Mittwoch, 12. August 2020

"Verzwergung" - Zukunft der Kirchen in Deutschland

Zur Zukunft des Christentums in Deutschland Die Verzwergung der Großkirchen

Die jüngsten Kirchenaustrittszahlen sind noch dramatischer ausgefallen als zuvor. Studien prognostizieren den Volkskirchen in den nächsten Jahrzehnten eine Halbierung der Mitgliederzahlen. Bistümer und Landeskirchen verzwergen. Droht das Ende des Christentums in Deutschland?

„In den letzten Jahrzehnten haben wir häufig die Tendenz gehabt: Als Volkskirche wollte man für alle da sein und das bedeutet, es wird so ein bisschen gräulich, das Wischiwaschi halt. Man versucht nichts Gefährliches anzusprechen. Und das ist manchmal auch überflüssig.“

Sagt Gert Pickel, Religions- und Kirchensoziologe an der evangelischen Theologischen Fakultät der Uni Leipzig. Der stetige Mitgliederschwund ist für ihn auch Zeichen des stetigen Bedeutungsverlustes der ehemals großen Volkskirchen. Das müsse aber für den christlichen Glauben nicht abträglich sein.

„Christentum ist nicht die organisierte Kirche“

Pickel: „Man könnte es hier mit einem frühen Religionspsychologen, mit William James sagen, der hat mal die Kirche als verderbten Partner der Religiosität bezeichnet. Dass die Kirche eher hemmend ist für die wahre Religiosität als stärkend.“

Denn der christliche Glaube muss sich nicht zwingend in Bistümern und Landeskirchen organisieren. Im Grunde stehe nicht die Institution im Vordergrund, sondern das menschliche Für- und Miteinander, sagt Religionssoziologe Pickel.

„Das Soziale an Religion, diese soziale Komponente. Es ist ja dem Christentum gegeben, für andere da zu sein. Das ist eine soziale Komponente. Aber das macht man ja nicht allein. Also das Frühchristentum war ja auch nicht jeweils eine Person, die nur für sich gedacht hat, sondern das waren kleine Gruppen, die unter Verfolgungsdruck besonders viel Vertrauen ineinander entwickeln mussten. Vielleicht müssen die Kirchen lernen: Das, was Christentum ist, ist nicht die organisierte Kirche in organisierten Gemeinden, wo viele nicht da sind, sondern es sind die Personen, die sich irgendwie treffen können.“

Die elastische Volkskirche

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte der evangelische Theologe Ernst Troeltsch die Idee der „elastischen Volkskirche“. Das Christliche zeige sich in drei grundlegenden Sozialgestalten: erstens in der verfassten Kirche, zweitens in ausgelagerten Vereinen, Initiativen, Gebetskreisen und Splittergruppen, die Troeltsch Sekten nannte, und drittens in einer individuellen Frömmigkeit und Mystik.

„Eine der Pointen seiner Behauptung dieser Trias ist ja, dass diese drei Gestalten wechselseitig voneinander abhängig sind. Sowohl die Sekte-Freikirche als auch die religiösen Individualisten sind in einer bestimmten Weise von der Großkirche abhängig, nämlich als derjenigen Größe, in der wesentlich die Überlieferung des Christentums stattfindet und eine Vermittlung des Christlichen in der ganzen Breite. Sie ist Kirche für das Volk, bietet auch so was wie die religiöse Grundversorgung an, Beerdigungen, Taufen, Trauungen auch für diejenigen, die nicht intensiv am Gemeindeleben teilnehmen.“

Sagt Martin Fritz, theologischer Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. Was aber, wenn die Kirche ihren Aufgaben nicht mehr nachkommt? Vielfältig sind die Klagen, die Predigten würden immer schlechter. Im Konfirmanden-Unterricht werde kaum noch biblisch-theologisches Wissen vermittelt. Wer einen nahen Verwandten beerdigen lassen möchte, erreiche den Ortspfarrer nicht und bestelle lieber gleich einen freien Trauerredner. Wo aber Kirche ihren Grundaufgaben nicht mehr nachkommt, hat sie auch ihre Existenzberechtigung verloren. Evangelisch gesprochen:
„Kirche ist da, wo das Evangelium gepredigt und die Sakramente gefeiert und verwaltet werden. Da braucht es sonst gar keinen Überbau, keinen kirchlichen. Das ist erst mal eine Funktion und keine Institution, welche die Kirche ausmacht“, sagt Martin Fritz.

Gefahr der Abschottung

Wird es christliche Existenz künftig also vor allem in Vereinen und Splittergruppen geben? Eine individuelle Frömmigkeit ohne großkirchliche Anbindung? Ja, sagt Religionssoziologe Gert Pickel, das gebe es schon lange in den USA. Aber dort eben mit Risiken und Nebenwirkungen.

Gert Pickel, Professor für Kirchen- und Religionssoziologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. 

Pickel: „Da habe ich eine bunte Pluralität sehr unterschiedlichen Glaubens. Hat nur das Problem, dass Gruppen, wenn sie nur nach innen gerichtet sind und mit anderen nicht kommunizieren, sehr schnell, was wir negativ betrachten, als Sekten daherkommen. Also Gruppen, die sehr überzeugt sind nach innen. Die haben allerdings auch einen Stacheldrahtzaun außen rum und sind gut bewaffnet. Eine Entwicklung nicht zum Liberalen, sondern eher zum Dogmatisch-Religiösen hin. Wenn ich so eine kleine religiöse Gemeinschaft dann habe – die überlebt dadurch, dass sie sich abgrenzt. Ich würde nicht sagen, dass das eine schwache Theologie ist. Es wird wahrscheinlich sogar eine sehr starke sein. Aber vielleicht eine doch stark vereinfachte.“

Wer künftig keine amerikanischen Verhältnisse in Deutschland haben wolle, müsse vor allem auf Bildung und Aufklärung setzen. Und dafür seien schon heute nicht mehr Kirchenräume entscheidend.

„Der Schlüssel ist guter Religionsunterricht“

Pickel: „Die Berührung zur Religion findet an zwei Stellen statt. Das ist in der Familie und das zweite ist im Religionsunterricht. Es lernt ja keiner in der Kirche Religion, um das mal ganz ehrlich zu sagen, sondern man lernt es an diesen beiden Stellen. Wenn die Eltern nicht religiös sind, dann werde ich keine Kirche von innen sehen. Und wenn ich nicht im Religionsunterricht die Basis des Wissens erfahre, dann weiß ich auch gar nicht, was dort getan wird.“

Der Schlüssel liegt für Pickel vor allem in einem guten Religionsunterricht. Wenn es künftig keine Großkirchen mehr geben sollte, werde es auch keine akademische Pfarrerausbildung mehr geben, sprich: Die Theologische Fakultät wäre ein Auslaufmodell. Was es aber weiterhin brauche: religionswissenschaftliche Institute zumindest für die Lehramtsausbildung. Auch wenn er die Gefahr sieht, dass künftig theologisches Wissen verloren geht, Pickel ist zuversichtlich, dass historisch-kritische Wissenschaft nicht zwangsläufig verloren gehen müsse.

„Theologische Fakultäten würden sich auflösen“

Pickel: „Die theologischen Fakultäten würden sich auflösen. Aber es wird so sein, dass Theologen und die Theologie als Wissenschaft in bestimmten Bereichen innerhalb der Geisteswissenschaften überleben würde, dass es Zuordnungen zu philosophischen Fakultäten oder so etwas gibt. Ob das dann aber für alle die Vorgabe ist, das ist ja eine andere Frage.“

Eine Verzwergung der Großkirchen müsse also nicht zum Ende der Theologie führen. Sie werde aber zu anderen Organisationsstrukturen führen: vor allem zu kleineren Vereinen. Und Ironie der religionssoziologischen Geschichte: Nicht die Großkirchen wären dann weiterhin Vorbild für andere Religionen, sondern umgekehrt würden sich Christen an den Vereinsstrukturen anderer orientieren müssen, meint Gert Pickel.

„Schauen wir uns zum Beispiel die Muslime in Deutschland an. Deren Organisationsform ist ja gemeinschaftsorientiert. Die haben verschiedenste Gemeinschaften um die Moscheen herum, aber die sind ja relativ singulär. Dort haben wir nicht die Kirche, die alles zusammenhält, sondern es sind viele Gemeinschaften“, so Pickel.

Gelegenheits-Strukturen und soziale Angebote

In Zukunft könnte es also vielfältige Formen von Gemeinschaft und Gemeinde geben. Von der christlichen Motorradgruppe bis zum Strickkreis, vom Singe-Club bis zum Kochkurs, Gelegenheits-Strukturen und soziale Angebote, die auch von Nicht-Gläubigen akzeptiert werden können.

Pickel: „Man könnte sagen, das könnte auch im Bürgerhaus sein. Aber man hat dort nicht das Flair der sozialen Vergemeinschaftung. Wir haben in Ost-Deutschland mehr Personen, die in Gruppen um Kirchen herum sind, als Mitglieder. Und das ist urchristlich, finde ich, dass man Sozialformen ermöglicht.“

Klar ist auf jeden Fall, dass die Kirchen an Macht und Einfluss verlieren werden. Die kleineren christlichen Vereine werden kaum die bisherigen Strukturen aufrechterhalten können.

„Um ein aufgeklärtes Christentum ist mir schon bang“

Pickel: „Jede dieser einzelnen Gemeinschaften würde gegenüber dem Staat kaum Durchsetzungskraft haben. Da gibt’s ein Grüppchen und da gibt’s ein Grüppchen. Da ist dann die obere Organisationsform doch ganz hilfreich.“

Pickel selbst kann sich daher so etwas wie einen EKD-Dachverband als politische Repräsentanz weiterhin vorstellen. Die Landeskirchen aber hält er für überholt. Und Theologe Martin Fritz glaubt schon an so etwas wie die Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes oder eben des Heiligen Geistes. Auch in Zukunft werden die Deutschen Bibel lesen, beten oder christliche Lieder singen. Ob aber das theologische Niveau ohne Landeskirchen und akademisch ausgebildete Pfarrer zu halten sein wird, weiß er noch nicht.

Fritz: „Ich bin nicht besonders pessimistisch, was das Christentum angeht. Da rechne ich mit einer gewissen Selbstwirksamkeit des Wortes, mit einer gewissen grundlegenden Religiosität des Menschen, die im Christentum dann eine besonders schöne und wahre Form findet. Um das Christentum ist es mir nicht bang. Um ein aufgeklärtes Christentum ist mir schon bang.“

Kirche - wohin

Austherapiert. Plädoyer für eine palliative Ekklesiologie Holger Pyka


Aus Anlass der letzten Kirchenaustrittsstatistik

Disclaimer: Ich schreibe das hier nicht so gern. Vielleicht ist es deswegen auch so lang geworden. Ich bin Pfarrer der evangelischen Landeskirche, und ich bin das gern. Ich finde meine Kirche gut, auch, wenn mir das, was sie glaubt, meistens besser gefällt als das, was sie so macht. Die Meldungen zur Kirchenaustrittsstatistik wecken in mir Existenzängste, und dabei weiß ich, dass mich das alles nicht auch nur ansatzweise so schwer treffen würde wie abertausend andere. Aber ich bin eben auch überzeugt davon, dass Glauben heißt, realistisch zu leben. Dass meine Religion, mein Glaube, meine Theologie Antworten auf meine Fragen und Ängste haben. Und mein Blick auf das Leben ist maßgeblich von palliativer Arbeit geprägt worden, als Seelsorger und als Angehöriger. Daher der folgende Text. 


„Austherapiert“. Der Arzt schließt Herr Müllers Krankenakte. Frau Müller tastet nach der Hand ihres Mannes. Der murmelt das komische Wort vor sich hin. „Austherapiert.“ „Ja, was heißt das denn?“ fragt Frau Müller hilflos. Der Arzt putzt seine Brille etwas umständlich am Zipfel seines weißen Kittels ab. „Das heißt, dass unsere medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Wir können nichts tun, um Ihre Krankheit zu heilen oder auch nur ernsthaft zu verlangsamen.“ Dann sucht er Herr Müllers Blick. „Das heißt, dass Sie sterben werden.“ Frau Müller zuckt zusammen. Herr Müller nickt kaum merklich. „Wie lange habe ich noch?“ bringt er leise hervor. Der Arzt zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf. Blättert noch einmal in der Krankenakte. „Nicht mehr lange“, sagt er.

Die Kirche[1] ist austherapiert. Sie wird sterben. Und nicht irgendwann in unbestimmter Zukunft, so wie alles irgendwann an ein Ende kommt, sondern in absehbarer Zeit. An was genau sie sterben wird, weiß man gar nicht so richtig. Sie ist schon länger krank, hat alle möglichen Wehwehchen und auch ernsthaftere Leiden und die eine oder andere Verletzung angesammelt, manche davon für sich genommen schon potenziell lebensbedrohlich. Viele hinzugerufene Expert*innen (in Deutschland ist die Kirche noch Privatpatientin) haben seit Jahrzehnten ihre jeweiligen Fachgebiete für entscheidend gehalten und entsprechende Therapien verordnet: Konservative („Die Kirche muss frömmer werden!“), invasive („Aus unternehmensberaterischer Sicht empfehlen wir…“) und alternative Methoden („Die Kirche muss bunter werden“). Fastenkuren („Die Kirche sollte weniger…“), Reproduktionsmedizin („Wir müssen die Familien stärken und mehr für die Taufe werben“), Aufstellungstherapie („Die Kirche müsste mehr in die politische Mitte!“), Logopädie („Wir müssen die Predigt verbessern“) und Krankengymnastik („Die Kirche muss beweglicher werden“). Frischluftkuren („Die Kirche muss raus zu den Menschen“) und alles Mögliche andere. Jetzt kommt auch noch Corona, das bekanntlich für Patient*innen mit Vorerkrankungen besonders gefährlich ist.[2]
Am Bett, das sich immer stärker als Sterbe-, denn als Krankenbett erweist, sitzen Angehörige und trauern auf die je eigene Art und Weise, wie Angehörige und Betroffene das eben tun. Manche wollen es immer noch nicht wahrhaben und googeln frenetisch nach noch einem Experten, nach noch einer Therapie, nach noch einer All-In-Lösung, die alles irgendwie wegzaubert. Andere sind schnell in die Wutphase gekommen und suchen vor allem „den“ Schuldigen. Kommen diese Menschen aus der Gemeinde, sind es „die da oben“ schuld, also Kirchenkreise, Landeskirchen oder EKD, die alles kaputt sparen. Kommen sie aus nicht-gemeindlichen Kontexten, sind es die Gemeinden Schuld, die viel zu stark auf sich selbst bezogen sind und die klugen Konzepte nicht umsetzen, die man ihnen vorlegt. Sind die Wütenden jünger, liegt es aus ihrer Sicht an den Alten, die den Karren in den Dreck gefahren haben. Und so weiter. Die Suche nach Schuldigen ist ein emotionaler Reflex, den man kaum vermeiden kann, weil wir Menschen nun einmal so ticken. Sie ist eher Ausdruck von nachvollziehbaren Gefühlen, keine ernsthafte Ursachenforschung. Eine solche bringt ohnehin wenig, denn es ändert ja nicht viel daran, dass man mit der gegenwärtigen Situation umgehen muss.[3]
„Aber Herr Doktor“, sagt Frau Müller mit tränenerstickter Stimme, „können Sie denn gar nichts mehr für meinen Mann tun?“ Der Arzt putzt sich noch einmal die Brille. Dann sagt er: „Unsere medizinische Kenntnis reicht nach heutigem Stand nicht aus, um die Krankheit Ihres Mannes zu heilen oder nennenswert zu verlangsamen.“ „Ich will auch nicht ewig am Tropf hängen“, wendet Herr Müller ein und erinnert an seine Patientenverfügung, die seiner Frau gerade herzlich egal ist. Der Arzt nickt. „Aber wir können all unser Wissen dafür einsetzen, dass die letzte Zeit so schmerzfrei, unkompliziert und würdevoll wie möglich gestaltet werden kann. Ich würde daher gern schnellstmöglich einen Termin mit unserem Palliativ-Team vereinbaren.“ Er reicht Herrn Müller eine Broschüre. Auf der zweiten Seite steht erklärend: „Die Palliativmedizin widmet sich der Behandlung und Begleitung von Patienten mit einer nicht heilbaren, progredienten und weit fortgeschrittenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung sowie der Begleitung ihrer Angehörigen. Die Palliativmedizin bejaht das Leben und sieht das Sterben als einen natürlichen Prozess. Sie lehnt aktive Sterbehilfe ab.“[4]
Die Hinwendung zur Palliativmedizin markierte einen starken Richtungsumschwung in der Schulmedizin, die, etwas hemdsärmelig gesagt, vor allem auf Lebensverlängerung ausgerichtet war. Die früh Engagierten dieser Bewegung erkannten das Befreiende im Akzeptieren des Unvermeidlichen – was ihnen von Kolleg*innen nicht selten den Vorwurf einbrachte, sie würden ihren hippokratischen Eid verraten, obwohl klar war, dass es nicht um Sterbehilfe, sondern um Sterbebegleitung ging. Palliative Care bedeutet einen Abschied von menschlichen und medizinischen Allmachtsfantasien, sie rechnet mit dem Tod als unvermeidliche Konsequenz des Lebens und sieht die Aufgabe der Begleitung darin, nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben. Deswegen arbeitet Palliative Care multiprofessionell: Die Ärztinnen bringen ihre Expertise dadurch ein, dass sie wirksame Schmerztherapien entwickeln, Pflegekräfte unterstützen durch eine Versorgung, die einen so angenehmen Aufenthalt wie möglich in der letzten Lebensphase gewährleistet, und Seelsorgende helfen Sterbenden dabei, loszulassen, ihre Dinge zu ordnen und in Frieden und Würde Abschied zu nehmen.

Die nächsten Wochen vergehen schnell. Herr Müller ist in einem hellen, freundlichen Einzelzimmer untergebracht. Überhaupt hätten sie sich die ganze Station, auf der er liegt, ganz anders vorgestellt. „Ich dachte immer, auf so einer Sterbestation muss es ganz traurig zugehen“, sagt Frau Müller beim Kaffeeholen zu einer der Schwestern. Die lacht. Und auch Herr und Frau Müller lachen zwischendurch. Und führen Gespräche, die anders sind als früher. „Ich bin so stolz auf dich, wie du das hier alles erträgst“, sagt sie eines Tages zu ihm. Er sieht sie lange an, mit blanken Augen. „Du hast mir noch nie gesagt, dass du stolz auf mich bist“, sagt er, und eine Träne kullert ihm über die Wange. Zusammen geweint, das haben sie noch nie gemacht. Das ist neu. Und es tut gut. Der Zustand von Herrn Müller verschlechtert sich rapide. Irgendwann kann er nicht mehr aufstehen, das Reden, das Wachbleiben, Dinge in der Hand zu halten, all das fällt zunehmend schwerer. Frau Müller bekommt von einer Schwester gezeigt, wie sie ihm den Mund mit nassen Wattestäbchen auswischen kann. So kommt er sogar noch an ein Bierchen. Er lächelt sie an, und es kostet ihn unendlich viel Kraft. – Der Tag, an dem Herr Müller stirbt, ist ein sonniger. Lange bleibt sie an seinem Sterbebett sitzen, denkt an Schönes und Schroffes zurück. Am Abend sagt sie ihrer Schwägerin am Telefon: „Ich weiß gar nicht, was ich machen soll…“ Sie sucht nach Worten. „Wie soll das Leben ohne meinen Harry gehen? Aber… diese letzte Zeit, die war…“ sie senkt die Stimme und flüstert: „Irgendwie auch schön. Die hat uns nochmal näher zusammengebracht.“ Beide weinen ein bisschen am Telefon, dann ruft Frau Müller den Bestatter an.

Unsortiertere Gedanken zu einer palliativen Ekklesiologie

-        Palliative Ekklesiologie meint eine Lehre von der Kirche, die nicht nur mit dem Abbau einzelner Gemeinden, sondern auch mit dem Ende der Kirche in der uns bekannten Form rechnet. Es gibt ohnehin keine biblisch fundierte Lehre von einer ewigen Kirche[5], geschweige denn in einer bestimmten Organisationsform. Wie die frühen Palliativpioniere werden auch ihre Vertreter*innen sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass sie ihren Auftrag verraten. Das ist durchzustehen, denn auch hier sind unvermeidliche und notwendige Emotionen am Werk, und auch hier geht es darum, Allmachtsfantasien[6] aufzugeben.


-        Palliative Ekklesiologie entlastet dadurch von der unweigerlich zum Verzweifeln führenden Suche nach dem Heiligen Gral in Form eines einzelnen Rezepts, durch das alles wieder gut wird. Sie gesteht sich die Unumkehrbarkeit der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte ein und befreit so zu einem Blick auf ein neues Ziel: Das Ende würdevoll zu gestalten. 

-        Palliative Ekklesiologie stellt die unbedingte Würde des Sterbenden in den Mittelpunkt. Die Suche nach der individuellen Schuld des Sterbenden an seinem Schicksal hat in diesem Bestreben keinen Platz, weil sie entwürdigend und irreführend ist: Das Sterben ist die unvermeidliche Konsequenz des Lebens. Palliative Ekklesiologie ist daher realistischer und vor allem gnädiger als alle kybernetischen Modelle, die einseitig auf Wachstum, Innovation oder zumindest Besitzstandswahrung abzielen.



-        Palliative Ekklesiologie bejaht das Leben, das heißt: Sie leistet keine Sterbehilfe. Sie ermöglicht es, funktionierende Teilsysteme zu erhalten und zu fördern – einzelne Gemeinden, einzelner Regionen können aufgrund ihrer Nachhaltigkeit auch den volkskirchlichen Systemkollaps überleben und in anderer juristischer Form weiterbestehen. Es gibt keinen Grund und keine ethische Grundlage dafür, in solchen Fällen alle Stecker zu ziehen und die Geräte abzuschalten. Zugleich schärft sie den Blick dafür, dass Maßnahmen, die auf eine rein quantitative Lebensverlängerung abzielen, nicht die einzige und vor allem nicht die wünschenswerteste Lösung darstellen.



-        Palliative Ekklesiologie weiß um die ungeheure emotionale Intensität, die eine bewusst gestaltete letzte Lebensphase haben kann. In der bullshitfreien Zone rund um das nicht mehr länger verleugnete Lebensende wird Raum frei für Aufarbeitung, für das Benennen persönlicher Schuld und für Vergebung, für das Ordnen der Dinge, für manchmal völlig neue Formen der Nähe. Es klingt paradox, aber: Die letzte Zeit ist von Trauer und Abschied durchfurcht, aber sie kann auch wunderschöne und intensive Momente bereithalten, die die Sicht der Überlebenden auf das Leben für immer verändern.



-        Palliative Ekklesiologie braucht wie Palliative Care multiprofessionelle Perspektiven. Sie kann Erkenntnisse und Kompetenzen aus der freien Wirtschaft aufnehmen (Exnovation, Change Management), Ansätze und Methoden aus Therapie und Beratung (Trauerbegleitung, Ritualforschung) integrieren und braucht einen verlässlichen ethischen Kompass, um an der äußersten Grenze verantwortungsvoll navigieren zu können. 

-        Palliative Ekklesiologie kann die öffentliche Relevanz von Theologie, Spiritualität und christlichem Glauben deutlich machen, indem sie Vorbild ist für den würdevollen Abbau anderer verdienter und traditionsreicher Institutionen, die ihr Lebensende erreicht haben. Dieses Potenzial hat allerdings deutliche Grenzen, denn:



-        Palliative Ekklesiologie zieht ihre Motivation und ihre Begründung ultimativ aus dem Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Christus ist gestern und heute und auch in Ewigkeit derselbe. Dadurch verliert der Wandel der kirchlichen Organisationsformen trotz aller Trauer seinen Schrecken. Schuldlosigkeit ist nicht durch ein sündenfreies Leben, sondern nur durch Gottes Versöhnungsangebot zu haben. Daher braucht es keine Illusion, irgendeine Organisationsform der Kirche könnte oder müsste jemals perfekt sein. Das öffnet sogar gedankliche Räume, die zum „fröhlichen Sündigen“ (M. Luther), zumindest zum wilden Experimentieren einladen. Christus ist nach seinem Tod auferstanden, und er zieht alle mit sich. Palliative Ekklesiologie kann damit rechnen, dass Gott nach Abschied, Sterben und Tod Neues schafft. Und dass das Zweite erst nach dem Ersten kommen kann. Ohne freien Fall keine Erfahrung: Ich bin getragen. Ohne Umkehr keine neuen Perspektiven. Ohne Sterben keine Auferstehung.


[1] Gemeint ist hier wie im Übrigen nicht die Kirche als theologische und damit zumindest in Teilen theoretische Größe, sondern der in Deutschland volkskirchlich verfasste Mainstream-Protestantismus.
[2] Aber schon vorher dürfte klar geworden sein: Keine dieser Therapievorschläge wird die Volkskirche in entscheidender Breite retten. Einzelne Gemeinden werden sicherlich von temporären Aufbrüchen profitieren können, aber aufs Ganze gesehen sind das Erfolge bei der Symptombehandlung.[2] Es ist rein rechnerisch nicht möglich. In Formulierungen ausgedrückt, die derzeit in aller Munde ist: Um eine Volkskirche bundesdeutscher Dimension mitgliedermäßig bloß stabil zu halten, müssen a) die Geburten die Todesfälle ausgleichen (was sie nicht tun). Und selbst, wenn das der Fall wäre, müsste b) der Reproduktionsfaktor bei 1.0 liegen. Das hieße zum Beispiel, wenn man keine Nicht-Mitglieder von außen anwirbt (was die Kirche nicht tut), dass ein evangelisches Elternpaar ihre Kirchenbindung an zwei Kinder weitergeben muss, und zwar dauerhaft. Da schon die erste Bedingung nicht zutrifft, ändert die zweite, so sie denn gegeben wäre, auch nichts am Abwärtstrend, und der ist so gewaltig, dass keine Erweckungsbewegung in einer historisch bekannten Größe das ausgleichen könnte.
[3] Ein kleiner Exkurs: Oft fordern Gemeinden (und hier oft Pfarrer*innen) mehr Personal, vor allem mehr Pfarrer*innen. Viele fürchten sich vor der Unüberschaubarkeit von Gemeindegrößen, die mit einer Pfarrstelle pro dreitausend (oder, auf den Inseln der Seligen, zweitausend) Mitgliedern rechnen. Hintergrund ist die Annahme, dass mehr Pfarrer*innen mehr Kontaktfläche zur Kirche bieten und sich dadurch die Kirchenbindung verbessert. Es gibt aber gute Gründe dafür, dass die Annahme falsch ist. Erstens ist die Arbeit dadurch nicht zwingend gemeindeorientierter (wer mit einem Orgel-Agende-alte Leute-Sonntagsmorgengottesdienst nichts anfangen kann, dem ist es egal, ob er sich „seine“ Pfarrperson mit 1000, 2000 oder 3000 anderen teilt. Zweitens sind Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nicht ganz so einfach. Wer sich entscheidet, sein Kind nicht taufen zu lassen, tut das ja nicht, weil er oder sie keinen Termin mit der Pfarrperson bekommt (zumindest die allermeisten nicht), sondern weil sich nicht erschließt, wozu das gut sein sollte. Drittens zeigt die Historie, dass die Entwicklung der Pfarstellensituation alles andere als singulär ist: In Preußen waren um die vorletzte Jahrhundertwende Pfarrer durchschnittlich für rund 2.500 Gemeindeglieder zuständig. Das sind absolute Durchschnittswerte mit deutlichen Ausreißern nach oben und unten, beschreiben aber trotzdem eine Situation, die unserer nicht unähnlich ist. Und: Dort, wo Pfarrer nur für rund 700 Menschen zuständig waren, haben sie pro Jahr proportional genauso viele Konfirmationen wie ihre Kollegen mit dreitausend oder mehr Gemeindegliedern. Und das sind ziemlich wenige, wenn man bedenkt, dass die Taufquote durchgehend bei 93–99% liegt. – Das sind jetzt etwas aus der Hüfte geschossene Schlussfolgerungen, aber die Zahlen sind verlässlich und nachzulesen bei Oliver Janz, Bürger besonderer Art. Evangelische Pfarrer in Preußen 1850–1914 (VhHKB 87), Berlin u. a. 1994, 509ff.
[5] Diesen Irrtum lutherischer, katholischer und orthodoxer Ekklesiologie hat Karl Barth korrigiert, vgl. Christengemeinde und Bürgergemeinde, in: Ders., Rechtfertigung und Recht. Christengemeinde und Bürgergemeinde, Zürich ²1979 (Theologische Studien 104), 53.
[6] Selbst bei Gemeindegrößen von 500 Mitgliedern pro Pfarrperson ist es eine Illusion, diese könnte mit allen Mitgliedern persönlichen Kontakt pflegen, geschweige denn einen emotional und theologisch-geistlich gehaltvollen.

Dienstag, 20. August 2019

Das Ruhrgebiet - Erinnerungen

Peter Trawny
Ein autobiographisches Kapitel aus einem nicht realisierten Buchprojekt. Vielleicht interessierts diejenigen, die, wie ich, im Ruhrgebiet der sechziger und siebziger Jahre aufwuchsen:

Heimatmuseum Ruhrgebiet

Ich verbrachte meine Kindheit in Wanne-Eickel, in einer Ruhrgebietsstadt, deren Name schmunzeln lässt. Mit ihm verbindet sich jedenfalls die Provinz, ein Verschlagensein an einen verlorenen Ort. Die Stadt wurde irgendwann eingemeindet in das etwas größere Herne, was gewiss nur ein sehr begrenzter Fortschritt war. Wer damals, Ende der sechziger Jahre dort lebte, hatte es auf die eine oder andere Weise mit der Schwerindustrie, mit Bergbau oder Stahlproduktion zu tun.

Mein Vater war Bergmann. Die Familie eingewandert aus dem Osten, einer Gegend, die im „Dritten Reich“ als „Masuren“ Karriere machte. Masuren sollten Deutsche sein, spielten doch in Gelsenkirchen, meiner Geburtsstadt, bei Schalke 04 Szepan und Kuzorra, zwei Masuren eben, die von den Nazis eingedeutscht wurden (Szepan begeisterte sich dann auch fürs Hakenkreuz). Es geschieht häufig, dass mein Name englisch ausgesprochen wird, in Wirklichkeit ist er slawischer Herkunft. Meine Großeltern väterlicherseits unterhielten sich, wie mein Vater berichtet, noch polnisch miteinander. Das Deutsch, das sie auch noch sprachen, klang ein wenig jiddisch, glaube ich.

Das väterliche Bergmannsein prägte meine Kindheit. Mein Vater arbeitete (auch Nachts) oder schlief. Das führte nicht selten zu manchmal erheblichen Auseinandersetzungen, denn wie sollte ich damals Anfang der siebziger Jahre meine T.Rex-Singles hören, wenn nebenan der erschöpfte Vater schlafen musste? Später habe ich dann auch über ein halbes Jahr lang unter Tage gearbeitet (auch Nachts). Das hat mein Verhältnis zu dem, was man „Arbeit“ nennt, gewiss beeinflusst.

Des Abends färbte sich der Himmel oft rot. Das kam vom Stahlabstich. Das Licht des aus dem Hochofen entlassenen flüssigen glühenden Metalls reflektierte in den Wolken. Man war daran gewöhnt, und dennoch war es nicht selten aufregend: Es war schon dunkel geworden, ich hatte mein Abendgebet gesprochen (ja, das war so) und dann, plötzlich, ein rotes Licht, das nicht die Sonne war; Zeichen einer Betriebsamkeit, die die Region boomen ließ. Das änderte sich dann bald.

Ich erinnere mich an eine Kindheit, die sich im Freien abspielte. Das Ruhrgebiet bot damals Brachen, unbebautes Gelände, auf denen Kinder ziemlich gefahrlos streunen konnten. Cowboy- und Indianer-Spiele irgendwo im Niemandsland. Da waren die Bahngleise, auf denen man Nägel plattfahren ließ. Oder die verlassenen Bunker des Weltkriegs, die einem so vertraut waren wie die regelmäßige Luftschutzübung, bei der die Sirenen zu heulen begannen. Kriegsversehrte gehörten selbstverständlich zum Anblick des öffentlichen Lebens.

Ich habe den Lokalpatriotismus des Ruhrgebiets nie gemocht. Die Behauptung, es gäbe einen harten, aber gerechten Menschenschlag unter den „Malochern“, fand ich immer verdächtig. Für jedwede Sensibilität gab es da keinen Platz. Wer sich für Gedichte interessierte, war entweder krank oder schwul, was als dasselbe galt. Jungs spielen Fußball und tragen blau oder gelb; was ich tat, ohne mich für eine dieser Farben zu interessieren. Doch mit dem Abstand ändert sich der Blick. Auch heute bleibe ich zurückhaltend, wenn an die goldene Vergangenheit der Malocher erinnert wird. Ein Song wie „Bochum“ von Grönemeyer finde ich unsäglich kitschig. Doch ich möchte meiner eigenen Herkunft gegenüber nicht verstockt sein. Meine Kindheit und Jugend habe ich dort verbracht.

Daher besuchte ich vor Kurzem das „Heimatmuseum Wanne-Eickel“, im Stadtteil Unser Fritz. Der Name stammt von einer Zeche, die ihren Namen von einem der preußischen Friedriche erhielt.ich war vor vielleicht dreißig Jahren schon einmal dort und erwartete das Museum unverändert. Damals war es, installiert in einer ehemaligen Volksschule, ein Museum des Museums. Es gab Hinweise auf den Bergbau, irgendwelche Küchengegenstände und Mammut-Knochen, ausgestopfte Tiere auch. Ich war vielleicht nicht der einzige Besucher, doch gewiss verlief sich nur selten jemand in diese vieldeutige Abgelegenheit. Das hat sich geändert. Das Museum ist heute ein gut besuchter Ort.

Vor ein paar Jahren hat man das Gebäude renoviert. Die gezeigten Gegenstände sind gut ausgesucht. Die Sammlung geht historisch vor. So gibt es jetzt einen eigenen Raum für die Stadtgeschichte im „Dritten Reich“. (Mein altes Gymnasium lag in der Nähe eines kleinen, anscheinend vergessenen jüdischen Friedhofs, an dem ich vor fünfunddreißig Jahren täglich vorbeikam…) Die Inszenierung einer Arbeitssituation „unter Tage“ gehört natürlich dazu. Es gibt ein komplettes Schulzimmer vom Beginn des 20. Jahrhunderts, mitsamt von Tafeln, auf denen die Buchstaben der alten deutschen Kurrent-Schrift zu lesen sind. Zehn Jahre vor meiner Geburt wurde sie noch gelehrt.

Ich begegnete auch mir selbst. Nicht wörtlich, aber vermittelt durch eine Dokumentation zu den wichtigsten Fußballklubs von Herne und Wanne-Eickel (in einem spielte ich eine Zeit lang) sowie zur Musikszene vom Anfang der achtziger Jahre. Die war damals lebendig und experimentell. Das blieb nur regional von Bedeutung, doch man nahm das Ganze ernst. Ich spielte damals in einem Trio Gitarre. Der begabte Schlagzeuger starb schon vor knapp zehn Jahren an übermäßigem Drogengebrauch.

Heimatmuseum - wenn Heimat museal wird, dann hat sie etwas Objektives angenommen. Sie ist von den Straßen und Höfen, den Brachen und Bunkern abgewandert in Räume, in denen sie in Vitrinen unserer Erinnerung punktiert wird. Alles Lebendige, Rausch- und Schmerzhafte wird dem Körper entzogen. Die Heimat, die in den kindlichen Bewegungen einfach da ist, wird zum Knochen. Ich erinnere mich, als wir eine Bahnböschung hinaufkletterten, um von den schweren Kohle- und Schotterzügen Nägel plätten zu lassen, und ein von oben kommender typischer Stein vom Gleis mein Schlüsselbein zerbrach. Nun liegt dieses Schlüsselbein im Heimatmuseum Unser Fritz - ich sehe es und lege mein Hand auf die Stelle, die sich noch warm anfühlt.

Die Langeweile - eine Miniatur

Die Langeweile, die Zeit und das Geheimnis des Seins

Langeweile - so würden die meisten von uns wohl sagen - ist ein Luxus. Aber wenn sie dann mal da ist, ist sie furchtbar. Wenn wir uns Langeweile wünschen, dann meinen wir eigentlich nur die nicht verplante Zeit, jedoch ekelt es uns an, wenn wir tatsächlich - bei dem, was wir tun oder nicht tun - gelangweilt sind. Erich Fromm meinte, dass der Mensch das einzige Tier sei, das Langeweile erfahren kann. Das hieße also, dass Langeweile nichts ist, was es unabhängig von uns gibt, sondern ein Erlebenszustand, der an ein höheres Bewusstsein gekoppelt ist. Man kann Fromm heute in sofern widersprechen, als dass auch andere Tiere sich langweilen und sich deswegen mit Unterhaltungsprogrammen ablenken - sei es das Spielen der Delphine mit Luftblasen oder ständiger Sex bei Bonobo Schimpansen. Jedoch wird Fromm insofern Recht behalten, als dass wir die einzigen sind, die Langeweile reflektieren und dadurch einen Blick auf das Geheimnis des eigenen Daseins erhaschen.

Was ist Langeweile?

Langeweile ist das Erleben von Leere in der Zeit. Insofern ist Langeweile ein Zustand, in dem wir uns der Zeit selbst und unserem Ausgeliefertsein in ihr bewusst werden.
Dürfen wir überhaupt Zeit für Langeweile haben? Wir müssen doch produktiv sein. Heute rennen wir von einem Problem zur nächsten Aufgabe, ständig ist irgend etwas zu tun. Wenn dann plötzlich doch mal ein Zeitloch ins Lebens-Stress-Kontinuum reißt, dann wissen wir wegen der Ungewohntheit der Situation, gar nicht mehr, was wir eigentlich mit dem Freiraum anfangen sollen. Vielleicht fühlen wir uns sogar schuldig, weil wir doch eigentlich irgend etwas arbeiten müssten. Und auch religiösen Moralen gilt die Langeweile als Laster oder Sünde. Das geht bis rüber ins Pathologische, wo die Langeweile an Melancholie, Angst und Depression grenzt. Blaise Pascal beschreibt das 1670 so:
"Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele der Ennui aufsteigen, die Schwärze, die Traurigkeit, der Kummer, der Verzicht, die Verzweiflung."
Diese Gefahr des psychischen Abgrunds birgt jedoch auch die Möglichkeit, an ein existenzielles Grundprinzip anzuknüpfen: das Nichts, die Leere, die Abwesenheit von Sinn. Hier wird die Philosophie mutig und mit ihr der einzelne, der sie wagt. Martin Heidegger könnte in diesem Sinne als der deutsche Philosoph der Langeweile gelten. Ihm zufolge ist die Langeweile ein ganz alltägliches Phänomen, das wir jedoch versuchen, tunlichst zu vermeiden: Wenn sie heran kraucht, fangen wir an, sauber zu machen, shoppen zu gehen, planlos im Internet zu surfen oder fern zu sehen. Aus dieser Art der Langeweile kommt nichts Gutes. Wir wissen, wie unsere Omas und Opas über gelangweilte Jugendliche denken: Sie fangen an, Handtaschen zu klauen oder Drogen zu nehmen. Mit Heidegger sehen wir jedoch eine Chance in der Langeweile. Er ruft dazu auf, sich dieser Langeweile einmal auszusetzen, sie nicht eilig mit alltäglichem Geschäft zu zu spachteln, sondern sie auszuhalten und dadurch Bekanntschaft zu machen mit dem "Grundrauschen der Existenz"*, mit der Leere und der Angst davor.

Die Langeweile der anderen
Heidegger unterscheidet zwischen drei verschiedenen Ausformungen der Langeweile. Zum einen ist da das Gelangweiltwerden von etwas oder jemandem. Da gibt es immerhin noch das Objekt, das die Langeweile auszulösen scheint, sie kommt von außen. Dann kann man sich bei etwas langweilen, hier wird schon deutlicher, dass man selbst einen Anteil an der Langeweile hat. Man könnte auch argumentieren, dass eigentlich nichts und niemand langweilig ist. Wenn mir etwas langweilig vorkommt, dann vielleicht, weil ich nicht genau hinsehe, mich nicht reindenke, mir nicht die Arbeit mache, es wirklich zu verstehen. Dies ist oft auch das Missverständnis, wenn jemand sagt, ein Film sei langweilig, ein Theaterstück oder ein Bild. Was einem solchen Urteil zugrunde liegt, ist oft fehlendes Hintergrundwissen oder die Fähigkeit, Assoziationen zum gesehenen zu erzeugen. Wenn ich heute in eine Oper gehe oder in ein klassisches Konzert, dann ist die Gefahr groß, dass ich mich langweilen werde. Aber nicht, weil die Aufführung langweilig ist, sondern weil ich inzwischen mit den klassischen Strukturen des Erzählens und Spielens nichts mehr anfangen kann. Mir fehlen die Referenzen (wir mögen es kaum glauben, aber William Shakespeare war einmal der Quentin Tarantino seiner Zeit - absolut aufregend, spannend, modern, Action, Pop). Auch das Gegenteil von solch einer Überforderung kann Langeweile auslösen: Unterforderung. Wenn alle Referenzen zu deutlich sind, kein Geheimnis zu entschlüsseln ist und uns alles vorgekaut wird, dann langweilen wir uns auch. "Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles zu sagen", sagt Voltaire. Die Langeweile ist also ein sehr ambivalentes Phänomen, der wir nur durch eine Balance zwischen Alles und Nichts enzgehen.

Das Geheimnis des Daseins und der Freiheit
Letztlich gibt es die vollkommen anonyme Langeweile, die einen hinterrücks zu überfallen scheint und die weder einen Auslöser noch ein Heilmittel kennt. Ihr ist nicht durch Aktionismus beizukommen, weil man sich entweder nicht dazu aufraffen kann oder die Langeweile auch die Handlungen tiefdunkel einfärbt. Bei Heidegger verschlingt dieses Nichts auch noch das Selbst, so dass es weder ein Subjekt noch ein Objekt gibt oder gar eine Beziehung in der die beiden stünden. Und auch die Zeit verschwindet in diesem Nirwana. Denn wie nehmen wir die Zeit denn wahr, wenn wir von dieser tiefen Langeweile erfasst sind? Sie ist ein Stillstand, der nicht zu vergehen scheint, das Gegenteil von Zeit, eine Nicht-Zeit sozusagen. Für Heidegger ergibt sich damit die Erkenntnis, dass Zeit also kein Medium sei, in dem wir uns bewegen würden, sondern etwas, dass wir mit Aktivität hervorbringen. Nur in der Lähmung der Langeweile gerät dieser Zeitgeber, der wir selbst sind, ins Stocken, um dann im Normalfall doch bald wieder anzuspringen und das Leben in Aktivität fortzusetzen. In diesem Wiederanspringen des Selbst, das sich als Zeitgeber des Lebens zu sich selbst entschlossen und aus der Langeweile losgerissen hat, sieht Heidegger die existentielle Freiheit.

Die Langeweile ermöglicht uns einen Schritt zurück von der Welt und gibt damit einen Blick frei auf ihre uns sonst verborgene Beschaffenheit inklusive so erschreckender Zustände wie Einsamkeit und Endlichkeit. Das Erleben der Langeweile vermittelt uns den "Lastcharakter des Daseins überhaupt, dieses, daß dem Menschen das Dasein als solches zugemutet wird, daß ihm aufgegeben ist - da zu sein."* Und dieser Zumutung zu trotzen, Langeweile zu erfahren und sich aus ihr wieder aufzuraffen mit einem erneuerten Gefühl, dass es darauf ankommt, die eigene Zeit selbst mit Sinnhaftigkeit zu erfüllen, darin liegt vielleicht das alltägliche Geheimnis des Daseins, an das wir auch durch die Angst und Leere der Langeweile erinnert werden können. Rüdiger Safranski bringt das verständlich auf den Punkt: "In der Langeweile merkst du, daß es nichts von Belang gibt, außer du tust es ..."*


Freitag, 9. August 2019

Achtsamkeit - Herzensruhe

Achtsamkeit - Wege zur Herzensruhe

Zur Ruhe finden - auf dem Weg der Achtsamkeit
Es ist die Sehnsucht, zur Ruhe zu kommen, nicht nur äußerlich, sondern auch innere Ruhe finden, Herzensruhe, in der das Herz, der Ort der tiefen Gefühle und vordergründigen Emotionen, zur Ruhe kommt, in der sich die Angst beruhigt, in der Erquickung und Regeneration zu erfahren ist.

Zeitansage:
Martin Heidegger beschreibt den Menschen als wesentlich einen, der sich sorgt. Das Dasein ist Sorge. In der Welt sein heißt, von der Sorge getragen werden. Diese Sorge läßt immer wieder Unruhe entstehen, inneren Lärm, laute Gedanken, lärmende Emotionen, gepaart mit Ängsten und Schuldgefühlen, Ahnungen, dass das Leben wohl doch nicht so verläuft, wie er es sich einmal erträumt hat. Und so läuft er vor den unangenehmen Augenblicken der Stille davon, betäubt sich wieder mit Lärm, der von allen Seiten auf ihn einströmt. Generiert Bilder, die die Tiefe der inneren Wirklichkeit überdecken, flieht in sorgende, ruhelose Beschäftigung, um der Wahrheit aus dem Wege zu gehen.
Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Ruhe, Herzensruhe.

Eine Spur, die zum gefüllten Leben bringt - Achtsamkeit
Die Einladung, diesen Weg zu finden, von der Unruhe zur Ruhe zu kommen, besteht darin, alles, was ist, bewußt wahrzunehmen und in jedem Augenblick achtsam zu leben. Das hat nichts zu tun mit einer neuen Leistung, einem sorgenden Zwang, der treibt, sondern in der Achtsamkeit werde ich sensibel dafür, wie unachtsam ich sorgend in vielem bin. Deshalb kämpfe nicht gegen die Unruhe, sondern nehme sie zuerst bewußt wahr.
Achtsamkeit bedeutet, den Focus, die Aufmerksamkeit bewußt und mit Absicht auf das aktuelle Erleben richten, von Moment zu Moment, und das, was man darin wahrnimmt, nicht zu bewerten. Alles, was den Geist erreicht, erst einmal annehmen und nichts verbietend vermeiden, gerade auch die Unruhe, die sich als Sorge in mir abspielt.
Es ist ein behutsames Achtgeben, das diese Unruhe schon verwandeln kann, indem ich sie annehme: Ich lasse die Unruhe sein, anstatt gegen sie anzukämpfen.
Sie ist dann zwar noch existent, hat mich aber nicht mehr im Griff! Sie bestimmt mich nicht mehr. Denn die Betrachtung führt mich in eine Distanz zur Unruhe. Achtsamkeit bedeutet, diese Position des Beobachtens zu bewahren, sich selbst zuschauen. Der Punkt in mir, der dieUnruhe anschaut, ist selbst nicht mehr von ihr infiziert. Ich nehme die Unruhe wahr, indem ich mich nicht länger mit ihr identifiziere. Das beruhigt mehr, als wenn ich mit Gewalt dagegen ankämpfe! Die Zeit des Kämpfens ist vorbei. Gelassen kann ich darauf achten, wie sich die Unruhe äußert, da sind die Gedanken, da ist mein Körper. Ich kann beobachten, wie die Unruhe aufsteigt, was sie zum Wachsen bringt. Und ich kann beobachten, wie sie verebbt, welche Gedanken dann in den Vordergrund treten. Unruhe bewußt wahrnehmen, ohne davon bestimmt zu werden. So erfahre ich mitten in der Unruhe schon ein leichtes Wehen der Ruhe. Wodurch? Indem ich achtsam beobachtend mich verhalte.
Denn Achtsamkeit kommt von achten, aufmerken, überlegen, nachdenken.
Will sagen, ich handle überlegt, aufmerksam und bewußt. Ich bin ganz bei dem, was ich tue. Ich weiß um das, was ich tue. In meinem Tun bin ich mit allen Sinnen dabei. In diesem  Augenblick bin ich ganz gegenwärtig! Und da ist es dann zu spüren, das Geheimnis des Augenblicks, das Geheimnis der Zeit und des Raumes, das Geheimnis meines Lebens. Mit vollem Wissen und klarer Überlegung bei dem sein, was ich tue, was ich denke, was ich anrühre oder sehe und höre, was ich rieche, was ich wahrnehmend lebe.

Nicht jeder Augenblick kann so gelebt werden,
denn es geht nicht um Leistung,
die ohnehin in Überforderung und neue Sorge mündet.
Aber diese Achtsamkeit ist eine gute Übung, täglich eine Zeit in dieser inneren Haltung zu verbringen. Ich bin jetzt ganz in der Gegenwart. Das verändert auf Dauer meine Gedanken  und damit meine Lebenshaltung und führt auf den Weg zur inneren Ruhe.

Wahrnehmen ohne zu bewerten
Denn die Ursache unserer sorgenden Unruhe liegt oft darin, dass wir alles bewerten. Dabei sind die Wertmaßstäbe meistens so hoch gesetzt, dass wir sie nicht erreichen. So sind wir unzufrieden mit uns selbst und dieser Welt, und es entsteht eine diffuse Unruhe.
Wenn ich bewußt wahrnehme, was ist, ohne zu bewerten, dann kann ich es erst einmal so lassen, ohne es ändern zu müssen. Und wenn ich es lassen kann, verwandelt es sich und ich erhalte eine neue Blickrichtung, die mich dann ruhig handeln lässt.
Achtsamkeit ohne Werten heißt nicht, die bestehende Verhältnis sanktionierend zu ertragen, sondern von der wertenden Unruhe zu einer heilsamen Ruhe zu kommen, die dann aufzeigt, was in Ruhe und Gelassenheit zu tun ist.
Denn in der Achtsamkeit werde ich sensibel dafür, wie unachtsam ich in vielem bin. Das annehmen, ohne es zu bewerten bringt mich dazu, meine Unachtsamkeit zu lassen, ohne dagegen kämpfen zu müssen. So verwandelt sich Unachtsamkeit in eine erneuerte, zwanglose Achtsamkeit.

Ausblick - Achtsamkeit, ein Weg
Ich nehme in aller Ruhe meine Unruhe wahr. Ich spüre, dass vieles sich in mir bewegt. Aber dieses Ich, das spürt, ist selbst nicht in der Unruhe. Innerlich von den Gedanken und Gefühlen zurücktretend, erfahre ich einen wesentlichen Teil in mir, der nicht von sorgender Unruhe infiziert ist. Oder anders gesagt, durch konzentrative Achtsamkeit gilt es, die Automatik der Gedanken- und Gefühlsabläufe zu unterbrechen. Das führt zu einer inneren Ruhe, aus der Neues entstehen kann ohne unruhige Sorge.    

Donnerstag, 8. August 2019

Suche den Frieden und jage ihm nach!

Evangelische Kirche Wiehl -  Sonntag, 04.08.2019

Predigt über Psalm 34, 13-15

Pfarrer i.R. Heinz Hübner

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...I will follow him – so hat der Gospelchor die Taufe von Fenna Josephine beschlossen. Denn die Taufe – auch ihre Taufe -  hat immer Folgen: nämlich Gott in seinem Wort in Anspruch nehmen, Gottes Wort in Anspruch nehmen, der in der Taufe verspricht:

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!“ (Gen. 12,2)

Und das gilt heute nicht nur für Fenna, sondern für jeden von uns, der seine eigene Taufe, diese Zusage Gottes erinnert: I will follow him. Ich will IHM folgen. Gottes Wort für mich in Anspruch nehmen, dass es mein Denken, Fühlen und Handeln bestimmt.

Und das Wort, das heute in Fennas Taufe groß gemacht wurde, dieses „setze dich für den Frieden ein und verfolge dieses Ziel mit ganzer Kraft!“ – aus Psalm 34 – haben sie es erkannt? In der Lutherübersetzung heißt es kurz und bündig: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ – das ist doch...richtig, das ist die Jahreslosung 2019, das Bibelwort, das uns dieses Jahr geleiten soll. Deshalb frage ich uns, wo stehen wir mit Gottes Wort jetzt, nachdem die Hälfte des Jahres schon wieder vergangen ist? Was hat dieses Wort, das wir dieses Jahr besonders in Anspruch nehmen, mit uns gemacht, was hat es gebracht? Wohin hat es mich gebracht?

Suche Frieden und jage ihm nach! 

Suchen und Jagen – das klingt doch sehr gehetzt, so als ob der Frieden sich versteckt hätte und wir ihn suchen müssen – oder der Friede immer schon wieder weg ist und d wir ihn eigentlich nie erreichen können, und deshalb ihm nachjagen müssen.

Und in Tat kann uns dieses Gefühl ja angesichts der aktuellen Fragen und Entwicklungen stark beschleichen.

Es gibt so viele Konflikte auf dieser Erde, die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben und zur Flucht zwingen. Es gibt so viele Tote in Bürgerkriegen und Opfer im Kampf der Großmächte und Nachbarstaaten, wie in Syrien, im Jemen, in Afghanistan und anderswo. Da sind die Ertrinkenden im Mittelmeer, dort wo viele von uns an den Stränden Urlaub machen – Malle ist doch nicht weit von Malta entfernt!

Wir kommen den vielen Nachrichten und Bildern kaum noch hinterher – und mögen uns vielleicht dem auch gar nicht mehr aussetzen und schalten lieber ab. 

Wie kann da Frieden gelingen? Wie schützen wir uns vor Resignation? Wie behalten wir uns die Sensibilität und Aufmerksamkeit für den Frieden und das Engagement, zu dem uns Gottes Wort aufruft?

Der Psalm 34 stellt die Suche nach dem Frieden in einen umfassenden Horizont der Frage nach dem guten Leben, und er wird ganz konkret, wenn es um das Leben in Frieden geht.

 

Hören wir Psalm 34 die Verse 13-15:

Wer möchte gerne gut leben und schöne Tage sehen.

Behüte deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen,

dass sie nicht Trug reden.

Lass ab vom Bösen und tue Gutes.

Suchen Frieden und jage ihm nach.

 

Darum soll es gehen: Gutes Leben!

Die Frage nach dem guten Leben haben schon die alten Philosophen Platon und Aristoteles gestellt und haben daraus eine Ethik mit moralischen Handlungsanweisungen entwickelt. Und wer heute unter dem Stichwort „gutes Leben“ im Internet recherchiert, der findet unzählige Initiativen, Kongresse, Workshops, schlaue Bücher, Online-Medien und Ratgeberliteratur. Sogar die Bundesregierung hat zum Bürgerdialog „Gut leben in Deutschland“ aufgerufen. Glücksforschung über Konsumkritik, einfaches Leben durch regionales Denken und Handeln bis hin zu esoterischen Praktiken, um zu einem guten und ausgeglichenen Leben zu finden.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese Frage in diesen Formen ganz besonders in reichen Gesellschaften auftaucht. Offensichtlich herrscht trotz allen Reichtums und den vielen Möglichkeiten eine Art Sinnleere, die zu den Grundfragen des Lebens zurückführt.

Unsicherheit beherrscht viele Menschen und sie suchen nach Antworten, was ihrem Leben Orientierung gibt. Wie sehen solche Werte aus? Auf der Suche nach einem gefüllten, glücklichen Leben – Frieden – Schalom.

Blicken wir auf Psalm 34. Wie wird da gutes Leben definiert? Es gibt drei Hinweise:

 

1. „Behüte deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden!“ 

Das ist höchst aktuell in Zeiten der fake news oder in einer Entwicklung, in der die Wahrheit als fake news verunglimpft wird. Die Wahrheit zu reden ist der erste Weg zu einem guten Leben in Frieden. Dazu gehört es auch, sensibel und aufmerksam zu bleiben für die Not und das Elend der Menschen. Sich dem dummen Gerde von alternativen Fakten entgegenzustellen, um die wahren Ursachen im globalen Kapitalismus zu entlarven. Dazu gehört es, die wahren Hintergründe für Flucht und Migration auf dieser Erde anzuschauen. Die Menschen fliehen vor Not und Elend, vor Krieg und Gewalt, die wir in den reichen Ländern des Nordens und Westens mitverursacht haben. Ungerechte Handelsbedingungen, Ausbeutung und Waffenexporte, die Konflikte verschärfen, tragen mit zu den Situationen bei, aus denen Menschen wegen einer wachsenden Perspektivlosigkeit fliehen. Nicht der Abschottung der Grenzen ist deshalb das Hauptaugenmerk zu widmen, sondern der tatsächlichen Bekämpfung der Ursachen.

„Behüte deine Zunge vor dem Bösen!“

Die Sensibilität für unsere Sprache ist ein wesentlicher Weg zum Schalom, zum guten Leben in Frieden. Wir müssen darauf achten, dass unsere Worte nicht verletzen, abgrenzen und ausgrenzen. Wir bemerken hoffentlich diese Verrohung der Sprache bis in bestimmte rechtsorientierte Parteiungen auch im Bundestag, Es kommt auf dich und mich, auf jeden einzelnen an, wie wir unsere Sprache gebrauchen, damit Frieden wird. Denn wenn die Worte verrohen, ist es nicht mehr weit zur Gewalt. Aktuelle Ereignisse in unserem Land zeigen das überdeutlich. Wer seine Worte nicht beherrschen kann, kann bald auch sich selbst nicht mehr beherrschen und wird von der Gewalt der Sprache, die das Denken und Handeln bestimmt, überwältigt. Wir merken hoffentlich mit großer Sorge, wie so die Sprache verroht, wie die 140 Zeichen eines twitternden Präsidenten der USA Lügen verbreiten und wie Schmähung, Verleumdung, Verhöhnung auch auf den Straßen unseres Landes, im öffentlichen wie auch privaten Diskurs Eingang finden. Meist fängt das mit der unsäglichen Redewendung „Man wird doch mal sagen dürfen...“ an. Sagen wir dann ein entschiedenes nein, um unsere Zunge vor dem Bösen zu bewahren!

2. Hinweis: „Lass ab vom Bösen und tue Gutes!“

Aber so einfach zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ist doch gar nicht so einfach – mögen einige jetzt sagen – und sie haben damit Recht! Denn es nützt gar nichts, die Welt in gut und böse einzuteilen oder irgendwelche Menschen und Länder zu dämonisieren. Die Welt ist komplex und kompliziert geworden und einfache Antworten gibt es so nicht mehr!

Und dennoch haben wir in der Regel doch ein Gespür dafür, was richtig ist. Wir Menschen besitzen doch diese positive Vorstellungskraft. Fichte und Schelling, die Philosophen des deutschen Idealismus zu Beginn des 19 Jh., als man ebenfalls auf der Suche nach dem Wahren und Guten war in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, sprachen von den inneren Vorstellungsbildern, der Einbildungskraft, die zum Guten führt, weil sich darin die Wahrheit selbst offenbart. Und Hegel konnte darin das Wirken des Göttlichen erkennen. Ja wir Menschen besitzen doch diese positive Vorstellungskraft.

John Lennon hat das vor fast 50 Jahren in seinem Song „Imagine-peace on earth“ aufgenommen, einem der Lieblingssongs meiner Tochter. „Imagine...“ Stell dir vor, wie das ist, wenn alle Menschen auf der Welt in einträchtigem Frieden leben, wenn jeder nach seinen Bedürfnissen sich entwickeln kann. Imagine – stell dir vor, wie der Weg dahin aussehen könnte. Und dann fang in kleinen Schritten bei dir an. Und Lennon hat weiter gedichtet: you may say I’m a dreamer – du sagst ich sei ein Träumer – but I’m not the only one – aber ich bin nicht der einzige. Join me – komm mit auf diesem Weg und wir werden die Welt zum Guten verändern. Imagine – stell dir das vor, gebrauche deine Einbildungskraft!

Genau darum geht es, in kleinen Gruppen gemeinsam zu träumen, um dann den Traum vom Frieden zu verwirklichen in kleinen Schritten – Veränderung! Denn so beginnt das Reich Gottes, das Jesu Christus verheißen hat allen, die sich darauf einlassen.

Wir haben doch ein Gespür dafür, was richtig ist!

Und es würde anfangs schon reichen, wenn wir die Dinge lassen, von denen wir wissen, dass sie anderen Menschen oder der Mitschöpfung schaden, und die Dinge wirklich tun, die wir schon längst als richtig erkannt haben. Anderen Menschen Gutes tun, das geht nur über gerechte Teilhabe. Denn es ist ja unser eigener Lebensstil, mit dem wir auf Kosten anderer Menschen leben. Der Friede ist bedroht, mehr denn je. Weit über 2 Millionen Kinder leben in Deutschland von Hartz IV – auch das ist eine Kriegserklärung der Wohlhabenden gegen eine wehrlose Gruppe, die gleichzeitig als unsere Zukunft beschworen wird. Gerade angesichts der Taufe eines kleinen Kindes, der Fenna, gilt es, solches deutlich auszusprechen.

Vorstellungskraft - Frieden – Schalom für Stadt und Land. John Lennon rät „Imagine – stell dir das vor, wie es anders wäre und geht die ersten Schritte gemeinsam – I’m not the only one!

3. Hinweis aus Psalm 34 „Suche Frieden und jage ihm nach“

An den beiden Verben „suchen“ und „jagen“ wird klar: Frieden ist kein Zustand, der einmal erreicht, für immer Bestand hat. Frieden steht nicht zur freien Verfügung, als könnten wir einfach zugreifen wie zu einer Ware im Supermarkt. Frieden geschieht. Frieden wird im Hier und Jetzt, er leuchtet auf und geht auch wieder verloren, wenn er nicht ergriffen wird. Frieden ist ein lebendiger Prozess, der unser engagiertes und zielgerichtetes Handeln braucht.

Suchen und Jagen – das Suchen ist die Besonnenheit und das Jagen ist die Leidenschaft. Beides braucht es! Imagine peace on earth. Frieden ist ein Prozess, ein Weg. Und dieser Weg beginnt bei uns selbst, in unserer Einbildungskraft, dort wo das Göttliche und Menschliche sich treffen, in uns selbst dem inneren Frieden, wenn wir Gottes Wort in Anspruch nehmen: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein! Wie es in Fennas Taufe ihr zugesagt wurde. Und wie wir es in der je eigenen Erinnerung aufgenommen haben. Der Friede Gottes ist da, er ist die Kraftquelle, wir sollen und können ihn in Besonnenheit suchen und mit Leidenschaft ihm nachjagen. Wo wir Gottes Wort so in Anspruch nehmen, wird Gott selbst mit uns sein und unser Handeln segnend beflügeln. Wo wir das Böse meiden und den Frieden suchen, werden unsere Gesichter hell sein vor Freude auf dem Weg des gefüllten, guten Lebens.

Diese hellen, freundlichen Gesichter wünsche ich uns allen.

Denn der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinnen auf dem Weg des Friedens. Amen.

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Donnerstag, 21. Dezember 2017

Weihnachten - nachgedacht

Weihnachtliche Leerformeln: Erlösung, Heil und Rettung…

„Weihnachten hat doch irgendetwas mit dem Christentum zu tun“: Mit diesem Satz formulieren die meisten Menschen in Europa, so Umfrageergebnisse, ihre Antwort auf die Frage: „Was denn nun eigentlich am 24. Dezember oder 25. Dezember gefeiert wird?“. Man gestaltet also ein Fest, dessen Anlass und Inhalt man nicht kennt. Kann man den Menschen, oft noch Kirchenmitgliedern, Vorwürfe machen, dass sie so wenig wissen von Weihnachten? Dass sie zwar manchmal noch an Heiligabend in den Kirchen die uralten Lieder singen mit dem Inhalt „Christ, der Retter ist da“ usw.. Aber es bleibt wohl nur eine ferne diffuse Sehnsucht nach einem Retter, der möglicherweise – wie ein anderes Lied bekennt – aus Himmelshöhen herab auf Erden gekommen ist. Dabei hat das Weihnachts-Fest mehr zu bieten als diffuse Gefühle, wenn man denn die Geburt dieses Jesus von Nazareth als Geburt eines “erlösenden Vorbilds” betrachtet.

Die Frage darf philosophisch und theologisch nicht verdrängt werden : Bricht mit Weihnachten die Erlösung an und das endgültige Heil? Hat das „Heils“ – Versprechen des christlichen Glaubens irgendetwas mit der Erfahrung der Menschen in der Welt zu tun?

Blicken wir um uns und in die Welt: Wo bitte ist da Erlösung sichtbar und spürbar? Herrscht nicht allgemeine Unvernunft? Sind denn nicht so viele Politiker und Wirtschaftsbosse kaum noch zurechnungsfähig?

Dass so viele, selbst ursprünglich noch kirchlich gebildete Menschen dann nicht wissen und vor allem nicht innerlich erfahren, was Weihnachten heißt, ist meines Erachtens Schuld der Kirchen. Sie haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Bilder der alten Weihnachtslieder und Weihnachtsmythen in den Evangelien einfach so stehen lassen und sie in den Predigten dann nur nacherzählt, ohne diese Mythen zu entmythologisieren. Entmythologisieren bedeutet ja bekanntlich: Den (kleinen) wahren und gültigen Kern der Weihnachtsmythen in nachvollziehbarer, allgemeiner und deswegen vernünftiger Sprache auszusagen.

Was wäre ein allgemeiner, vernünftiger Kern des Weihnachtsfest: Jesus von Nazareth ist als Mensch Inspiration und Vorbild für die eigene Lebensgestaltung. Seine Botschaft: Lebe selbst dein Leben, lass es nicht von anderen gelebt werden. Überprüfe Gesetze und Vorschriften, ob sie dem sinnvollen Lebensentwurf in Freiheit entsprechen. Und vor allem: Lebe die Liebe, zu dir, deinen Nächsten, liebe die Welt, sie ist erhaltenswert und liebe den Sinn deines Lebens. Darin kann sich das Göttliche zeigen. Dann werden Momente der Befreiung, der “Rettung”, erfahrbar, dann ist Weihnachten nicht mehr eine leere Behauptung von Erlösung.

Jesus von Nazareth nahm für diesen Lebensentwurf in Freiheit und Gehorsam nur dem eigenen Gewissen gegenüber (darin hörte er die Sprache des Unendlichen, Gottes) sogar in Kauf, zu scheitern, also getötet zu werden von Menschen, die absolut an unsinnige Gesetze und Vorschriften gebunden waren. Darin ist sein qualvoller Tod doch irgendwie noch ähnlich zum gesammelten, eher friedvollen Tod des Sokrates.

Diesen Jesus als inspirierendes Vorbild gilt es Weihnachten zu feiern.

Vergessen sind die mittelalterlichen hoch komplizierten, von Theologen konstruierten Lehren, Jesus sei gekommen, um Gott Vater mit der heillos sündigen Menschheit zu versöhnen, indem er sich am Kreuz abschlachten lässt. Wenn diese Idee stimmt und die Versöhnung durch den Tod Jesu tatsächlich objektiv stattgefunden hat, dann „müssten die Christen mindestens erlöster aussehen“, wie Nietzsche sagte. Diese Versöhnungs-Theorie ist graue Theorie, die niemanden bewegt. Denn angeblich, so diese „ontologische These“, ist ja das Entscheidende objektiv, sozusagen göttlich, geschehen. Was muss da der Mensch noch tun?

Ist hingegen Jesus ein Vorbild von humanen und gerechten Lebensentwürfen, dann sind der einzelne und die Gemeinschaft in der tätigen Praxis gefordert. Dies ist keine Last. Sondern ein freier Lebensvollzug! Da wird es in dem Sinne absolut wichtig, sozusagen vom Göttlichen (im Gewissensspruch) so gewollt, dass die Menschenrechte respektiert werden, dass eine Kultur des Respektes entsteht, der Achtsamkeit für die eigene Seele und die Seele der anderen. Und natürlich für den “Leib”, also für die menschenwürdige Existenz in einer Gesellschaft, die den Namen Demokratie tatsächlich verdient. Mit Jesus von Nazareth wird förmlich der Blick in eine humane Gegenkultur eröffnet, jenseits von Gier, Effektivitäts – Zwängen, Unruhe und blinder Herrschaft. Diese moderne Gesellschaft nannte Hegel den „Atheismus der sittlichen Welt“, also den Atheismus, der in Gesetz und Brauchtum sich verfestigt hat und keine Öffnung auf Transzendenz mehr zulässt….

Das wäre im richtigen Sinne Weihnachten bzw. eine religiöse und kirchliche Weihnachtsfeier: Menschen aller denkbaren humanen Weltanschauungen im Sinne der Menschenrechte, kommen zu einer Feier zusammen und sprechen über ihr Leben. Sie feiern, tanzen, singen, speisen, trinken. Hören Musik und Poesie, eben auch Geschichten aus der Bibel. Und verpflichten sich, bei einer späteren Feier Weiteres zu bedenken, auch auf einen politischen Weg zu kommen im Sinne einer ökologisch lebensfähigen fairen Welt…In jedem Fall wäre zu bedenken: Dass Jesus von Nazareth aus einem grenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Lebens lebte, dass er die Erfahrung machen konnte und weitergeben wollte: Bedenkt, dass wir Menschen „immer schon“ in einem alles gründenden, nicht zu umgreifenden Sinn-Horizont leben. Man könnte dies eine Form von metaphysischer Geborgenheit nennen. Sie hat nichts mit Weltflucht zu tun. Diese Sinnerfahrung sich selbst und anderen zu erschließen, ist wohl das, was Weihnachten unter Erlösung und Rettung verstehen sollte.

Aber diese neue “Weihnachts – Praxis” wird auch in diesem Jahr zu Weihnachten nicht stattfinden. Die Kirchen und ihre Pfarrer können sich zu keiner Unterbrechung der üblichen Weihnachtsfestivitäten, mysteriösen Liedern und Gottesdiensten entscheiden. Ein Freund sagte mir treffend: “Das ist alles theatralisches Trallala. Das ist gepflegte Regression”. Die Kirchen fürchten halt, die Leute treten bei radikalen Neuansätzen aus der Kirche aus und zahlen nicht mehr für die Fortsetzung des üblichen Kirchenbetriebes.

Also weiter so, selbst wenn sogar viele Gottesdienstteilnehmer dann immer noch nicht wissen, wo denn nun diese verheißene Erlösung spürbar ist. Da komme mir keiner mit dem Hinweis, zu Weihnachten werde die Befreiung von der Erbsünde als Tat der Erlösung gefeiert. Diese Erbsündenlehre ist, das sagen Religionswissenschaftler und Historiker, eine kirchliche Ideologie, sie wurde von Augustinus mit Macht durchgesetzt, um den Menschen Angst und Schrecken einzujagen und um den Zwang zu untermauern, dass alle Menschen getauft, d.h. missioniert bzw. kolonisiert werden müssen. An die Befreiung von der Erbsünde glaubt Gott sei Dank fast niemand mehr, auch nicht zu Weihnachten. Das Böse in dieser Welt muss allein durch den Egoismus der Menschen erklärt werden, nicht mit Adam und Eva… Da heißt ja auch, dass sich jeder Mensch auch als fehlerhafter und schuldhafter Mensch begreift. Aber dazu braucht man keine Ideologie der Erbsünde…

Zurück zum Weihnachtsfest bzw. jetzt wohl nur noch Weihnachts – Kommerz -Trubel: Die Menschen brauchen offenbar die Regression in naive kindliche Welten, sie brauchen das Lametta, das „O du fröhliche“ (wer kann da fröhlich sein angesichts von Trump und Co ?), „Leise rieselt der Schnee“ und „Still und starr liegt der See“ (könnte auch eine Horrormeldung sein, man denke an den sehr stillen und starren ökologisch vernichteten Aral-See). Aber wo sind die Grenzen der Regression? Wann wird religiöse Regression zum betäubenden Opium? Brauchen wir Opium, um diese Welt zu ertragen? Warum vertrauen wir der Vernunft nichts mehr zu?

Aber, wie gesagt, Weihnachten hätte Sinn, wenn man sich auf die elementare Erfahrung allein und gemeinsam bezieht: Jesus von Nazareth als inspirierendes Vorbild kann wie ein Gottesgeschenk gelten. Er öffnet den Weg in ein Leben, das zum Sein führt und das Haben verhindert, um einmal die bekannten Begriffe von Erich Fromm zu gebrauchen. Nebenbei: Es gibt freilich noch andere inspirierende Vorbilder in der Religionsgeschichte und Kulturgeschichte. Aber zu Weihnachten denken wir nun einmal an den Menschen Jesus von Nazareth.

PS: Es wäre zynisch zu meinen, dass sich Rettung und Erlösung an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen sozusagen in der übertriebenen und kaum zu bremsenden bürgerlichen Festtagsfreude abspielen. Weihnachten wäre dann ein Fest, das die Begüterten an drei Tagen besonders glücklich macht und die vielen anderen leer ausgehen lässt. Das ist zwar die Situation unserer Welt heute. Aber so muss es ja nicht bleiben…