung des Men­schen von seinem wahren, eigentlichen Sein und darum Bedrohung durch das Nicht-Sein und eben darum Angst und Frage nach dem Sein.
Der Zustand der Entfremdung, in dem der Mensch existiert, be­deutet eine dreifache Trennung: Getrennt vom Grund des Seins, dem Ursprung und Ziel unseres Lebens, sind wir zugleich getrennt von uns selbst und getrennt von unseren Mitmenschen. So läuft ein unheilvoller Riss durch alles Sein. Das ist es, was die Bibel „Sünde“ nennt. Diese Auslegung steht gegen das übliche moralische Mißverständnis des christlichen Sündenbegriffs; Sünde hingegen ist ein transmoralischer, ein religiöser Begriff. Sünde bezeichnet nicht nur einen sitt­lichen Defekt, überhaupt nicht nur ein subjektives Verhalten des Menschen, nicht nur persönliche Schuld, sondern immer auch ein tragisches Schicksal und Verhängnis, freilich ein Schicksal und Ver­hängnis, an dem wir handelnd teilnehmen, und darum immer auch Schuld, für die wir persönlich verantwortlich sind. Unter den Bedingungen der Existenz leben heißt in Sünde leben. Vor aller praktischen Tat ist die Sünde ein ontologischer Stand, der Stand der Entrfremdung des Menschen von Gott.



Mittwoch, 14. August 2013

Wahrnehmen - Sprechen - Denken

Sprache und Denken - Sprechen und Gedanke

Die Sprache kann als Grundlage allen Lebens, der Lebendigkeit betrachtet werden. Wahrnehmung braucht Worte. Unsere Sicht der Welt wird bestimmt durch die Sprache, die wir sprechen. Unser Wortschatz und unsere Grammatik wirken wie Filter, die bestimmte Wahrnehmungen durchlassen, andere hingegen abhalten.

Das Denken ist eine Funktion der Sprache.
Wir können nichts denken, was unsere Sprache nicht schon vorgibt. Verschiedene Sprachen bedienen sich unterschiedlicher Mittel, um Phänomene in der Realität zu bezeichnen. Aber eigentlich können wir nur das wahrnehmen, was wir sprachlich erfassen können.
Nur wer spricht, denkt! 
Daraus folgt, wir können nur das wahrnehmen, was die eigene Sprache zulässt. Und weiter, jeder, der keine Sprache spricht, hat auch keine Wahrnehmung. Die Muttersprache beeinflusst unsere Ausdrucksfähigkeit, zumindest was Laute angeht. Der Wortbestand unserer Sprache lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Objekteigenschaften.
Damit ist der sprachliche Determinismus unseres Denkens beschrieben.
Die Sprache schränkt zwar unsere Wahrnehmung nicht ein, lenkt sie aber in bestimmte Bahnen. Konzepte, die in unserer Sprache vorgebildet sind, nehmen wir eher wahr. Somit hat das Vokabular und die Grammatik einen entscheidenden Einfluss auf unsere Sichtweise der Welt. Unsere Sprache wirkt daraufhin, wie wir über Gegenstände und Phänomene denken, welche Eigenschaften wir ihnen zukommen lassen. 
Nichts können wir denken oder eben zuerst wahrnehmen, was unsere Sprache nicht zulässt.

Die Sprache bildet ab, was an Bedürfnissen in der Gesellschaft da ist.
Deshalb gilt es, die Bedürfnisse einer Gesellschaft, einer Kultur zuerst zu erforschen, um sie dann mit der sprachlichen Existenz in Verbindung zu bringen.
Der Mensch aber übt mehr Macht auf die Sprache aus, als die Sprache auf den Menschen. Wenn ein Bedürfnis "wächst", schafft es sich sprachliche Mittel, oder anders herum ausgedrückt, das Subjekt, das ein Bedürfnis empfindet, erarbeitet dafür einen sprachlichen Ausdruck. Denn die Sprache ist erweiterbar und für unsere Bedürfnisse reformulierbar. Deshalb ist es ein Irrweg, vom Denken so zu sprechen, dass es zwangsläufig vom vorfindbaren Sprachbestand allein bestimmt wird. Dabei ist von der Dichotomie Ursache und Wirkung auszugehen, wenn zu fragen ist, wie stark eigentlich unsere Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Auf jeden Fall gilt es festzuhalten, dass Sprache unser Denken formt. Dabei maskiert Sprache unsere Wirklichkeitswahrnehmungen und bringt den Benutzer dazu, etwas Besonderes zu erfassen, was etwa als sprachliches Konzept bereits vorliegt. Ebenso gilt, durch Worte, die neugebildet wurden, werden Menschen in der Wahrnehmung der Phänomene beeinflusst.
Sprache also beeinflusst in gewisser Hinsicht unsere Interpretation der Wahrnehmung, unser Empfinden der Realität.

Sonntag, 11. August 2013

Intrkulturelle Theologie - Grundposition

Interkulturelle Theologie
Interkulturelle Theologie in Verbindung mit Religionswissenschaft ist von grundlegender Relevanz für das Ganze der evangelischen Theologie im Horizont globaler Herausforderungen.
Der globale Kontext erfordert eine Repositionierung des theologischen Denkens. Entwicklungen in nicht-westlichen religiösen und kulturellen Kontexten betreffen Europa heute unmittelbar (z. B. Handel, Tourismus, Militäreinsätze, Terrorismus). Die Theologie wird von der Öffentlichkeit zu qualifizierten Stellungnahmen in neu entstandenen Fragekomplexen aufgefordert. Die zunehmende Globalisierung wirft das ökumenische Problem in neuer Weise auf, weil die lokale Präsenz des Christentums mit regionalen Kulturen, Milieus und Religionen interagiert (z.B. pfingstlich-charismatische Bewegungen, Befreiungstheologien, Unabhängige Kirchen).
Die religiöse Pluralität in Europa verlangt von der Theologie eine be- sondere Kompetenz bei interkulturellen Fragestellungen und bei der theologischen Reflexion der Begegnung des Christentums mit nicht- christlichen Religionen, Weltanschauungen und Traditionen. 
Die christliche Botschaft ist inhaltlich so verfasst, dass sie sich an alle Menschen richtet, ohne vor kulturellen, ethnischen oder politischen Grenzen Halt zu machen. Mit ihrem die ganze Menschheit betreffenden Inhalt ist untrennbar eine Form der Weitergabe verbunden, die im christlichen Zusammenhang als Mission bezeichnet wird. 
Imterkulturelle Theologie ist eine eigenständige theologische Disziplin, die sich mit dem Verhältnis des Christentums zu nicht-christlichen Religionen und mit seiner interkulturellen Ausdifferenzierung befasst. 
Die Stellung und Bedeutung dieses Fachs innerhalb der Theologie sowie im Austausch mit den Kulturwissenschaften ist hingegen noch nicht hinreichend geklärt.
Das Fach in seiner heutigen Ausrichtung widmet sich in einer breiten theologischen Perspektive der Begegnung und Auseinandersetzung des Christentums mit nicht-christli- chen Religionen sowie der theologischen Reflexion nicht-westlicher kultureller Dialekte des Christentums in engem Bezug auf allgemeine ökumenische Fragestellungen. 
Aufgabe der Interkulturellen Theologie/Missionswissenschaft ist es, die Interaktion zwischen Christentum und nicht-christlichen Religionen und Weltanschauungen sowie die dadurch ausgelösten Transformationsprozesse des Christentums in unterschiedlichen kulturellen Kontexten theologisch zu reflektieren. 

Dienstag, 6. August 2013

Wer oder was nimmt wie wahr? Kleine phänomenologische Studie zur Wahrnehmung

Wer oder was nimmt wie wahr?
Kleine phänomenologische Studie zur Wahrnehmung

Erst einmal wahrnehmen:
Ohne Wahrnehmung kein Leben. Die Lebendigkeit des Mensch-seins zeichnet sich durch die Qualität der mannigfaltigen Wahrnehmungen und deren rationale und ästhetische Verarbeitung und Bewältigung aus. Denn du bist, was du denkst, und Wahrnehmung ist die Nahrung des Denkens!
Deshalb: Wer oder was nimmt was wie wahr?

Und da kommt die These:
Der Mensch ist ein wahrnehmendes Wesen. Wahrnehmung bezieht sich auf Gegenstände und Phänomene, alles, was sich der Sinnlichkeit öffnet.

Und hier die Entfaltung:
Ohne Wahrnehmung keine Erkenntnis, ohne Erkenntnis kein Wissen. Wahrnehmung konstituiert das Mensch-Sein als phänomenales Subjekt. Ohne Wahrnehmung also kein Subjekt, und ohne Objekte keine Wahrnehmung.

Einen Schritt weiter:
Doch wie funktioniert dann Wahrnehmung?
Wahrnehmung ist vom Subjekt her gesprochen der konstruktivistische Zugang zur Welt "draußen". Das Subjekt ist das Gegenüber zur Welt. Es nimmt die Welt wahr, wobei unschwer ein Dualismus, eine Opposition von Mensch und Welt vorausgesetzt wird. Doch wird dabei nicht übergangen, dass der Mensch selbst der Welt zugehörig, ja angehörig ist? Die Opposition von Welt und Mensch verläuft in eine kaum lösbare Aporie, einer Unmöglichkeit, die Frage nach dem Wer, Wie und Was der Wahrnehmung zu lösen, da Widersprüche in der zur Lösung notwendigen Begrifflichkeit auftreten.

Umkehren und neu ansetzen:
Es gilt die Bedingungen der Möglichkeit von phänomenaler Erkundung und Gegenstandserfahrung zu pointieren und offen zu legen.
Ist das Ich der Wahrnehmung, das Subjekt, das in den Mittelpunkt zu rücken ist, der Ausgangspunkt, somit also Wahrnehmung als subjektiven Akt zu sehen und ist das Objekt der Wahrnehmung als Produkt des Subjekts dann zu denken?
Oder ist es der Akt und das Objekt der Wahrnehmung, die das Subjekt hervorbringen und qualifizieren?

Ein neuer thetischer Anschluss
Die Wahrnehmung ist es, die den Wahrnehmenden hervorbringt, weil sie es ist, die ihn zu demjenigen macht, der er ist, ein wahrnehmendes Subjekt.
Was damit nicht erklärt wird, ist die Existenz von Wahrnehmungen. Das Phänomen, dass der Mensch wahrnimmt und nicht vielmehr nicht, bleibt ein Rätsel, aber ein Rätsel, mit dem man leben kann. In Zuspitzung kann nur gesagt werden, weil es meine Wahrnehmung gibt, gibt es mich in der Welt.

Auf neuem Weg
Der neue denkerische Aufbruch, der die Bedingungen zur Möglichkeit von wahrnehmender Aktion aufnimmt, zeichnet sich dadurch aus, dass der traditionelle Primat des Wahrnehmende durch den Primat der Wahrnehmung ersetzt wird. Der Primat des Wahrnehmende drückt aus, dass es subjektive Absicht ist, einen Gegenstand oder ein Phänomen wahrzunehmen.
Denkbar und logisch nachvollziehbar in einer klaren Unterstreichung ist der andere Weg, dass Gegenstand oder Phänomen, das als Subjekt Gedachte zur Wahrnehmung nötigen.
Aus einem etwas verkürzenden Blickwinkel gesprochen ergibt es sich, dass die Wahrnehmung den Wahrnehmenden zwingt und ihn als Wahrnehmenden konstituiert, insofern das Objekt oder das Phänomen als wahr und wirklich zu nehmen. Ontologisch, vom Sein des Seienden aus betrachtet, ist festzuhalten, dass die Welt sich aufdrängt, indem sie den Menschen in die Wahrnehmung zwingt. Das wahrnehmende Subjekt kann gar nicht anders als wahrnehmen, da ontologisch ein Zwang durch die Existenz der Wahrnehmung vorgegeben ist.

Neue Folgerungen
Wird die Wahrnehmung in ihrem Primat als wirklich erfasst, erscheint der Wahrnehmende zum Dasein in einer anwesenden und gegenwärtigen Welt verurteilt. Weil ich wahrnehme, wird mir zumute, in einer Welt zu sein, die existent, präsent, anwesend und wirklich ist. Das Wahrzunehmende zwingt den Wahrnehmenden unausweichlich an seiner Welt teilzunehmen. Deshalb gilt es, davon auszugehen, dass nicht ich in meiner Wahrnehmung die Welt konstruktiv hervorbringe, sondern meine Wahrnehmung der Welt mit der Folge verbunden ist, dass ich in der Welt vorkomme. Wahrnehmung heißt folglich: Ich bin ein Teil davon. Die Wahrnehmung zwingt mich zur Anteilnahme. Ich befinde mich durch die Wahrnehmung in einer Partizipationspflicht zur Welt. Dadurch ist die Opposition Welt und Subjekt endgültig aufgehoben. Ich muss in der Welt sein als Form des anteilnehmenden Dabei-sein, weil die Wahrnehmung mich hervorbringt. Dieses Mich ist von daher gezwungen, Subjekt seiner Wahrnehmungszustände zu sein. In der Wahrnehmung etwa subjektiv abzuschalten ist unmöglich, denn das würde bedeuten, die ureigenste Qualität des Mensch-seins zu dispensieren, die eben das Wahrnehmen ist.

Schlussthese
Durch die Wahrnehmung sind wir in der Welt, und die Wahrnehmung verbindet uns mit einer nicht aufhebbaren Präsenz- und Partizipationspflicht.

Einstellungen zum Altern

Auf dem Weg des Alterns - eine Miniatur.

Kontextuelle Aufnahme
Überzeugungen bestimmen, wie ich mich fühle. Deshalb können durch innere Überzeugungen Alterungsprozesse umgekehrt werden. Negative Stereotypen über die Erscheinungsformen des Alters gilt es abzulegen. Unvermeidlichkeit des körperlichen Leidens ist nicht ein Automatismus des Alterungsprozesses.

Was vorzufinden ist
Es gibt die Macht der inneren Einstellung, die sich körperlich auswirkt. Negative Stereotype über das Alter stimmen darauf ein, dass Fähigkeiten und Kräfte abnehmen. (selffullfilling prophecy) 

Neujustierung
Ich mache mich zum Hüter der eigenen Gesundheit. - Psychologie der Möglichkeit.
Zieldefinition - Wo möchte ich hin, wohin möchte ich? Die subtile Veränderung des Denkens bewirkt eine Verbesserung durch das Suchen nach Wegen. Dabei handelt es sich um das Gegenteil von Anpassung an einen unbefriedigenden Zustand.
Wertfreies Ausprobieren - Testen verschiedener Alternativen. Ohne Bewertung, nur im Blick darauf, ob sie erfolgreich sind. Diese wertfreie Haltung gibt den Blick frei, Besonderheiten und Unregelmäßigkeiten des Körpers wahrzunehmen. Daraus folgt eine neue Ausrichtung.
Achtsamkeit entwickeln - so wird der Zustand der Wachheit bezeichnet, durch den man  versucht, auf schematisches Denken zu verzichten, Stereotype und Pauschalurteile zu verlassen. Präsenz zeigen durch ständiges Hervorbringen neuer Denkmuster, eine Offenheit für Neues bezeugen im Bewusstsein, dass es mehr als nur eine Perspektive gibt. (interkultureller Zugang)
Unachtsamkeit hingegen ist das Gefangensein in alten Kategorien, unterstützt von einem automatischen Verhalten, durch das neue Signale ignoriert werden, hin zu einer einlinigen Sichtweise.
Meditation der Achtsamkeit gegen unachtsame Zwänge - so verstanden ist sie dem kritischen Denken nahe, wenn es gilt, Meditation als Ansatz konstruktiver, optimistischer und belebender Veränderungen anzugehen. Aktiv neue Dinge zu betrachten, heitert auf und wirkt gegen Ermüdung.
Meditative Selbstbeobachtung führt dahin, zu erkennen, dass der Körper keine Stabilität und Stillstand kennt, sondern Fähigkeiten und Schwächen sich ständig ändern, und zwar unabhängig von Alterungsprozessen. Eine erhöhte Aufmerksamkeit für diese Schwankungen nimmt die Angst vor der Stabilität der Gebrechen. 

Ein aufmunternder Schluss: 
Frage nicht, warum werde ich vergesslich im Alter, sondern: Warum habe ich gerade das vergessen und jenes andere aber behalten!
Wenn wir glauben, dass etwas unmöglich ist, dann wären wir dumm, es überhaupt zu versuchen.
Wenn wir anerkennen, dass es doch keine Gesetzmäßigkeit, keine absolute Norm gibt, dann ist es plötzlich nicht mehr dumm, etwas vermeintlich Irreversibles verändern zu wollen!  
Also, die Überzeugungen bestimmen, wie ich mich fühle.