Donnerstag, 10. August 2017

1947 - 2017 Siebzig Jahre Darmstädter Wort

Darmstädter Wort

Das Darmstädter Wort zum politischen Weg unseres Volkes war ein Bekenntnis in der Tradition der Bekennenden Kirche. Es wurde am 8. August 1947 vom Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegeben und von den Theologen Hans Joachim Iwand und Karl Barth verfasst. Anders als das Stuttgarter Schuldbekenntnis benannte es konkrete Irrwege der Kirchen, die dem Nationalsozialismus mit den Weg zur Macht ebneten.

Wort zum politischen Weg unseres Volkes

1. Uns ist das Wort von der Versöhnung der Welt mit Gott in Christus gesagt. Dies Wort sollen wir hören, annehmen, tun und ausrichten. Dies Wort wird nicht gehört, nicht angenommen, nicht getan und nicht ausgerichtet, wenn wir uns nicht freisprechen lassen von unserer gesamten Schuld, von der Schuld der Väter wie von unserer eignen, und wenn wir uns nicht durch Jesus Christus, den guten Hirten, heim rufen lassen auch von allen falschen und bösen Wegen, auf welchen wir als Deutsche in unserem politischen Wollen und Handeln in die Irre gegangen sind.

2. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne. Dadurch haben wir dem schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht den Weg bereitet und unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt. - Es war verhängnisvoll, daß wir begannen, unseren Staat nach innen allein auf eine starke Regierung, nach außen allein auf militärische Machtentfaltung zu begründen. Damit haben wir unsere Berufung verleugnet, mit den uns Deutschen verliehenen Gaben mitzuarbeiten im Dienst an den gemeinsamen Aufgaben der Völker.

3. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine christliche Front aufzurichten gegenüber notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der Menschen. Das Bündnis der Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer an uns gerächt. Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert. Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen.

4. Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichts gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten im politischen Leben und mit politischen Mitteln bilden zu müssen. Damit haben wir das freie Angebot der Gnade Gottes an alle durch eine politische, soziale und weltanschauliche Frontenbildung verfälscht und die Welt ihrer Selbstrechtfertigung überlassen.

5. Wir sind in die Irre gegangen, als wir übersahen, dass der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde für das Leben und Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen. Wir haben es unter lassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß dem Evangelium von Gottes kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu machen.

6. Indem wir das erkennen und bekennen, wissen wir uns als Gemeinde Jesu Christi freigesprochen zu einem neuen, besseren Dienst zur Ehre Gottes und zum ewigen und zeitlichen Heil der Menschen. Nicht die Parole: Christentum und abendländische Kultur, sondern Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi ist das, was unserem Volk und inmitten unseres Volkes vor allem uns Christen selbst Not tut.

7. Wir haben es bezeugt und bezeugen es heute aufs neue: Durch Jesus Christus widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Darum bitten wir inständig: Lasst die Verzweiflung nicht über euch Herr werden, denn Christus ist der Herr. Gebt aller glaubenslosen Gleichgültigkeit den Abschied, lasst euch nicht verführen durch Träume von einer besseren Vergangenheit oder durch Spekulationen um einen kommenden Krieg, sondern werdet euch in dieser Freiheit und in großer Nüchternheit der Verantwortung bewusst, die alle und jeder einzelne von uns für den Aufbau eines besseren deutschen Staatswesens tragen, das dem Recht, der Wohlfahrt und den inneren Frieden und der Versöhnung der Völker dient.

Montag, 13. Februar 2017

Spielräume des Atheismus im 19./20. Jahrhundert

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Vorlesungsverzeichnis WS 2016/2017

Spielräume des Atheismus im 19. und 20. Jahrhundert
WiSe 2016/17 500130901 Seminar
2SWS
Doz.: Prof. Dr.theol. Michael Schulz (verantwortlich); Pfarrer Heinz Hübner
Termin: Fr. 8 (c.t.) – 10 wöchentlich
Raum: HG / 3.081
Lehrperson: Pfr. Hübner
Dauer: 21.10.2016 – 10.02.2017
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------Kommentar:
Der Atheismus als Haltung oder Lehre, die bestreitet, dass es einen „Gott“ gibt, oder genauer,
die behauptet, dass das Prädikat „Gott“ leer ist, begleitet die abendländische
Philosophiegeschichte seit ihren Anfängen. Dabei sind unterschiedliche Spielarten zu
beobachten, die geprägt sind von einer spezifischen Frontstellung im philosophischen
Diskurs.
Das Seminar steckt zunächst die philosophischen Spielräume ab, die mit dem Begriff
Atheismus verbunden sind, wobei die begriffliche Gegenseite, der Theismus, ebenfalls
bedacht wird.
Darauf aufbauend werden prominente philosophische Positionen des 19. / 20. Jahrhunderts
aufgrund ausgewählter Schriften im Seminar als atheistische Spielart gemeinsam
rekonstruiert. Im Einzelnen rücken dabei L. Feuerbach, K. Marx, F. Engels, F. Nietzsche, S.
Freud, J.P. Sartre in den Focus der Bearbeitung. Nach Absprache ist gegebenenfalls eine
andere Schwerpunktsetzung möglich.
Literatur:
Ein ausführlicher Seminar- und Literaturplan wird in der ersten konstituierenden
Seminarsitzung bekannt gegeben und zur Verabredung vorgelegt.
Zur einführenden Vorbereitung:
Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. Joachim Ritter u.a., 1971ff
Bd.1, Art. „Atheismus” ; Bd. 10, Art „Theismus“
Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., hrsg. Betz, Jüngel u.a., 1988ff
Bd. 1, Art. „Atheismus“ ; Bd. 8 „Theismus“
W. Pannenberg, Typen des Atheismus, 1963
in: W. Pannenberg, Grundfragen zur systematischen Theologie, Bd.1, 1967, S.347ff
M. Weinrich, Religionskritik der Neuzeit, 1985
Anforderungen:
Zwei Referate (je ca. 30 Min.): Zusammenfassung und Präsentation von Lesestoff, aktive
Diskussionsbeiträge, regelmäßige Anwesenheit

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Vorlesungsverzeichnis WS 2016/2017

Spielräume des Atheismus im 19. und 20. Jahrhundert
WiSe 2016/17
Doz.: Pfarrer Heinz Hübner

Seminar

2SWS

Termin: Fr. 8 (c.t.) – 10 wöchentlich
Raum: HG / 3.081
Lehrperson: Pfr. Hübner Email: heinzhuebner48@googlemail.com
Dauer: 21.10.2016 – 10.02.2017
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------01. Sitzung: Freitag, 21.10.2016:
Vorstellung – Spielraum Religion/Religionskritik
02. Sitzung: Freitag, 28.10.2016:

Einführung – Spielarten Atheismus/Theismus;
Begriffsklärung

03. Sitzung: Freitag, 04.11.2016:

Feuerbach, Das Wesen des Christentums

04. Sitzung: Freitag, 11.11.2016:

Feuerbach, Das Wesen des Christentums

05. Sitzung: Freitag, 18.11.2016:

Feuerbach, Das Wesen des Christentums

06. Sitzung: Freitag, 25.11.2016:

Marx, Thesen ad Feuerbach / Zur Kritik der
Hegelschen Rechtsphilosophie

07. Sitzung: Freitag, 02.12.2016:

Marx, Thesen ad Feuerbach / Zur Kritik der
Hegelschen Rechtsphilosophie

08. Sitzung: Freitag, 09.12.2016:

Marxismus – Leninismus

09. Sitzung: Freitag, 16.12.2016:

Nietzsche, Der Antichrist

10. Sitzung: Freitag, 23.12.2016:

Nietzsche, Der Antichrist

11. Sitzung: Freitag, 06.01.2017:

Nietzsche, Der Antichrist – weitere Aphorismen

12. Sitzung: Freitag, 13.01.2017:

Freud, Die Zukunft einer Illusion

13. Sitzung: Freitag, 20.01.2017:

Freud, Die Zukunft einer Illusion

14. Sitzung: Freitag, 27.01.2017:

Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus

15. Sitzung: Freitag, 03.02.2017:

Sartre, Ist der Existentialismus ein Humanismus

16. Sitzung: Freitag, 10.02.2017:

offen

Spielräume des Atheismus im 19./20. Jh.
Positionen u.a. Feuerbach
Die Religion gilt als ein Kompensationsmittel für anthropologische Defizite. Der seine
Endlichkeit und Schwächen realisierende Mensch strebt nach Vollkommenheit, die er
allerdings statt bei sich selbst und den Möglichkeiten, die in ihm selber liegen, in den
Himmel projiziert und dann in Gott zu finden meint. Nichts anderes wird in diesem
Gott verehrt, als was der Mensch an sich selbst und seinen Lebensumständen
erfahren und erkannt hat. Der Himmel erscheint ihm als Ausgleich für irdisch
erfahrene Unvollkommenheit und so unterwirft er sich willenlos dem dort vermeintlich
angetroffenen Gott, um die erstrebte Vollkommenheit durch ihn zu erlangen. Der
Mensch entzieht den irdischen Möglichkeiten zugunsten des Himmels seine
Aufmerksamkeit, um im religiösen Verkehr mit dem dorthin versetzten Gott gleichsam
sein eigenes individuelles Glück auszuhandeln. Dabei entzieht diese vertikale
Fixierung menschlich-göttlicher Intimität dem zwischenmenschlichen Bereich die
wertvollsten Kräfte, die, anstatt für eine optimierte Gestaltung des menschlichen
Zusammenlebens genutzt zu werden, an den Himmel verschleudert werden. Auf
diese Weise wird die Unendlichkeit und Vollkommenheit für die Religion reserviert,
sodass die Verwirklichung der Unendlichkeit und Vollkommenheit des Menschen
keine Chance bekommt, in Erscheinung zu treten. Die Religion verhindert die Verwirklichung der Unendlichkeit des Menschen, die sich in den zwischenmenschlichen
Beziehungen zwar nicht als Eigenschaft des Individuums, wohl aber als eine der
menschlichen Gattung zeigen ließe. Gegenseitig gleichen die Menschen einander
ihre Defizite aus, sodass die Gattung aufs Ganze gesehen als die Verwirklichung der
Vollkommenheit des Menschen zu nutzen wäre. Der aufklärerischen und idealistischen Emphase zur Vergöttlichung des menschlichen Geistes (mit ihrem Höhepunkt
bei Hegel) wird von der Religionskritik die Forderung nach einer konsequenten
Vermenschlichung des Bewusstseins Gottes entgegengestellt. Die Religionskritik
plädiert für eine Abschaffung der Religion, um die von ihr praktizierte inadäquate
Kompensation menschlicher Defizite durch eine adäquate zu ersetzen, indem der
Gottesdienst konsequent zu einem Menschendienst transformiert wird. Es geht darum, dass die Religion den Menschen nicht weiter daran hindert, auf die tatsächliche
Höhe seiner selbst zu gelangen.

Spielräume des Atheismus im 19./20. Jh.
Positionen u.a. Marx
Die Religion wird als ein Kompensationsmittel für das vor allem ökonomisch bedIingte gesellschaftliche Elend kritisiert. Auf der Basis der anerkannten philosophischen Religionskritik („Kritik des Himmels") werden nun auch die soziologischen
Bedingungen in den Blick genommen („Kritik der Erde"), in denen die Religion eine
bestimmte Rolle übernommen hat. Indem die Religion auch dem sich im Elend
befindlichen Menschen das Leben erträglich zu machen hilft, stabilisiert sie die dieses Elend produzierenden Umstände und perpetuiert auf diese Weise die von wenigen Nutznießern ökonomisch gewollte Unterdrückung eines großen Teils der Gesellschaft. In der materialistischen Geschichtsbetrachtung ist das Faktum der Religion ein zuverlässiger Indikator für den Entfremdungszustand, in dem sich eine
Gesellschaft bzw. ein großer Teil von ihr befindet. Die Kritik gilt nicht in erster Linie
der Religion, sondern den gesellschaftlichen Verhältnissen, die zu ihrer Aufrechterhaltung der Religion bedürfen. Das inadäquate Kompensationsmittel der Religion
ist zu ersetzen durch wirksame und menschenwürdige Umgestaltung der Bedingungen des menschlichen Wirtschaftens in einer partizipatorischen Gesellschaft, in deren Verwirklichung sich die Religion von selbst verflüchtigen werde, weil der von ihr
gedeckte Kompensationsbedarf nicht mehr ansteht. Der politische Umbau der Gesellschaft ist das adäquate Mittel, welches das inadäquate Mittel der Religion ersetzen soll.

Spielräume des Atheismus im 19./20. Jh.
Positionen u.a. Nietzsche
Hier bezieht sich die in der Religion kritisierte Kompensation nicht auf die
den Menschen von außen bestimmenden Defizite, die ihn in die Religion treiben,
anstatt diese seinen Fähigkeiten entsprechend aus der Welt zu schaffen, sondern
genau umgekehrt auf die vom Menschen mit Hilfe vor allem der Religion selbst produzierten idealistischen Selbststilisierungen, mit denen er einem von seinen Wünschen gesteuerten Selbstbild anhängt, hinter dem sich jeweils ein illusionäres Credo
verbirgt. Es gibt also nicht nur die problematische Erniedrigung des Menschen und
sein Gott auf den Plan rufendes Elend, von denen sich die Religion ernährt, um sie
zugleich mit der Behinderung der Entfaltung ihres vollen Menschseins Frieden
schließen zu lassen. Die hier von der Religion angebotene Erlösung bzw. Versöhnung schiebt Gott die Verwirklichung aller Hoffnung zu und fixiert den Menschen
unterhalb der ihm eignenden Fähigkeiten, mit denen er dazu in der Lage wäre, die
Rolle Gottes zumindest überflüssig zu machen, wenn nicht gar selbst zu übernehmen. Dem von der Religion erniedrigten Menschen wird der geschichtsmächtige und
souveräne Mensch gegenübergestellt, der auf die aufhelfende Unterstützung durch
Gott nicht angewiesen ist. Es gibt daneben auch genau die umgekehrt
perspektivierte Religionskritik, die sich der besonders von dem aufklärerischen
Religionsverständnis beförderten Versuchung entgegenstellt, den Menschen zu
idealisieren und zu verklären, indem er sich mit Hilfe der Religion an die Seite Gottes
gestellt sieht, ohne noch seine ihm prinzipiell gesetzten Grenzen nüchtern und
wirklichkeitsgerecht wahrzunehmen. Dem mit Hilfe der Religion vor allem an sich
selbst glaubenden Menschen wird die tatsächliche Verlegenheit des Menschen gegenüber gestellt, in der er sich eingestehen muss, nicht tatsächlich über sich selbst
Auskunft geben zu können, solange er sich an die Vernunft hält und nicht schon einem bestimmten Glaubensbekenntnis aufsitzt. Die vor allem mit Hilfe der Sittlichkeit
vorgenommene optimistische Selbststilisierung verkennt die faktische Ratlosigkeit
des Menschen hinsichtlich seiner selbst und der Weltwirklichkeit, in die er hineingestellt ist. Die Religion hält den Menschen in der Illusion eines Selbstbildes fest,
das er faktisch permanent unterbietet. Die Religionskritik dient dem Menschen nun
dazu, ihn zu ernüchtern und ihm auf diese Weise zu einem realistischen Verhältnis
zu sich selbst und der ihn umgebenden Wirklichkeit zu verhelfen.

Spielräume des Atheismus im 19./20. Jh.
Positionen u.a. S. Freud
In der psychologischen Religionskritik wird die Religion als ein unangemessenes und
als solches eben auch schädliches Kompensationsmittel attackiert, das dem
Menschen als ein Instrument zur Ersatzbefriedigung dient, mit dem er psychische
Defizite - insbesondere psychisch unbewältigte Konflikte - zu kompensieren versucht.
Die Religion wird als eine Art kollektiver Fluchthelfer verstanden, mit dem der
Mensch den für sein Erwachsenwerden notwendig zu bestehenden Konflikten
ausweicht und regressiv seine Kinderwelt zu bewahren versucht. So erscheint die
Religion in psychologischer Perspektive als Entwicklungsverweigerung mit einem
hohen neurotischen Potential. Sie dient der Verklärung der Wirklichkeit und hilft als
massenpsychologisches Phänomen, die bestehenden Unrechtsverhältnisse zu stabilisieren. Die psychoanalytische Religionskritik zielt ebenso wie die marxistischsoziologische Religionskritik über die Religion hinaus auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen die psychischen Defizite ihre Wurzeln haben. Der psychisch gesunde Mensch findet ohne die Illusion der Religion ein realistisches und somit gesundes Verhältnis zu seinen Möglichkeiten und Grenzen. Die Religion ist auf die
Dauer ersatzlos zu streichen und durch einen wirklichkeitsgerechteren Umgang mit
den psychischen Konflikten zu ersetzen.

Spielräume des Atheismus im 19./20. Jh.
Positionen u.a. A. Camus, J.P. Sartre
Eine besondere Zuspitzung und Ausweitung erfährt die realistische Strategie der
Religionskritik im radikalen Existenzialismus: Wenn er jede Sinngebung als
wirklichkeitsfremd abweist, wird die Religion insofern besonders getroffen, weil sie in
exponierter Weise als metaphysischer und somit illusionärer Sinnlieferant notorisch
ist. Es sind im Grunde alle Versuche, dem seinem Wesen nach defizitären Leben
eine Bestimmung und Perspektive zu geben, maßlose Überhebungen und als solche
inadäquat. Allein im Einstellen dieser Versuche kann eine Verheißung zu einem
Wirklichkeitsgewinn liegen, wobei im Existenzialismus auch die bisher gern auf die
Vernunft gesetzte Hoffnung als desavouiert gelten muss. Der Hinweis auf die
faktische Wirkungslosigkeit von Religion sollte eigentlich ausreichen, ihr jeden Kredit
konsequent zu entziehen, wie es faktisch auch bereits weithin geschieht. Jenseits
ihrer traditionellen Verfasstheit ist die Religion längst zu einem sich selbst
prostituierenden Agenten machtbewusster Akteure verkommen, die ohne
Hemmungen gegenüber zynischen Handlungsweisen vor allem ihre eigenen
Interessen verfolgen. Religionskritik muss in der Perspektive des radikalen
Existenzialismus zu einer Entlarvung der fassadenhaften Wirklichkeitsillusionen
werden, um den Blick auf eine illusionslose und bestimmungslose Wirklichkeit frei zu
bekommen. Diese aller Perspektiven beraubte Freiheit ist das Los des Menschen im
Wissen um die immer am nächsten liegende Möglichkeit des Scheiterns. Es geht
eigentlich nicht um eine Ersetzung der Religion und ihres inadäquaten Umgangs mit
der menschlichen Lebensbewältigung, sondern es geht um die grundsätzliche
Abweisung aller Sinnunterstellungen, weil diese den Blick auf den tatsächlichen
Charakter der Realität verstellen und somit Ideologie betreiben.

Seminar: Spielräume des Atheismus im 19./20. Jh.
WS 2016/2017
Essay: Religionskritik – Atheismus
„Die" Religionskritik.gibt es nicht, sondern es steht eine Vielzahl von sich auch
durchaus gegenseitig widersprechenden atheistischen Positionen, Strategien und
Argumenten zur Verfügung.
Dies soll im Folgenden abschließend verdeutlicht werden.
Darüber hinaus soll die Frage eine Rolle spielen, weshalb die Bereitschaft, ein
Gespräch zwischen der Religion einerseits und ihren Kritikern andererseits zu
führen, relativ gering erscheint.
In vier Problemkreisen soll versucht werden, einige Gründe herauszuarbeiten.
Vielleicht gelingt es auf diese Weise, zumindest zaghafte Ansätze zu finden, um
dennoch in einen Dialog eintreten zu können.
1. Zu den inneren Unterschieden innerhalb der Religionskritik:
In ihrem Ansatz haben die genannten Philosophen sehr unterschiedliche
Vorstellungen davon, wie das Verhältnis von Mensch und Dingen zu beschreiben ist.
- Der Geist/Gott/das Bewußtsein bestimmt die Realität; dies sagt sowohl die
mittelalterliche Philosophie als auch der Idealismus. Allerdings kann man bei diesen
nur in einem spezifischen Sinne von „Religionskritik" reden.
- Die Realität bestimmt - umgekehrt - das Bewußtsein (so widersprechen Feuerbach
und Marx).
- Sein und Bewußtsein sind kategorial jeweils völlig anders zu verstehen, aber
dennoch ist das Bewußtsein darauf angewiesen, eine Beziehung zu den
Phänomenen herzustellen (Sartre).
Aus diesen Divergenzen im Ansatz ergeben sich unterschiedliche Bestimmungen
und Beschreibungen von Welt, Mensch, Leben sowie den Möglichkeiten und
Zielsetzungen menschlichen Handelns.
Eine eventuelle Gegenkritik sollte sich deshalb sinnvollerweise auf die jeweiligen
Denkvoraussetzungen einlassen und innerhalb dieses Rahmens untersuchen, ob die
jeweiligen Aussagen in sich evident und in ihren Konsequenzen verantwortbar
erscheinen. Dies wurde im Anschluß an einzelne Kapitel in vorliegender Arbeit
mehrfach versucht.

Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 1 -

Damit wurde der gängigen Praxis widersprochen, von den eigenen
Denkvoraussetzungen aus auf den „Gegner" einzuschlagen.
2. Zum Gegenstand der Auseinandersetzung kann man die Erfahrungen mit Religion
machen.
Christlicher Glaube orientiert sich an Heilsereignissen, die im AT (als geschichtliches
Handeln Jahwes mit seinem Volk) sowie im NT (als geschichtliches Handeln Gottes
in der Person und Geschichte Jesu) bezeugt werden. Diese Ereignisse sind
demgemäß nur in geschichtlichen Zeugnissen niedergelegt. Die heutige Begegnung
mit den Ereignissen kann darum grundsätzlich allein über Menschenworte,
Zeugenaussagen und Berichte erfolgen. Die Begegnung ist also immer eine
vermittelte.
Dennoch und ohne Rückgriff auf den Augenschein haben Menschen in diesen
Ereignissen ein Heilsgeschehen gesehen, das auch für sie relevant ist, auch sie
anspricht und betrifft, so daß sie ihre Existenz daran festmachen können. Sie haben
das Gehörte als Wahrheit angesehen und bekannt. Und sie haben den vertikal
orientierten Lebensbund mit Gott in horizontaler Gemeinschaft mit den Mitmenschen
fortgesetzt (Lk 10,27). Geschichte begegnet also, indem sie in das gegenwärtige
Leben eindringt und sich dort bewährt.
Christliche Religion ist also durchaus verhandelbar. Es gibt mehrere Ebenen, auf
denen dies möglich ist: - Glaube als Denkvorgang, als argumentatives Gebäude, in
dem die inhaltliche Frage nach einsichtigen Gründen sowie die methodische Frage
nach sinnvollen Vorgehensweisen zur Verhandlung stehen;
- Glaube als personales Geschehen, als existentielles Erleben, als Aussprache eines
Bekenntnisses;
- Glaube als aktueller Lebensvollzug, als Handeln im Rahmen von Natur und
Gesellschaft.
Auf allen Ebenen lassen sich Feststellungen treffen, lassen sich empirische
Beobachtungen machen, lassen sich Kriterien zur Beurteilung entwickeln. Die
Erfahrung mit Religion ist durchaus diskutierbar.
Die philosophische Religionskritik hat diese vernunftorientierte Arbeit geleistet. Und
ihre Ergebnisse sind für die Religion niederschmetternd:

Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 2 -

- Als Wahrheit kann allein das gelten, was die Vernunft aus sich selbst heraus findet.
Bereits die Scholastik hatte formuliert: „veritas est adaequatio intellectus ad rem".
Was sich damals aber allein auf Welterkenntnis bezog, wird nun zum generellen
Leitsatz: Aussagen, die vor dem Tribunal der Vernunft nicht standhalten, werden als
irrelevant ausgeschieden.
Damit ist ein entscheidender Dissens angesprochen: Jüdisch-christliche Religion
bezieht sich auf die Begegnung mit Gott, d. h. eine verkündete und damit von außen
her an den Menschen herantretende Erfahrung. Die Bibel verweist entsprechend auf
Dinge, die der Mensch nicht von sich aus weiß und nicht aus sich heraus sagen
kann. Philosophie demgegenüber geht davon aus und darauf ein, was von sich
selbst her begreifbar und akzeptabel ist.
- Alle religiösen Vorstellungen besitzen, so die fundamentale Erkenntnis Feuerbachs,
anthropologische Ursachen. Die Gottesvorstellung ist eine Selbstdarstellung des sich
selbst entfremdeten Menschen (so auch Marx, Nietzsche, Freud). Aufgabe ist es
dementsprechend, mit der Religion auch diese - im einzelnen unterschiedlich
interpretierte - Entfremdung zu beseitigen.
- Das existentielle Erleben entspringt demgemäß privaten Wünschen, ist also
egoistisch geprägt. Logischerweise führt Religion nicht zur Verbesserung der Welt,
sondern zu ihrem Unheil (Feuerbach, Marx, Sartre, Freud).
- Die Strategie besteht also - darin sind sich viele der Kritiker einig - darin, den Grund
von Religion in ihren Entstehungsbedingungen, ihrer Genese, aufzufinden und auf
diese Weise Religion zu entlarven.
- In der Frage, wie das praktische Handeln durch die (christliche) Religion beeinflußt
wird, ergeben sich unterschiedliche Antworten: Während die soeben genannten
Denker davon ausgehen, daß die gesellschaftliche und zwischenmenschliche
Wirklichkeit die Unwahrheit von Religion belegt, stimmen andere (Kant, Horkheimer,
Bloch) zumindest der Forderung zu, daß Religion sich im Lebensvollzug bewähren
kann.
3. Möglich wäre, daß man von Gemeinsamkeiten ausgeht, die Religion und
Religionskritik eint. Dies wäre beispielsweise die Erfahrung der Fraglichkeit des
Lebens bzw. sogar von dessen Sinnlosigkeit.
Die Erfahrungen des Mißlingens von Plänen und Erwartungen, die Erkenntnis der
Rätselhaftigkeit und Abgründigkeit des Lebens, die Erlebnisse von Tücke, Feigheit,
Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 3 -

Angst, Egoismus und Gedankenlosigkeit im zwischenmenschlichen Zusammenleben
reichen vom Prediger Salomp (der Satz „es ist alles ganz eitel" wiederholt sich dort
durchgehend) bis in die Moderne.
- In der Bibel wird darauf eine zweideutige und deshalb in sich nicht ganz klare
Antwort gegeben: Einerseits wird auf die ursprüngliche Güte der Schöpfung
hingewiesen, andererseits darauf, daß die Welt keine göttliche. Qualität besitzt, sie
also keine göttliche Ehren beanspruchen kann. Die Welt ist vielmehr endlich. Und
das Übel - die „Sünde"-kommt von daher, daß der Mensch Verfügungsmacht über
die Welt und seine Mitgeschöpfe gewinnen will. Denn daraus erwachsen alle die
Verhaltensweisen, die die Welt so unwohnlich, so nichtig erscheinen lassen. Der
Mensch ist es also selbst - obwohl, Ebenbild Got tes" -, der die Welt so abgründig
werden läßt.
- In der Beschreibung ähnlich, wenn auch in der Begründung anders, argumentiert
die Kritische Theorie: Sie entwickelt die These von der „entfremdeten Gesellschaft"
deren positive Aufhebung" nicht ohne weiteres zu erwarten ist. Aber die festgestellte
Absurdität ist nicht unbedingt ein fatalistisch hinzunehmendes Schicksal, sondern ein
vom Menschen verursachtes Desaster.
- Andere (insbesondere Marx, Bloch, Nietzsche) wollen innerhalb der umfassenden
Sinnlosigkeit dennoch etwas Sinngebendes, etwas begrenzt Sinnvolles schaffen. Für
Sartre dagegen besteht die Endlichkeit des Menschen nicht allein in seiner raumzeitlichen Begrenzung, sondern auch in seiner Fraglichkeit: Der Mensch muß damit
leben, daß nichts Endgültiges, nichts Feststehendes existiert, sondern allein der
subjektive Entwurf innerhalb der Gegebenheiten der Welt möglich ist. Und auch
dieser kann jederzeit verdampfen.
Alle diese Antworten bestätigen Kants einleitende Sätze aus der „Vorrede" der „Kritik
der reinen Vernunft": „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in
einer Gattung ihrer Erkenntnisse, daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht
abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die
sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der
menschlichen Vernunft"
- Die philosophische Religionskritik verzichtet im allgemeinen darauf, hier eine
positive, sinngebende Antwort zu geben. Sie will die Fraglichkeit der Welt aushalten,
ihre Bodenlosigkeit, ihre Unsicherheit.

Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 4 -

- Soweit sie dies nicht tut, sind ihre Antworten Reflexe von Sehnsucht und Glauben
(klassenlose Gesellschaft bei Marx, der Übermensch bei Nietzsche).
- Der biblisch geprägte Glaube nimmt der Haltlosigkeit der Welt diese Qualität, indem
er sie unter die Verheißung Gottes stellt. Diese Aussage stellt zwar eine Glaubensaussage dar - sie ist ebenfalls auf Zukunft hin orientiert und kann damit empirisch
weder bestätigt noch widerlegt werden, aber sie erlaubt dem Menschen, nach außen
zu schauen und auf eine geschenkte Wahrheit zu hoffen.
4. Eine zentrale - und für viele Zeitgenossen überzeugende - These der
Religionskritik besteht darin, daß sie der Heteronomie der Religion (der
Fremdbestimmung durch einen überlegenen Gott) die Autonomie des freien Menschen gegenüberstellt.
Der gehorsamen Demut wird also die Emanzipation des aufrechten Menschen, der
Abhängigkeit des kontrollierten Skalven die Ungebundenheit des mündigen Bürgers,
der himmlischen Abschweifung die Rückkehr zur Erde, der Konservierung überholter
Lebensformen die Zwanglosigkeit des experimentellen Lebens gegenübergestellt.
Um der Freiheit des Menschen willen muß man das Nichtsein Gottes fordern
(Sartre).
Nur wenige teilen dabei den anthropologischen Optimismus von Marx, daß es
möglich sei, den Menschen zu verbessern. Vielmehr sieht man durchaus die
Gefährdungen des Menschen (Nietzsche, Sartre, Freud), ja sogar die konkreter
werdenden Menetekel einer Barbarisierung der Menschheit (Adorno), die im
Zivilisationsprozeß selbst angelegt sind.
Es dürfte ferner deutlich geworden sein, daß bei der Begründung einer autonomen
Moral auf seiten ihrer Protagonisten (Nietzsche, Sartre) erhebliche Probleme
entstehen.
Überzeugend erscheint hier zwar die Verkündigung von individueller Freiheit und
Emanzipation, von der Entfaltung der eigenen Person, von Selbstorganisation und
Selbstverfügung. Aber es bleiben die Nachfragen, inwieweit
- von hier aus innerhalb des gesellschaftlichen Zusammenlebens eine Entwicklung in
Richtung eines kommunikativen Miteinanders überhaupt zu verwirklichen ist;
- Selbstverwirklichung nicht vielmehr in der Sackgasse von Egoismus, Eigennutz und
Narzißmus endet;

Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 5 -

-- Freiheit nicht letztlich doch zur Herrschaft pervertiert: zur Herrschaft von
Emotionen und Interessen bzw.
- umgekehrt - zur Herrschaft über andere Menschen sowie über die Natur.
Die Vermittlung von Freiheit und Subjektivität einerseits sowie Solidarität und
Empathie andererseits ist somit nicht erkennbar.
Dem würde die eine derartige Konstellation aufhebende Forderung korrespondieren,
nun doch wieder an ewige Werte, an äußere Normen zu appellieren, Religion also
wieder als civil religion zu etablieren. Gott würde wieder eine Funktion erhalten: als
Polizist (Sartre), der die Menschen überwacht und kontrolliert. Gott wäre Exponent
von außen kommender, gesellschaftlich erwünschter Normen.
Dem stellt die Religionskritik die - in dieser Form sicherlich überspitzte - These
gegenüber, daß dies, selbst wenn man es wollte, nicht möglich ist: Der Nihilismus ist
ein Faktum (Nietzsche, Sartre). Bindungen, die man dem Menschen auferlegt, um
etwas zu bewirken, bleiben verlogen, weil der Mensch nicht den Ursprung dieses von
außen kommenden Haltes zu akzeptieren vermag.
Demgegenüber erscheint ein in der Theologie verhandelter theologischer Ansatz
sinnvoll, der dem Anliegen der Religionskritik, Autonomie zu ermöglichen, gerecht
wird:
Der Gedanke nämlich, daß Gott und menschliche Emanzipation sich gegenseitig
ausschließen, erwächst aus der traditionellen Beschreibung Gottes als eines
allmächtigen, allwissenden, vollkommenen Seienden. Eine derartige ontologische
Beschreibung von Eigenschaften, die Gott als einem obersten Sein, als einem
vohandenen Wesen zukommen, widerspricht in der Tat der Subjektivität und Freiheit
des Menschen. Eine alles bestimmende Wirklichkeit zerschlägt den
Möglichkeitsraum von Freiheit.
Es wird deshalb versucht, Gott nicht in Begriffsbestimmungen zu erfassen, sondern
ihn in seiner Beziehung zum und seiner Bedeutung für den Menschen und das
menschliche Leben zu verstehen. Wenn dieser als Person verstandene Gott den
Menschen anredet und verpflichtet, so kann der Mensch sich erschließen oder
entziehen. Er bleibt frei.
Erwartungen, Werte, Normen, Standards erwachsen dementsprechend aus Motiven,
die sich ihrerseits wieder aus personalen Strukturen ableiten: aus verkündeten
geschichtlichen Ereignissen, die geglaubt werden und Vertrauen für die Gegenwart
mobilisieren.
Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 6 -

Heinz Hübner, Februar 2017

Religionskritik Atheismus Schlussthesen.doc- 7 -

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung
In der folgenden Betrachtung wird die Frage nach dem Wesen der Religion gestellt. Ich
frage: „Was ist Religion?“ und versuche begrifflich zu erfassen, was in lebendigen
Zeugnissen und Bekenntnissen als Religion sichtbar ist. Dabei wird eines sogleich deutlich, nämlich, daß man diese Frage nicht beantworten kann, wenn man nicht eine
ungefähre Ahnung von dem hat, was man unter Religion verstehen will, denn sonst
könnte man die geschichtlich gegebenen Phänomene nicht finden, welche die
Grundlage der Definition bilden sollen. Wir müssen also wissen, es handelt sich um
bestimmte Erscheinungen, die irgendwie mit einer überirdischen Wirklichkeit zu tun
haben. Diese ganz allgemeine Feststellung muß getroffen werden, ehe wir auf die
Suche gehen nach Phänomenen, welche in diesen Bereich fallen, um von ihnen
hernach ihr Wesen auszusagen.
Ich frage also: Was ist die Lebensmitte der religiösen Bekenntnisse, was ist Religion?
Ich glaube, daß man das innerste Wesen dessen erfaßt, was in Worten sich bekundet,
wenn man sagt:
Religion ist erlebnishafte Begegnung des Menschen mit dem Heiligen und antwortendes
Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen.
Ich werde diese Definition im einzelnen erläutern und vertiefen. Aber zunächst schon ist
sichtbar, dass mit dieser Rahmendefinition ausgeschlossen ist eine Mißdeutung der
Religion in bestimmten, immer wiederkehrenden Richtungen, nämlich einerseits ist völlig
ausgeschlossen, Religion als eine Art vorwissenschaftlicher Welterklärung anzusehen,
und auf der anderen Seite kann man Religion auch nicht als eine theologischsanktionierte Moral definieren. Beides ist geschehen und geschieht auch weiterhin,
obwohl bereits Schleiermacher gegen diese beiden Mißdeutungen der Religion in
seinen berühmten „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“
1799 Front gemacht hatte. Gehen wir also im einzelnen die vorangestellte Definition
durch und analysieren wir die Elemente, die in dieser Rahmendefinition,
bewußtermaßen formal zunächst, gegeben sind, dann zeigt sich folgendes: zunächst
einmal Begegnung, erlebnishafte Begegnung mit heiligen Mächten. Das bedeutet also,
daß der Ort der Begegnung und die Art der Begegnung festliegen. Erlebnishafte
Begegnung soll es sein, und das Objekt der Begegnung sind heilige Mächte. Es handelt
sich also um Erfahrung, um lebendige Erfahrung, die im Innern des menschlichen
Subjektes vor sich geht. Und diese Begegnung geschieht in der weiten Welt irdischer
Erscheinungen.
Das erste und allgemeinste Objekt der Begegnung mit dem Heiligen ist die den
Menschen umgebende Natur.
Dass Naturgegenstände wie Berge und Bäume, Wasser und Feuer, Steine und Erde
und so weiter Erscheinungsformen numinoser Macht und numinoser Mächte sein
können beziehungsweise als solche erlebt werden, ist eine weitverbreitete Anschauung,
zumal in den Frühformen der Religion. Wir müssen indessen das Objektgebiet, das wir
hier im Auge haben, über die naturalen Einzelerscheinungen hinaus erweitern und auf
die gesamte außermenschliche Welt und ihre Ordnungen ausdehnen; denn im Ablauf
kosmischen Geschehens und irdischer Geschichte wittert der Mensch als Ursache
heilige, hintergründige Mächte persönlicher oder unpersönlicher Art.
Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Unter den Medien bzw. Objekten der religiösen Begegnung nimmt weiterhin das heilige
Wort eine besondere Stelle ein. Es begegnet uns in mannigfachen Formen, als
Schöpfungswort, als Wort prophetischer Verkündigung, als metaphysische Realität, als
Wort der Religionsstifter. Hervorragendes Wort-Medium ist ferner die heilige Schrift. In
allen Religionen, in denen es heilige Schriften gibt, besteht Einmütigkeit darin, dass an
einen wie immer im einzelnen vorgestellten göttlichen Ursprung dieser Schriften
geglaubt wird.
Ein weites Gebiet innerweltlichen Lebens, auf das sich die religiöse Erfahrung der
Menschheit seit frühen Tagen richtet, ist das individuelle Schicksal. Das deutsche Wort
Schicksal deutet ja selbst bereits an, daß das den Menschen betreffende Geschehen
hinsichtlich seines Ursprungs eine Deutung erfährt. Das Ereignis als solches ist nicht
ohne weiteres Schicksal bzw. als solches im eigentlichen Sinne erkennbar. Schicksal
kommt von „schicken“. Nennt man einen Vorgang Schicksal, dann sagt man damit, daß
man es als „geschickt“ von einer Schicksalsmacht ansieht.
Alle diese vordergründigen Bezirke des Lebens sind der Ansatzpunkt der Begegnung
mit dem Heiligen, das darinnen sich bekundet. Und so ist die eigentliche Frage also die:
was ist das „Heilige“, dem in diesen Eindrücken und sinnlichen Erfahrungen begegnet
wird?
Ich beziehe mich hinsichtlich der inhaltlichen Bestimmung dessen, was das Heilige ist,
auf das Buch von Rudolf Otto „Das Heilige“, das 1917 in erster Auflage erschienen ist. In
diesem Buch wird die Frage gestellt, worin das eigentümliche Wesen des religiösen
Objektes, also eben des Heiligen liegt. Diese Frage aber wird nicht beantwortet, indem
spekulativ irgendwelche Theorien über Gott und Jenseits aufgestellt werden, sondern
indem, gerade von der Erkenntnis aus, daß man das Heilige nicht in wissenschaftlicher
Erkenntnis direkt erfassen kann, der Umweg über den Menschen genommen wird. Die
Frage ist also: was meinen religiöse Menschen in aller Welt und in allen Religionen,
wenn sie bekunden, daß sie vom Heiligen ergriffen seien, wenn sie in Texten bezeugen,
irgendwo und irgendwie dem Heiligen begegnet zu sein? Was finden sie bei sich selber
für eine Bestimmtheit vor, die ja feststellbar ist, eine Bestimmtheit, deren
entsprechender bestimmender Gegenpol eben das Heilige ist, das nicht in unmittelbarer
wissenschaftlicher Erkenntnis zugänglich ist. Darauf antwortet Rudolf Otto: das Heilige
ist das „Numinose“, und zwar das Numinose, das nun eben nicht mit den Begriffen des
Rationalen und vor allem des Moralischen identisch ist, sondern die Reaktion auf das
Heilige, durch die wir das irrationale Heilige umschreiben, ist eine eigentümliche
Gemütsbestimmtheit. Und eben dieses Heilige minus seines sittlichen Gehaltes nennt
Otto das Numinose. Dieses Numinose aber erscheint als das ganz andere, als das
Überweltliche, das Unirdische. Diese Ausdrücke, die aus dem Bereich des Räumlichen
genommen sind, sind aber eben nicht räumlich gemeint, sondern sind Qualitätsbegriffe,
welche eine Modalität des Seins, eine Modalität der numinosen Wirklichkeit aussagen.
Das Numinose ist nicht grundsätzlich das Außerweltliche, es vermag ja eben
auch innerhalb dieser Welt erfahren zu werden. Aber es ist grundsätzlich anders als
alles Weltliche, es ist ein Etwas, das sich aller Vergleichbarkeit entzieht und das nicht
einzuordnen ist in die bekannten irdischen Kategorien. Wie wir schon sagten: der
Erscheinungsbereich dieses Numinosen ist das natürliche Sein, ein Stück Welt, an dem
Überweltliches, Unweltliches erfahren wird. Will man noch näher die Erfahrung des
Heiligen, von der Seite des Subjektes her definieren, dann bedient man sich der von
Otto dafür geprägten Begriffe.
Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Zunächst einmal ist es das Mysterium tremendum. Dieses Heilige wirkt auf den
Menschen, indem es ihn erhebt, aber zugleich erdrückt, indem es Zittern in ihm erregt
und ein Gefühl des Befremdetseins. Es ist der heilige Gott, der ferne und unnahbare,
der geheimnisvolle Gott. Alle diese Bildbegriffe wollen auf dieses eine erste
grundlegende Moment in der Erfahrung des Heiligen hinweisen, nämlich auf das
Abdrängende, das Befremdende, das den Menschen in seiner Geschöpflichkeit erzittern
Machende.
Daneben steht in merkwürdiger Kontrastharmonie ein zweites, das R. Otto das
„Fascinans“ nennt, das Anziehende, das Beglückende, die Erfahrung des ewig
begehrenswerten Guten.
Auch dieser Wert, dieses Beseligende und Beglückende, ist unvergleichbar. Es ist ein
absoluter Selbstwert, kein dienender Wert. Es ist das absolut Beglückende. Alle diese
Begriffe, wie gesagt, deuten an, aber sie erschöpfen nicht.
Ein Drittes kommt hinzu, das Otto das „Augustum“ nennt. Damit meint er nun wiederum
eine Qualität des Heiligen, die er umschreibt durch die Reaktion des Menschen auf sie,
nämlich als Abwertung der Modalität des empirischen Seins.
Es bedeutet die Abwertung der gesamten irdischen Existenz des Menschen als eines
Wesens in einer ungöttlichen, unheiligen Wirklichkeit. Und eben den entsprechenden
Wert innerhalb der Welt des Heiligen nennt Otto das Augustum, das Erhabene. Wir
müssen schon hier, ehe wir später von den Gottesvorstellungen reden, uns klar darüber
sein, daß das Heilige sowohl als neutrales und impersonales als auch als persönliches
göttliches Wesen erfahren und vorgestellt werden kann. Aber alle später zu erörternden
Auffassungsweisen des Göttlichen haben das gemeinsam, daß sie alle sich auf eine
Wirklichkeit beziehen, die die Qualitäten des Heiligen hat.
Wenn wir also gesagt haben, daß Religion einerseits Begegnung des Menschen mit
dem Heiligen ist, so steht auf der anderen Seite die Reaktion: antwortendes Handeln
des vom Heiligen bestimmten Menschen. In dieser zweiten Seite der Definition ist die
Reaktion des Menschen ausgesprochen, die zum Wesen der Religion unbedingt
dazugehört.Religion ist eben nicht nur Gefühl, nicht nur Erlebnis, sondern auch Antwort
auf dieses Erlebnis und diese Antwort im weitesten Sinne verstanden. Es bedeutet, daß
der Mensch, der hier jetzt handelt, in den verschiedenen Bezirken möglichen Handelns,
vom Heiligen bestimmt ist. Insofern ist damit gesagt, daß Religion entscheidend eine
Lebensform ist und nicht etwa eine Denkform oder eine spekulative phantastische
Vorstellungsform. Alles das ist Religion eben nicht, sondern sie ist eine Lebensform, die
sich aus diesen Elementen zusammensetzt.
Antwortendes Handeln aber ist eine bewußt formale und umfassende Bezeichnung.
Denn selbstverständlich ist antwortendes Handeln auf vielen Gebieten möglich. Es
gehört hierher schon die Antwort, die im Mythos, der religiösen Frühsprache der
Menschheit, gegeben ist. Schon der Mythos ist eine Antwort und das Gebetswort ist
selbstverständlich Antwort im gleichen Sinne.
Hierher gehört der weite Bereich des Kultus, der selbstverständlich ebenso ein Handeln,
und zwar ein antwortendes Handeln ist. Es gehört weiter hierher die Welt des Sittlichen
und der religiösen Kunst, natürlich auch alle theologischen und rationalen Versuche
begrifflicher Selbstklärung dieser Erfahrung. Alles das gehört in den Bereich des
antwortenden Handelns und alles das gehört, mit dem Moment der Begegnung mit dem
Heiligen zusammen, zum Wesen der Religion.

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Nachdem ich so das Wesen der Religion begrifflich umschrieben habe, will ich das
Gesagte dadurch noch weiter verdeutlichen, daß ich uns in Kürze mit mancherlei
Theorien auseinandersetze, die den Ursprung der Religion erklären sollen. Dabei wird
sich zeigen, daß die meisten dieser Ursprungstheorien zum ständigen Rüstzeug aller
durch die Zeiten sich ziemlich gleich bleibenden Angriffe auf die Möglichkeit von
Religion innerhalb der modernen Welt und ihres Weltbildes gehören. Zugleich aber läßt
sich zeigen, daß diese Theorien eine Auffassung vom Wesen der Religion
voraussetzen, die religionswissenschaftlich als überwunden gelten muß.
Da ist zunächst die soziologisch positivistische These zu berücksichtigen, welche
besagt: Religion ist aus sozialem Elend entsprungen, indem verelendete Schichten zum
Trost für irdisches Ungemach sich ein seliges Jenseits erträumten, in dem alle Wünsche
erfüllt sind, die ihnen hier ewig versagt bleiben. Die führenden Schichten haben diesen
illusionären Glauben bewußt gepflegt, um die Geführten ihr soziales Elend vergessen zu
machen. Die Verbesserung der irdisch-wirtschaftlichen Verhältnisse wird daher die
Religion in wachsendem Maße aufheben. Diese Theorie ist schon von der
Religionsgeschichte her zu widerlegen, denn manche Religionist geradezu inmitten von
Glanz und Reichtum entstanden. Die erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen ist in
den verschiedenen Bereichen des Lebens möglich, und wenn beobachtet wurde, daß
manche Religion wie zum Beispiel das Christentum unter Mühseligen und Beladenen
entsprang und gedieh, dann bedeutet das durchaus nicht, daß Armut die Wurzel der
Religion ist, sondern, daß die Begegnung mit dem Heiligen denen leichter möglich ist,
deren Inneres, aus Mangel an irdischen Gütern, nicht durch diese Welt absorbiert ist,
sondern offen ist für die überirdische Welt. Eben deshalb pries Jesus die Armen selig,
und nicht weil er Armut selbst für einen Wert hielt.
Immer wieder begegnet uns ferner die Erklärung der Religion aus primitivem
Erkenntnistrieb. Religion wäre dann vorwissenschaftliche Welterklärung, deren
Ergebnisse durch die spätere, heutige exakte Naturwissenschaft in wachsendem Maße
widerlegt werden. Die Möglichkeit von Religion würde daher mit fortschreitender
Erkenntnis aufgehoben werden, da ihre Wahrheit sich als Irrtum herausstellt. Bei diesem
Versuch, Religion zu erklären und gleichzeitig zu bekämpfen, zeigt sich besonders
deutlich, daß dabei von einem falschen Verständnis lebendiger Religion ausgegangen
wird, Der Sinn religiöser Aussage über Gott und Welt liegt nicht im Rationalen. Religiöse
Aussagen sind nicht aus Erkenntnistrieb entstanden, sie sagen vielmehr religiöse
Begegnung mit dem Heiligen aus, zum Beispiel im Mythos, dessen für uns schwer
nachvollziehbare Phantastik nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß ein Mythos echte
Wirklichkeitserfassung enthält und darstellt. Ausgesprochen wird sie in anschaulichen
Vorstellungsformen, die dem Weltbild des Frühzeitmenschen gemäß waren. Die im
Mythos wie in allen anderen religiösen Ausdrucksformen gegebene Erfassung
numinoser Wirklichkeit ist das zeitlos Gültige darin, die Wahrheit, die von keiner das
Weltbild korrigierenden Wissenschaft widerlegt werden kann.
An dieser Stelle darf ein Wort über den Begriff der Wahrheit in der Religion gesagt
werden. Wahrheit kann man verstehen als Richtigkeit einer Aussage über einen
objektiven Sachverhalt. Eine solche Aussage ist richtig, wenn ihr rationaler Inhalt mit
dem Sachverhalt übereinstimmt. Man kann aber unter Wahrheit auch die objektive
Wirklichkeit verstehen, wenn man etwa sagt, man habe die Wahrheit erkannt. In diesem
Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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doppelten Sinne begegnet uns nun auch in der Religion der Begriff der Wahrheit. Die
göttliche Wirklichkeit wird in religiösen Texten nicht selten als Wahrheit bezeichnet.
Hier ist Wahrheit nicht die Richtigkeit von Aussagen, sondern die göttliche Wirklichkeit
selbst. Die andere, zuerst genannte Anwendung des Begriffes Wahrheit im Sinne von
Richtigkeit kann in der Religionswelt legitim und illegitim sein. Legitim ist sie dann, wenn
man damit die in jeder Glaubenserfahrung gegebene religiöse Erkenntnis meint, auf die
ja die Begriffe richtig und falsch anwendbar sind. Man muß sich aber bewußt sein, daß
diese Art der religiösen Erkenntnis nicht mit rational-wissenschaftlicher Erkenntnis
identisch ist, so daß nicht einfach der ra= tionale Inhalt der Glaubensaussage „wahr“ im
Sinne von richtig sein kann, sondern wahr ist eine solche Aussage, wenn mit ihr, das
heißt in ihrem symbolischen Begriff religiöse Wirklichkeit erfaßbar ist. Illegitim aber ist
der Begriff Wahrheit als Richtigkeit in der Religion, wenn man die religiöse Aussage als
rationale Erkenntnisaussage auffaßt und mit wissenschaftlicher Erkenntnis gleichsetzt.
Hier setzt dann die berechtigte Kritik rationaler Wissenschaft ein und es entsteht der
Konflikt von Glauben und Wissen, der in lebendiger Religion nicht möglich ist. In dieser
Auffassung religiöser Wahrheit als rationaler Richtigkeit wurzelt die intolerante
Verfolgung fremder religiöser Meinung.
Bis in die Antike reicht der Versuch zurück, Religion als menschliche Erfindung zur
moralischen Lenkung der den Gesetzen des Staates widerstrebenden Menschen zu
erklären. Auch diese Theorie ist eindeutig falsch, denn die Religionsgeschichte beweist,
daß die Gottheiten der Frühzeit gerade keine moralischen Qualitäten haben und auch
nicht notwendig moralische Richter sind über das Tun der Menschen.
Immer wieder begegnet bis in die Gegenwart der Gedanke, die Gottesvorstellungen
seien phantasievolle Personifizierungen der Naturgewalten, denen sich der Mensch
hilflos ausgeliefert fühle. Man begründet diese These durch den Hinweis auf die vielen
Götter, die, wie der Gott des Gewitters, des Regens, der Fruchtbarkeit usw., eindeutig
Naturvorgänge zu ihrem Funktionsbereich haben. Die Naturbeziehung vieler Gottheiten
der Religionsgeschichte ist selbstverständlich nicht zu leugnen, sie bedeutet aber nicht,
daß Gottheiten aus Personifikation von Naturkräften entstanden seien. Die Gottheiten
werden ja auch nicht mit der Natur und ihren Kräften identifiziert, wohl aber, und das
bestätigt unsere Definition des Wesens der Religion, begegnet der Mensch in den
Naturvorgängen, zumal in den ihn erschütternden, dem Heiligen. Der Sonnengott ist
daher nicht die Sonne, aber die Sonne freilich ist sein Symbol. Durch eine
phantasievolle Personifizierung der Naturkräfte entständen übrigens auch niemals
heilige Götter, sondern bestenfalls gesteigerte Menschengestalten, denen das
Wesentliche am Gotteswesen fehlte, das Moment des Heiligen, und heilig sind alle
Gottheiten der Religionsgeschichte.
Feuerbach hat die Behauptung aufgestellt, die ihm vielfach nachgesprochen wurde,
„Götter sind die in göttliche Wesen verwandelten Wünsche der Menschen“. So ist es
nach seiner Ansicht vor allem der Selbsterhaltungstrieb, der angesichts des Todes das
Jenseits erfand.
Auch diese These ist schon von der Religionsgeschichte her als falsch erwiesen, denn
es gibt viele Religionen, die gar nicht an einer persönlichen Unsterblichkeit interessiert
sind und die gerade den natürlichen Selbstbehauptungstrieb des Menschen bekämpfen.
Religion ist dann also gerade nicht aus elementaren Wünschen des Menschen und aus
seinen Bedürfnissen entstanden, sondern sogar gegen seine natürlichen Triebe.
Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Es ist auch unmöglich, Religion aus der Furcht abzuleiten, wie es ebenfalls bereits in der
Antike geschah. Daß Dämonenfurcht, zumal im Bereich der Naturreligion, eine wichtige
Rolle spielt, ist sicher. Aber man verwechselt Ursache und Wirkung, wenn man erklärt,
aus der Furcht sei Religion entsprun= gen, denn ehe man sich fürchtet, muß man
Wesen begegnet sein, die zu fürchten sind. Die Dämonen sind früher als die
Dämonenfurcht, man kann jene nicht aus dieser ableiten. Religion ist eben primär
Begegnung mit dem Heiligen.
Religion ist auch nicht aus dem Wunder entstanden, sofern man Wunder unrichtig
definiert als Durchbrechung des natürlichen Kausalzusammenhanges, denn in der
Frühzeit kannte man kein Naturgesetz, das durch wunderhafte Ereignisse hätte
durchbrochen werden können. Man kannte nur den gewohnten Ablauf der
Naturvorgänge. Das Ungewöhnliche, aber darum nicht naturgesetzlich Unmögliche, war
für den naiven Menschen die bevorzugte Offenbarungsform der Gottheit. Darum setzt
die Erfahrung des Wunderbaren den religiösen Glauben voraus, sie begründet ihn aber
nicht.
Der Glaube ist das Kind des Wunders. Auch das ist oft genug behauptet worden, daß
nämlich der Glaube aus den angeblich geschehenen Wundern erwächst und durch sie
begründet wird. Dazu ist ein Doppeltes anzumerken, einerseits schafft der Glaube
Wunder in dem Sinne, daß Wundererzählungen als Glaubensaussagen erdichtet
werden. Andererseits - und das ist der tiefere Sinn - sieht nur der Glaube Wunder auch
in Ereignissen, die an sich durchaus natürlich sind. Dem religiös nicht
Vernehmungsfähigen genügt die vordergründige Welt, sie gibt ihm keine Hinweise auf
numinose Mächte in und hinter den sichtbaren Erscheinungen. Es geht im religiösen
Wunder gar nicht um die Erklärbarkeit oder Unerklärbarkeit des beobachteten Vorgangs,
sondern darum, daß Menschen durch solche ungewöhnlichen (aber darum
naturgesetzlich nicht unmöglichen) Ereignisse zum religiösen Staunen, zum SichWundern veranlasst werden.
Was ist Religion?
Erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen
bestimmten Menschen. Sie entspringt weder aus rationaler Naturerklärung noch aus
menschlicher Phantasie, sondern aus echter Erfahrung einer heiligen Wirklichkeit, in der
menschliche Existenz verankert sein muß, wenn sie ganze, heile, also im Heil sich
vollziehende Existenz sein soll. Um dieses Heil kreist alle Religion, sei es, daß das
gegebene Heil bewahrt werden soll wie in den frühen Volksreligionen, sei es, daß es
erst gewonnen werden muss wie in den späten universalen Erlösungsreligionen.
Heinz Hübner, August 2016

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Dienstag, 17. Januar 2017

Resonanz - Kritische Betrachtungen zum Weltverhältnis

Hartmut Rosa: "Resonanz" Antwort auf die kapitalistische Entfremdung

Von Hannah Bethke

Plakat an einem Berliner Haus: "Markt oder Mensch?" (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
"Mensch oder Markt?": Diese Frage bewegt den Jenaer Soziologen Hartmut Rosa (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Der Soziologe Hartmut Rosa setzt in seinem neuen Werk auf "Resonanz" - die ist seiner Ansicht nach der richtige Weg, um der Steigerungslogik des Kapitalismus zu begegnen. Unsere Rezensentin Hannah Bethke hat einen "brillanten Neuentwurf einer lebendigen Kritischen Theorie" gelesen.

Dass unser Umgang mit Zeit der Schlüssel zum Verständnis der modernen Gesellschaft ist, hat vielleicht keiner so anschaulich dargelegt wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. Sein Buch "Beschleunigung" beschreibt Prozesse der fortschrittsbedingten Dynamisierung, die die Zeitstrukturen der Gesellschaft so verändert, dass diese permanent einer Steigerungslogik unterliegt.

Beschleunigung ist das Problem, Resonanz die Lösung

Wenn also Beschleunigung das Problem ist, ist dann Verlangsamung die Lösung? Nein, erklärt Rosa in seinem neuen Buch - sondern Resonanz.

Resonanz ist laut Rosa ein Beziehungsmodus, in dem gegenseitige Schwingungen erzeugt werden. Relational sei Resonanz nicht nur im äußeren Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, sondern auch im inneren zwischen seinem Körper und seiner Psyche. Wenn Körper und Seele oder Mensch und Umwelt miteinander in Einklang gebracht werden, entstehe ein Resonanzraum.

Die dem Beschleunigungsprozess innewohnende "Eskalationstendenz" habe die Stellung des Menschen zur Welt jedoch grundlegend verändert. Rosa diagnostiziert drei große Krisentendenzen der Gegenwart: eine ökologische Krise (Klimawandel), eine Krise der Demokratie (Politikverdrossenheit) und eine "Psychokrise" (Burnout). Stets sei das Resonanzverhältnis gestört.

"Steigerungszwang" des modernen Kapitalismus

Die Ursache dafür, dass wir uns die Welt nicht mehr in einem wechselseitigen Prozess aneignen, sondern sie beherrschen und verdinglichen wollen, sieht Rosa in dem endlosen, sich selbst reproduzierenden "Steigerungszwang" des modernen Kapitalismus. Auf diese Weise brächen die "Resonanzachsen" zusammen: Der "vibrierende Draht zwischen uns und der Welt" werde zugunsten einer instrumentellen Logik der Verwertbarkeit gekappt.

Die Konsequenzen seien verheerend: "Das Leben gelingt nicht dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern wenn wir es lieben." Statt Resonanz werde ein Zustand der Entfremdung erzeugt, der für Rosa mit der Urangst des Menschen vor dem Verstummen der Welt zusammenhängt.

Zugleich könne es aber auch keine totale Resonanz geben: Ähnlich wie Beschleunigung bei Rosa nicht ohne eine Gegentendenz zur Erstarrung auskommt, ist auch Resonanz auf ein Moment der Unverfügbarkeit, wenn nicht gar auf eine "Resonanzverweigerung" angewiesen. Schwingungen müssen immer wieder begrenzt werden, sonst kommt es wie in der Physik zu einer Resonanzkatastrophe, die das, was hergestellt werden soll, zerstört.

Rosa betreibt eine "Soziologie des guten Lebens"

Hartmut Rosa sieht seine Studie als "Beitrag zu einer Soziologie des guten Lebens", die er mit einer erneuerten Form der Kritischen Theorie verknüpft. Als konkrete Lösungsvorschläge für die krisengeschüttelte Gesellschaft schweben ihm das bedingungslose Grundeinkommen und eine umfassende Erbschaftssteuer vor.

Auf diesem Weg setzt sich Rosa nicht nur vom Pessimismus der Kritischen Theorie ab, sondern löst auch ihren Anspruch ein, die Welt durch kritische Einsicht veränderbar zu machen. Auch wenn man seiner 800 Seiten langen Analyse vorhalten kann, dass weniger manchmal mehr gewesen wäre – Hartmut Rosa ist ein brillanter Neuentwurf einer lebendigen Kritischen Theorie gelungen, die mit einer Kritik an den bestehenden Resonanzverhältnissen einen Weg aus der Entfremdung der modernen Gesellschaft aufzeigt.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
815 Seiten, 34,95 Euro  

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Resonanz statt Beschleunigung: Hartmut Rosas Gegenentwurf - SPIEGEL ONLINE

Zur Person

Hartmut Rosa wird häufig als "Entschleunigungspapst" bezeichnet - obwohl er mit einer Schrift über Beschleunigung bekannt wurde. Diese hat laut Rosa seit der Industrialisierung alle gesellschaftlichen Lebensbereiche erfasst. In seinem neuen Buch entwickelt der Soziologe, der an der Uni Jena lehrt, ein Gegenprogramm: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung."
SPIEGEL ONLINE: Herr Rosa, Beschleunigung war Ihr großes Thema - jetzt haben Sie ein Buch über Resonanz geschrieben. Was meinen Sie damit?
Rosa: Resonanz ist die Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet. Und die in jedem Menschen angelegt ist, weil wir Beziehungsmenschen sind. Wenn diese Sehnsucht eingelöst wird, weil jemand aufgeht in einem bestimmten Bereich, führt er ein gelungenes Leben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Beispiele für das Einlösen dieser Sehnsucht?

Rosa: Resonanzmomente kann man in allen gesellschaftlichen Sphären erleben - in der Kunst, wenn man im Museum vor einem Bild steht, oder beim Singen im Chor. Wenn man in seiner Arbeit aufgeht. Häufig werden solche Momente des Aufgehens als Heimat verklärt, die man gefunden hat. Als Heimat aus der Kindheit, an die ich Erinnerungen habe.

SPIEGEL ONLINE: In jeder Kindheit ist doch nicht automatisch alles toll - und deshalb verklärenswert.

Rosa: Ich verstehe Heimat nicht nur als physische Konnotation, sondern als Idee: als Weltanschauung, die zu mir passt, als politische, berufliche, familiäre Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt ab, wie resonanzfähig Menschen sind?

Rosa: Das Grundvertrauen in die Welt scheint wichtig zu sein: Steht mir die Welt als etwas Antwortendes, Gütiges gegenüber? Oder als etwas Feindliches? Dafür gibt es eine neurologische, hormonelle Basis. Dann glaube ich, dass psychologische Faktoren eine Rolle spielen, frühkindliche Erfahrungen, der Sozialisationsprozess in der Schule.

SPIEGEL ONLINE: Und wie merkt man, ob man das gefunden hat, was Sie Heimat nennen?

Rosa: Damit wir diesen Ort finden, müssen wir uns auf die Suche begeben, unsere Reichweite in dieser Welt ausdehnen. Das Lebensgefühl der Romantik hat das gut auf den Punkt gebracht, diese Idee, in sich selbst zu gehen und gleichsam in die Welt hinauszuziehen. Das Problem aber: Diese Idee der Ausdehnung hat sich verselbstständigt.

SPIEGEL ONLINE: Weil uns heute viel mehr Optionen zur Verfügung stehen als den Romantikern?

Rosa: Ich würde sagen, unsere Gesellschaft ist seit der Industrialisierung immer stärker darauf ausgelegt, Weltreichweite zu vergrößern - weil alle ihre Bereiche auf Steigerung ausgelegt sind. Dahinter steht dann aber nicht die Idee der Resonanz, sondern die des Verfügbarmachens, des Kontrollierens: Kinder bekommen heute leuchtende Augen, wenn sie ihr erstes Smartphone bekommen. Da steckt kein konkretes Sachbegehren hinter, sondern der Wunsch, Welt in Reichweite zu bringen: auf Spotify die größte Musikauswahl zur Hand zu haben, nachzugucken, wie das Wetter im Tokio ist. Das Problem ist aber, dass dieses Potenzial allein die Dinge noch nicht zum Sprechen bringt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätte sich der Konsument in Ihrem Konzept von der Ware entfremdet. Klassische Kapitalismuskritik, oder?

Rosa: Ich bin sicher, dass es dem Kapitalismus nicht komplett gelingt, die Subjekte zu erschaffen, derer er bedarf; durch die in uns angelegte Resonanzsehnsucht können wir nicht komplett verdinglicht werden. Aber ja, an dieser Stelle funktioniert der Trick des Kapitalismus schon: Wir sind enttäuscht vom Einzelprodukt. Aber nicht so enttäuscht, dass wir das nächste nicht kaufen - weil die Produkte uns lebendige Beziehungen versprechen. Dazu kommt eine Wettbewerbslogik, wir häufen Resonanzprodukte ja auch an: Horten Bücher, weil wir die vage Idee haben, dass wir irgendwann aus dem Hamsterrad aussteigen und dann endlich in Ruhe Hegel lesen können. Dann haben wir dafür keine Zeit. Kaufen deshalb aber noch Kant dazu.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Hegel und Kant. Ist die Sehnsucht nach Resonanz nicht ein Luxus, den sich nur bestimmte Schichten leisten können - nämlich die, die sich um Geld, Bildung und Aufstieg kaum mehr Gedanken machen müssen?

Rosa: Mir wird immer unterstellt, ich würde nur das Lebensgefühl von Akademikern beschreiben. Ich werde da richtig sauer. Sogar Leute bei McDonalds sagen häufig, sie machen den Job gern. Etwas gut und schön zu machen, etwas zu tun, das einen erfüllt, das ist keine akademische Zusatzidee. Zu behaupten, die da unten kämpfen nur ums Überleben, die haben gar keinen Sinn für die anderen Dimensionen - das ist paternalistisch. Reden Sie mal mit Obdachlosen. Die sagen ganz häufig, das Schlimmste ist nicht, dass sie kein Geld kriegen von Leuten. Sondern, dass sie nicht wahrgenommen werden. Dass Ihnen Resonanz verweigert wird.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren scheint es einen Backlash zu geben. Und der bezieht sich schon auf eine bestimmte, gebildetere Schicht: Die DIY-Bewegung, Yoga - passt doch alles zu Ihrer Resonanzidee.

Rosa: Achtsamkeit und so. Ein Lebensgefühl, das von Zeitschriften wie "Flow" und "Happiness" zelebriert wird. Als Wissenschaftler sollte man sich davon fernhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber auch präsent in diesen Themenbereichen.

Rosa: Ich verstelle mich nicht. Ich mache das, was ich sinnvoll finde. Wenn mir etwas zu esoterisch scheint, sage ich aber ab, gerade zum Beispiel einen Meditationskongress.

SPIEGEL ONLINE: Noch mal aber die Frage: Was unterscheidet Ihr Resonanzkonzept von der Achtsamkeitsbewegung, bei der Menschen bewusster durch das Leben gehen wollen?

Rosa: Ich habe ein Problem mit Entschleunigung, der Hauptidee der Achtsamkeitsbewegung. Weil sie die Zeit isoliert betrachtet. Aber Zeit ist ein Grundverhältnis, das alle gesellschaftlichen Felder prägt - von Wirtschaft über Politik. Man kann nicht alles lassen, wie es ist und einfach langsamer machen. Langsamer machen reicht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es geht Leuten, die Yoga machen, nicht darum, alles langsamer zu machen. Sondern darum, auszusteigen aus Erwartungen und Stress. Der Gedanke liegt Ihrer Idee doch auch zugrunde.

Rosa: Vielleicht habe ich den Affekt dagegen auch, weil einem die Stimme genommen wird, sobald man in der Achtsamkeitsecke steht. Achtsamkeit hat den Ruf eines narzisstischen Upperclassproblems, das unpolitisch ist. Okay, die Grundsehnsucht mag eine ähnliche sein wie die, die ich mit meinem Konzept der Resonanz beschreibe. Dann habe ich nur noch zwei Probleme: Zum einen die ökonomische Verwertung, die dahintersteht: Kaufe diese Räucherstäbchen und du findest deine innere Seele. Und, dass das Bewusstsein nur auf das Subjekt gelenkt wird, weil suggeriert wird, dass es von uns selbst abhängt, ob wir achtsam durch die Welt laufen. Das ist die komplette Herauslösung aus den sozialen Verhältnissen, weil die Beziehungen keine Rolle mehr spielen. Das halte ich für einen Konzeptionsfehler. Und ich will ja mit meinem Konzept gesellschaftliche Realität erklären; die Demokratiekrise zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Dann erklären Sie mal.

Rosa: Demokratie ist an sich ein Resonanzversprechen: Gesetze und Autoritäten sollten uns nicht feindlich gegenüberstehen oder indifferent, sondern uns antworten - nicht im Sinne eines Poll-Verhältnisses, dass also nach Umfragen regiert wird. Sondern dialogisch. Protestbewegungen wie aktuell Pegida fordern im Grunde eine Resonanzbeziehung ein: Die Politiker hören nicht mehr auf uns, die haben die Beziehung verloren.

SPIEGEL ONLINE: Und die Pegida-Anhänger wollen alle in Resonanzverhältnisse mit der Welt treten?

Rosa: Nein, wollen sie nicht. Weil auch rechten Ideen eine Weltbeziehung zugrunde liegt, die per se feindlich ist. Je nationalistischer und faschistischer es wird, desto weniger geht es um das Wahrnehmen der Welt - man will nicht in Beziehung treten, sondern in einem Großkörper fusionieren. Alles, was anders ist, stumm machen, genau das steckt auch aktuell in diesem Ausruf "Wir sind das Volk". Die Nazis haben ja auch Resonanzen erzeugt. Mit Liedern und Fahnen, mit Fackeln. Aber es war eben nur ein Echoraum. Weil er auf einem an sich stummen Weltverhältnis basierte.

Lesen Sie zu dem Thema auch eine Rezension zu Hartmut Rosas Beschleunigungsbuch.
Das alles beherrschende Monster

Meta-Phänomen Beschleunigung: Höher, schneller, leerer
Steve Ballmer ist nicht Steve Jobs. Der Vorstandschef von Microsoft gilt nicht als Philosoph. Und doch war es ihm kürzlich vorbehalten, anlässlich der Entwicklerkonferenz des Unternehmens das Motto unserer Zeit in eine einprägsame Formel zu kleiden: "Schneller! Schneller! Schneller! Schneller!"

Ballmer mag damit die Entwicklung neuer Produkte oder die Geschwindigkeit von Betriebssystemen gemeint haben, doch schneller zu werden, ist heutzutage ein universelles Ziel: nicht allein ein technisches Phänomen, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem neuen Essay "Beschleunigung und Entfremdung" darlegt, sondern das Kernelement jeglicher Modernisierung. Und damit der entscheidende Begriff unserer Epoche.

Rosa unterscheidet zwischen technischer Beschleunigung, der Beschleunigung des sozialen Wandels und der Beschleunigung des Lebenstempos. Die technische Beschleunigung hat - verbunden mit der Industrialisierung - bereits im 19. Jahrhundert begonnen. Im Verkehr hat sie dazu geführt, dass die Welt im Vergleich zu der Zeit, die man braucht, um eine Strecke zurückzulegen, auf ein Sechzigstel ihrer Größe geschrumpft ist.

Möglichst viele Optionen

Heute zeigt sich die technische Beschleunigung vor allem im digitalen Sektor. Ihr paradoxer Effekt wirkt sich in der Beschleunigung des Lebenstempos aus: Obwohl die technische Beschleunigung eigentlich dazu hätte führen müssen, dass dem Einzelnen mehr Zeit zur Verfügung steht, weil er für einzelne Tätigkeiten weniger Zeit benötigt, genießen die Bürger moderner Gesellschaften nach Rosas Ansicht keinesfalls ihre üppige Freizeit - sondern leiden an deren Gegenteil: unter Zeitknappheit.

Der Grund dafür liege im Anspruch, "möglichst viele Optionen zu realisieren aus jener unendlichen Palette der Möglichkeiten, die die Welt uns eröffnet". Das Leben auszukosten werde zum zentralen Streben des modernen Menschen - ein Erfahrungshunger, der allerdings nicht gestillt werden könne: "Ganz egal, wie schnell wir werden, das Verhältnis der gemachten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpasst haben, wird nicht größer, sondern konstant kleiner". Dazu kommt, so Rosa, dass Depressionen und Burnout stark zugenommen hätten.

Zur Beschreibung aller Beschleunigungsfolgen greift er einen ursprünglich marxistischen Begriff auf: Entfremdung. Seine Kritik aber richtet sich nicht mehr gegen die kapitalistischen Produktionsbedingungen (denn anders als frühere Kritiker der industriellen Moderne konzentriert Rosa sich nicht auf die Arbeitswelt), sondern gegen die Beschleunigung als Metaphänomen. Es hätte, wie das Buch zeigt, zumindest ebenso viel Aufmerksamkeit verdient wie der Begriff Globalisierung.

Zahlreiche Konflikte

Zumal die zunehmende Beschleunigung des sozialen Wandels auch gesamtgesellschaftlich zu einer rasanten Veränderung von Werten, Lebensstilen und Beziehungen geführt habe.

Zahlreiche Konflikte, könnte man Rosas Thesen hinzufügen, entstehen dadurch, dass die Betroffenen die derart veränderte Welt schlicht nicht mehr verstehen. Die Folge: Ein Konservatismus, der sich mal rabiat äußert, wie zuletzt häufig in der islamischen Welt, mal äußerst dogmatisch, wie in Teilen der USA, oder zumindest im Wunsch, nach einer längeren Phase rascher gesellschaftlicher, technischer und ökonomischer Umbrüche, wie sie sich seit 1989 vollzogen haben, verschnaufen zu wollen - in der Bundesrepublik führte dies zuletzt zum vielbeschworenen Bild eines "neuen Biedermeiers" unter Angela Merkel.

Für demokratische Gesellschaften hat das Metaphänomen Beschleunigung Rosa zufolge noch andere Auswirkungen: Der Prozess der politischen Willensbildung wird umso schwerfälliger, je heterogener die gesellschaftlichen Gruppen werden. Politik könne deshalb, anders als von der Öffentlichkeit noch immer erwartet, kaum mehr Schrittmacher des Wandels sein. Ihr bliebe nur noch die Rolle, den Wandel zu zähmen.

Schlaflosigkeit und Panikattacken

Im Vergleich zum ökonomischen Bereich, in dem vor allem die Finanzmärkte einer drastischen Beschleunigung ausgesetzt waren, wirkt Politik deshalb statisch - ein vermeintlicher Makel, der besonders in der Blütephase der neoliberalen Ideologie von Meinungsmachern immer wieder ins Feld geführt wurde.

Aufgrund des erhöhten Tempos des gesellschaftlichen Lebens aber müssen politische Entscheidungen heute schneller getroffen werden. Die Konsequenz, meint Rosa, sei klar: In der spätmodernen Politik bestimme nicht mehr das Argument, sondern zunehmend das Ressentiment, das mehr oder minder irrationale Bauchgefühl. Vor diesem Hintergrund sei es nicht überraschend, dass Medienstars wie Schwarzenegger politische Ämter erringen und die Coolness von Politikern wichtiger sei als deren Konzepte - in Deutschland würde dies wohl zumindest auf den Aufstieg Guttenbergs zutreffen, auch wenn Rosa diesen gefallenen Medienstar nicht erwähnt.

Angesichts der Tatsache, dass Populisten in der Politik nicht nur ein Phänomen der Gegenwart, sondern der Weltgeschichte sind, wirkt Rosas These allzu zugespitzt. Das gilt wohl auch für seine Behauptung, dass in der hochbeschleunigten westlichen Welt mehr Menschen unter Schlaflosigkeit und Panikattacken litten als in Nordkorea oder im Irak unter Saddam Hussein, für die Rosa keine Belege anführt.

Sein Buch gipfelt in der These, Beschleunigung sei eine neue, abstrakte Form des Totalitarismus. Thomas Hobbes verwendete im 17. Jahrhundert für den Staat als alles beherrschendes Monster die berühmt gewordene Formel vom Leviathan. Bei Hartmut Rosa ist dieser Leviathan längst nicht mehr der Staat, sondern die Beschleunigung in all ihren Erscheinungsformen.

Doch wie dieses Monster bändigen? Das weiß auch Rosa nicht. Er räumt ein: "Im Moment verfüge ich noch nicht einmal über eine Skizze einer solchen Konzeption."
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Soziologe Rosa über sein Buch "Resonanz" Entschleunigung ist auch keine Lösung

Hartmut Rosa im Gespräch mit Katrin Heise

Der Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, aufgenommen am Mittwoch (01.09.2010) bei einer Pressekonferenz in Jena (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)
Der Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)
Viele Menschen propagieren Slow Food, Slow Work und dergleichen. Mit einem entschleunigten Leben wollen sie auf Zeitknappheit, Stress und Hektik im Alltag reagieren. Für den Soziologen Hartmut Rosa löst diese Strategie das Problem jedoch nicht.

Slow Food oder Slow Work sollen unser Leben entschleunigen und das Gefühl von permanentem Stress lindern. Der Soziologe Hartmut Rosa plädiert stattdessen dafür, der Welt anders gegenüberzutreten: weniger kontrolliert und bereit, sich auf Menschen und Dinge einzulassen.

Der Modus der Verzweiflung bringt Stillstand

"Kaum jemand findet Langsam-Sein als Selbstzweck gut", sagt er. Ihm zufolge geht es nicht um Langsamkeit, sondern um eine neue Beziehung zur Welt, die er mit "Resonanz" beschreibt. In diesem Zustand versucht der Mensch nicht, die Dinge zu kontrollieren und schnell und effizient zu handhaben. Vielmehr lässt er sich von Begegnungen mit Anderen, von Orten, von Musik, der Natur berühren und erlaubt  diesen, etwas in ihm zum Schwingen zu bringen.

"Wenn wir im Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus sozusagen durch die Welt hetzen, dann kommt es eben zu einem Stillstehen der Schwingungen, weil wir schnell und effizient Dinge instrumentell handhaben müssen." 

Wider die Steigerungslogik

Dahinter steht Rosa zufolge eine Steigerungslogik, die auch mit dem Kapitalismus zusammenhängt und die auf Kontrolle und Akkumulation abzielt: "Eigentlich hetzen wir immer nur danach, unsere Weltreichweite zu vergrößern, indem wir unsere Vermögenslage verbessern oder unser Freunds- und Bekanntennetz ausdehnen oder unsere Gesundheit steigern. Aber das ist eine Art des In-der-Welt-Seins, eine Form der Weltbeziehung, die uns eben resonanzarm macht."

Auch mit der Fokussierung auf Qualitätssicherung oder Erfolgsgarantien wollten wir Dinge verfügbar machen, "und zwar punktgenau und zeitgenau", kritisiert der Soziologe.

"Resonanz" dagegen habe immer ein Moment der Unverfügbarkeit. "Man kann es nicht garantiert herstellen. Gerade dann, wenn wir uns vornehmen, heute will ich unbedingt in diesem Modus sein, dann misslingt es uns häufig. Weihnachtsabende sind dafür ein klassisches Beispiel."

Hartmut Rosa: "Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung"
Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016
816 Seiten, 34,95 Euro
Erscheint am 7. März

Das Interview im Wortlaut:

Katrin Heise: Sie freuen sich ja vielleicht auch, weil Sie schon wach sind, obwohl Sie heute gar nichts Bestimmtes vorhaben, ein langes Wochenende vor Ihnen liegt, die Zeit sich also ja genüsslich ausdehnt. Genießen Sie diesen Moment! Es ist ein herrliches Gefühl, denn wir haben ja sehr vieles angehäuft, vieles gesammelt, nur eins fehlt uns regelmäßig: die Zeit natürlich. Vor allem die Zeit, in der wir uns nach nichts anderem sehnen, nichts anderes uns gelüstet als nach dem, was wir gerade machen, also wir fühlen uns ja sonst immer unter Druck. Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa beschäftigt sich seit Langem mit den Phänomenen der Zeit, mit Entschleunigung und mit Beschleunigung, aber er ist nicht der Auffassung, dass wir einfach die Zeit anhalten sollten, so nach dem Motto, mit Entschleunigung, mit Langsamermachen, wird alles besser, nein, in seinem neuen Buch spricht er von Resonanz. Schönen guten Morgen, Hartmut Rosa!

Hartmut Rosa: Guten Morgen, hallo!

Heise: Resonanz entsteht ja, wenn etwas in Schwingungen gerät. Meinen Sie mit Resonanz, wie Sie sie verwenden, wenn mich eine Begegnung, ein Moment sozusagen in Schwingungen versetzt?

Rosa: Ja, das meine ich durchaus. Resonanz ist ein Zustand, eine Art und Weise des Verbundenseins mit der Welt, bei der tatsächlich in uns so was zu schwingen beginnt. Man kann das, glaube ich, wirklich in diese Metapher fassen, weil das eine Art des In-der-Welt-Seins beschreibt, bei dem uns Dinge noch berühren oder bewegen oder ergreifen – das sagt ja schon unsere Sprache, also etwas in Schwingung kommt –, wo wir aber auch das Gefühl haben, wir können da draußen sozusagen Klänge erzeugen, also Dinge in Schwingung bringen.

Heise: Also wir können in Schwingung bringen. Der Untertitel Ihres Buches lautet: "Eine Soziologie der Weltbeziehung". Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit Weltbeziehung?

Rosa: Ich hatte ja, wie Sie schon gesagt haben, lange über Zeit und Zeitverhältnisse nachgedacht und mir auch überlegt, was meinen eigentlich Menschen, wenn sie von Entschleunigung reden oder darauf hoffen oder gar davon schwärmen oder wenn sie sagen, wir müssen mal innehalten. Da geht es nämlich, glaube ich, gar nicht um Langsamkeit per se. Kaum jemand findet Langsamsein als Selbstzweck gut, aber es geht darum, auf eine andere Weise in der Welt zu sein, auf eine andere Weise in Verbindung zu treten mit anderen Menschen, zum Beispiel auch mit unserer Arbeit und mit unserem Körper oder mit der Natur da draußen. Ich wollte außerdem mir die verschiedenen Weisen angucken, die Modi, mit denen wir mit der Welt in Beziehung treten können. Und da ist mir eben aufgefallen, dass wenn wir im Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus sozusagen durch die Welt hetzen, dann kommt es zu einer Art eben von einem Stillstehen der Schwingung, weil wir schnell und effizient Dinge instrumentell handhaben müssen. Und vielleicht können wir einen Samstagmorgen nutzen, um auf eine andere Weise uns selbst und Welt zu erfahren. Und dafür habe ich dann versucht, den Resonanzbegriff einzubringen.

Heise: Also halten wir mal fest: Es ist eben nicht allein die Zeitknappheit, die uns unter Druck setzt, sondern eigentlich, dass dieses ganze Gehetze zu nichts führt, also jedenfalls zu nichts führt, was uns wirklich berührt.

Wirtschaftssystem fördert Entfremdung

Rosa: Ja. Ich glaube, wir haben vielleicht individuell, aber eben auch institutionell, zum Beispiel in unserem Wirtschaftssystem, viel zu viel Wert gelegt, oder das ganze System ist darauf ausgerichtet, Dinge zu akkumulieren, anzusammeln, also eigentlich Ressourcen zu vergrößern, zum Beispiel das Sozialprodukt, wenn man jetzt volkswirtschaftlich denkt. Aber auch individuell hetzen wir immer danach, eigentlich unsere Weltreichweite zu vergrößern, indem wir unsere Vermögenslage verbessern oder unser Freundes- und Bekanntennetz ausdehnen oder unsere Gesundheit steigern, aber das ist eine Art des In-der-Welt-Seins, eine Form der Weltbeziehung, die eben uns resonanzarm macht.

Heise: Wenn Sie sagen uns und wir, meinen Sie da tatsächlich auch sich, beobachten Sie das bei sich genauso?

Rosa: Ja, absolut. Also ich möchte nicht ein Soziologe sein, der anderen Menschen sagt, was sie falsch machen, sondern ich beschreibe die Art und Weise, in unserer Gesellschaft zu leben, und das kann ich bei mir sehr gut beobachten. Ich stelle natürlich da schon auch einen Zusammenhang fest zwischen notorischer Zeitknappheit und Resonanzverlust. Den Gegenbegriff von Resonanz versuche ich ja, als Entfremdung zu bestimmen – also Entfremdung und Resonanz bilden ein Gegensatzpaar.

Und natürlich stelle ich fest, dass wenn man kaum Zeit hat, zum Beispiel mit den Menschen, mit denen man umgeht – bei mir sind es zum Beispiel häufig Studenten –, dann stelle ich gerade fest, dass ich mit denen nicht in Resonanz treten will, ich möchte gar nicht mich für sie öffnen oder dass sie mit mir eine wirkliche Begegnung anstreben, sondern ich möchte ganz schnell wissen, worum es geht zum Beispiel in der Sprechstunde, und versuche dann ganz schnell eine Lösung zu präsentieren. Und so geht es einem auch, wenn man ganz häufig den Ort wechselt zum Beispiel. Man reist von Ort zu Ort, dann lässt man sich nicht auf den ein, man tritt nicht in eine Beziehung mit dem, es kommt nicht zu dem, was wir Schwingung genannt haben.

Heise: Das mit dem Reisen, das ist ja was freiwillig Gewähltes …

Rosa: Nicht immer.

Heise: … ja, auch nicht immer, da haben Sie recht. Und das mit Ihren Studenten kann auch freiwillig sein, muss aber auch nicht immer. Diese Momente, wo man sich aufeinander einlässt, die passen ja eben nicht in einen Stundenplan, können eben nicht eingetaktet werden, aber wir sind in einem Leben, das sich nun mal beschleunigt hat, dem wir auch ausgesetzt sind. Wie können wir denn diese Momente trotzdem erreichen, oder geht das dann eben nicht?

Rosa: Doch, also ich glaube, Resonanz ist nicht nur eine Sehnsucht von Menschen überhaupt, sondern es ist auch ein Grundmodus des In-der-Welt-Seins, das heißt, wir alle machen solche Erfahrungen schon als Kinder. Kinder sind ganz stark Resonanzwesen, sie leben von diesem Begegnen, von dieser auch lebendigen Begegnung mit anderen Menschen, und deshalb haben wir immer einen Sinn dafür. Wir wissen noch, was es heißt, sich von einer Landschaft oder von einer Musik oder von einem Gedicht oder auch von unserer Arbeit insbesondere so berühren und bewegen zu lassen, dass wir da hineintreten können. Aber Resonanz hat – Sie haben das ja schon angedeutet – immer einen Moment der Unverfügbarkeit, man kann es nicht garantiert herstellen. Gerade dann, wenn wir uns vornehmen, heute will ich unbedingt in diesem Modus sein, dann misslingt es uns häufig – Weihnachtsabende sind dafür ein klassisches Beispiel.

Heise: Wie die Aufforderung: Sei locker!

Rosa: Ja, genau, ungefähr so.

Heise: Das geht schief.

Jeder verfügt über Resonanzachsen

Rosa: Und ich glaube tatsächlich, dass wir auch im Alltag aufgrund knapper Stundenpläne und aufgrund einer Steigerungslogik, die systemisch ist, die auch mit kapitalistischem Wirtschaften zusammenhängt, versuchen, Welt verfügbar zu machen, Dinge ganz sicher unter Kontrolle zu haben. Auch mit Qualitätssicherungsmomenten und Erfolgsgarantien und anderen Dingen möchten wir Dinge verfügbar machen, und zwar punktgenau und zeitgenau. Und das ist schon ein Modus, mit dem es schwierig wird, dann in Resonanz zu treten. Aber es ist niemandem unmöglich, also wir alle haben noch einen Sinn dafür und eine Erfahrung davon, und ich glaube deshalb, dass wir tatsächlich, auch wenn systemische Bedingungen problematisch sind, auch an uns arbeiten können, Resonanzfähigkeit wiederherzustellen.

Heise: Gibt es da konkrete Tipps? Ich meine, Sie sind jetzt nicht so ein Tippschreiber, der sagt, mach das und dann passiert das, aber haben Sie bei sich was beobachtet?

Rosa: Ja, aber wie gesagt, ich möchte keinen Ratgeber schreiben und auch kein Ratgeber sein, aber ich glaube, Menschen, ich würde sagen alle Menschen, verfügen über so etwas wie Resonanzachsen. Das heißt, es gibt bestimmte Dinge im Leben von Menschen, bei denen sie wissen, da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mit mir und der Welt in Resonanz trete. Bei mir ist es auf jeden Fall Musik zum Beispiel. Es gelingt nicht immer, jeder kennt es: Man legt seine Lieblingsplatte auf, und es passiert irgendwie gar nichts, weil man in schlechter Stimmung ist und weil einem irgendetwas auf der Leber liegt. Aber trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, zum Beispiel bei mir, wenn ich Musik höre oder Musik mache auch – Musikmachen ist ein ganz probates Mittel oder eine ganz probate Resonanzachse, aber es gibt viele andere Dinge.

Für manche ist es, wenn sie politisch tätig sind oder wenn sie religiös tätig sind oder wenn sie in die Natur gehen, und für ganz viele ist auch Arbeit ein Resonanzfeld. Deshalb ist der Verlust des Arbeitsplatzes eben nicht nur ein Verlust von Ressourcen, sondern auch ein Verlust von einer Resonanzsphäre. Und ich glaube, was man also tun kann, ist herauszufinden, wo liegen denn eigentlich meine, nicht meine Felder, wo ich Dinge akkumulieren kann, sondern da, wo ich in Resonanz mit mir und der Welt treten kann. Und ich glaube, da findet jeder was, wenn er in sich hineinhört oder sie.

Heise: Ja, das ist vielleicht der wichtigste Punkt, erst mal auf sich selber mal gucken, jetzt nicht nur in egoistischem Sinne, sondern wirklich mal zu spüren, was will ich eigentlich. Schön! Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, Hartmut Rosa.

Rosa: Sehr gerne geschehen!

Heise: In Ihrem Buch "Resonanz einer Soziologie der Weltbeziehung" können wir ja noch mehr darüber lesen. Ich wünsche Ihnen ein, ja, berührendes Wochenende!

Rosa: Danke schön, ebenso, auf Wiederhören!

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Mittwoch, 28. Dezember 2016

Ein Impuls im Dickicht der Worte

Ein Impuls zwischen den Jahren:
In den Sprachen der Welt rollen die Worte der praktischen Notdurft, des Handelns, der Not, der Verführung, der Prozesse, der Politik, der Wut, der Kontore, und als schmales Segment nur in allen Sprachen erscheint uns die Sprache der Dichter, die Sprache der gelassenen Liebe, die Sprache der bannenden Humanität. Sie setzen den Kontakt zum Bruder in allen Rassen gegen die bezahlte Haßphrase, sie setzen ein wenig Ewigkeit gegen den Wortorkus des Tages.
( Günther Weißenborn, Von Tod und Hoffnung der Dichter. Rede auf dem Ersten Schriftstellerkongreß, Berlin 1947)
- auch nach Jahren hochaktuell!

Freitag, 9. Dezember 2016

Postfaktisch - Gesammeltes zum Begriff des Jahres 2016

Googeln statt Wissen Das postfaktische Zeitalter

Gastkommentarvon Eduard Kaeser 22.8.2016, 05:30 Uhr

In der digitalen Welt wäscht ein Permaregen der Informationen ganz zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit aus. Die Folge: eine Demokratie der «Nichtwissenwollengesellschaft».


Es gibt Daten, Informationen und Fakten. Wenn man mir eine Zahlenreihe vorsetzt, dann handelt es sich um Daten: unterscheidbare Einheiten, im Fachjargon: Items. Wenn man mir sagt, dass diese Items stündliche Temperaturangaben der Aare im Berner Marzilibad bedeuten, dann verfüge ich über Information – über interpretierte Daten. Wenn man mir sagt, dies seien die gemessenen Aaretemperaturen am 22. August 2016 im Marzili, dann ist das ein Faktum: empirisch geprüfte interpretierte Daten.

Dieser Dreischritt – Unterscheiden, Interpretieren, Prüfen – bildet quasi das Bindemittel des Faktischen, «the matter of fact». Wir alle führen den Dreischritt ständig aus und gelangen so zu einem relativ verlässlichen Wissen und Urteilsvermögen betreffend die Dinge des Alltags. Aber wie schon die Kurzcharakterisierung durchblicken lässt, bilden Fakten nicht den Felsengrund der Realität. Sie sind kritikanfällig, sowohl von der Interpretation wie auch von der Prüfung her gesehen. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Es kann durchaus sein, dass man uns zwei unterschiedliche «faktische» Temperaturverläufe der Aare am 22. August 2016 vorsetzt.

Das Amen des postmodernen Denkens

Was nun? Wir führen den Unterschied zum Beispiel auf Ablesefehler (also auf falsche Interpretation) zurück oder aber auf verschiedene Messmethoden. Sofort ist ein Deutungsspielraum offen. Nietzsches berühmtes Wort hallt wider, dass es nur Interpretationen, keine Fakten gebe. Oder wie es im Englischen heisst: «Facts are factitious» – Fakten sind Artefakte, sie sind künstlich.

Diese Ansicht ist quasi das Amen des postmodernen Denkens. Und als besonders tückisch an ihr entpuppt sich ihre Halbwahrheit. Es stimmt, dass Fakten oft das Ergebnis eines langwierigen Erkenntnisprozesses sind, vor allem heute, wo wir es immer mehr mit Aussagen über komplexe Systeme wie Migrationsdynamik, Meteorologie oder Märkte zu tun bekommen. Der Interpretationsdissens unter Experten ist ja schon fast sprichwörtlich.

Als eine regelrechte Sumpfblüte aus dem Szenario des «Bullshits» präsentiert sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

Aber Künstlichkeit des Faktischen bedeutet nun gerade nicht Unverbindlichkeit. Dieser Fehlschluss stellt sich nicht nur für die Erkenntnistheorie als ruinös heraus, sondern vor allem auch für die Demokratie. Zur Erläuterung benütze ich drei politische Szenarien: jenes der Wahrheit, jenes der Macht und jenes des «Bullshits».

Im Szenario der Wahrheit überprüfen wir eine Aussage, bis wir den robusten Konsens für einen Entscheid gefunden haben: Die Aussage ist wahr oder falsch, tertium non datur. Lügner werden überführt, wie US-Aussenminister Colin Powell, der 2003 in der Uno die Intervention im Irak mit falschen faktischen Behauptungen begründete. Dieser Makel haftet ihm bis heute an. Dies gerade auch – und das muss man ihm zugutehalten –, weil Powell das Szenario der Wahrheit anerkennt. George W. Bush und seine Kamarilla im Irakkrieg etablierten dagegen das Szenario der Macht.

Ron Suskind, Journalist bei der «New York Times», zitierte 2004 einen Chefberater der Regierung Bush. «Er sagte, Typen wie ich gehörten, wie das genannt wurde, der ‹realitätsbasierten› Gemeinschaft an», schreibt Suskind. Aber so funktioniere die Welt nicht mehr: «Wir sind jetzt ein Weltreich», so der Berater, «und wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene Realität. Und während Sie in dieser Realität Nachforschungen anstellen, handeln wir schon wieder und schaffen neue Realitäten, die Sie auch untersuchen können, und so entwickeln sich die Dinge. Wir sind die Akteure der Geschichte, und Ihnen, Ihnen allen bleibt, nachzuforschen, was wir tun.»

Als eine regelrechte Sumpfblüte aus dem Szenario des «Bullshits» präsentiert sich der gegenwärtige republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Mit demonstrativer Schamlosigkeit produziert er Unwahrheiten und Widersprüche und schert sich einen Dreck um die Folgen. Paradoxerweise macht ihn diese Unglaubwürdigkeit umso glaubwürdiger, weil er sich im «Bullshit» geradezu suhlt. Er tritt auf mit dem Habitus: Seht doch, ich bin der, als den ihr Politiker schon immer sehen wolltet – ein Behaupter, Wortverdreher, Lügner! Ich bin nur ehrlich – ehrlich unehrlich! Das postfaktische Zeitalter lässt sich nun einfach dadurch charakterisieren, dass in ihm das Szenario der Wahrheit gegenüber den beiden anderen Szenarien immer mehr an Gewicht verliert.

Demokratie ist der politische Raum, der uns das Recht für das Fragen und Prüfen gibt. In ihm beugt sich die Macht dem Argument, nicht das Argument sich der Macht.

In der digitalen Welt wird es schwieriger, zu überprüfen, was wahr ist und was nicht. Ein Permaregen von Informationen lässt uns fast nichts anderes übrig, als allmählich auf Standards wie Objektivität und Wahrheit zu verzichten. An die Stelle des Faktums tritt das Faktoid. Die sozialen Netzwerke tragen das Ihre zum Bestätigungsbias bei, das heisst zur Neigung, nur das als «Faktum» zu akzeptieren, was man ohnehin schon glaubt. Winston Smith in Orwells «1984» wird durch Folter dazu gebracht, zu glauben, dass zwei und zwei fünf ist. Der Punkt, so erläutert der Folterer, sei, dem Gefolterten klarzumachen, dass es keine Wahrheit ausser der von der Partei verkündeten gibt.

Heute brauchen wir keine Folterer, wir haben Politiker wie Trump und seine Spin-Doctors. Gewöhnen wir uns an sie, verlieren wir die Basis unserer Kritikfähigkeit, also unseren Faktenbezug. «Das Furchtbare», heisst es bei Orwell, «war nicht, dass sie einen umbrachten, wenn man anders dachte, sondern dass sie vielleicht recht hatten.» Am Ende sind wir nicht mehr sicher, ob zwei und zwei vier ergibt. Genau eine solche Verunsicherung bezweckt der «Bullshitter».

Der Appell an die Wahrheit – so altväterisch er klingen mag – ist überlebenswichtig für demokratische Gesellschaften. Sie benötigen das Tribunal der Fakten, das heisst Institutionen, die stark und neutral genug sind, dem Bürger eine tragfähige Basis für seine Entscheidungen zu garantieren. Traditionell sind dies Universitäten, Statistikbehörden, Medien. Das Vertrauen in sie schwindet heute stetig. Die Verdrossenheit gegenüber den Modellen, Analysen, Prognosen der Experten tendiert dazu, dass sich nun jeder zum Experten erklärt. Das Zeitalter des Postfaktischen ist auch eines des Postexpertentums. Wenn aber jeder recht hat, hat niemand recht. Wo die Leitplanken des Faktischen demontiert werden, beginnt die Wildbahn der Stimmungsmache.

Es schlägt die Stunde der Dogmatiker, Demagogen und Dummschwätzer. Der britische politische Ökonom Will Davis schrieb kürzlich mit Blick auf den Brexit: «Wir haben nicht mehr stabile, ‹faktische› Darstellungsweisen der Welt, vielmehr noch nie da gewesene Sensoren und Monitoren dafür, was wo hochkocht, wer was fühlt, was die allgemeine Stimmung ist. (. . .) Marktprognosen sind kaum mehr als eine Sammeldarstellung der (. . .) Gefühle und Stimmungen, die man auch über Twitter entdecken kann. Ihr Hauptanliegen ist nicht das Mitteilen von Wahrheit, sondern das Aufzeichnen von Launen.»

Bewirtschaftung von Launen

Bewirtschaftung von Launen: Das ist die politische Verlockung des postfaktischen Zeitalters. Ihr kommt die Internetgesellschaft als «Nichtwissenwollengesellschaft» entgegen. Wir fragen nicht, wie man objektives Wissen gewinnt und wie es begründet ist. Wir googeln. Wir haben die Suchmaschine bereits dermassen internalisiert, dass wir Wissen und Googeln gleichsetzen.

Das führt zum gefährlichen Zustand erkenntnistheoretischer Verantwortungslosigkeit. Google-Wissen ist Wissensersatz. Es treibt uns das «Sapere aude» Kants aus: Wagnis und Mut, nach Gründen zu fragen, eine Aussage zu prüfen, bis wir herausgefunden haben, ob sie stimmt oder nicht. Demokratie ist der politische Raum, der uns das Recht für dieses Fragen und Prüfen gibt. In ihm beugt sich die Macht dem Argument, nicht das Argument sich der Macht. Allein schon indem man dies ausspricht, muss man zugeben, dass von einem gefährdeten Ideal die Rede ist. Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnistheoretischen Grundlagen. Das heisst, sie ist bereits im Gange. Zeit, dass wir uns bewusstmachen, was auf dem Spiel steht.

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschien im Verlag Rüegger der Band «Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten» (2014). 

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5 Strategien für das postfaktische Zeitalter

5-strategien-fu%cc%88rdas-postfaktischezeitalterIn letzter Zeit bin ich immer wieder über die Formulierung „postfaktisches Zeitalter“ gestolpert. Sie auch?

Die Popularität dieser Redewendung haben wir wohl Frau Merkel zu verdanken. Aber die deutsche Kanzlerin hat recht: Zustände, Situationen und Probleme werden immer widersprüchlicher, immer schwerer (be)greifbar, immer diffuser. Dies gilt natürlich für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft gleichermaßen.

Deshalb habe ich mich kurzerhand entschlossen, einige für mich wichtige Gedanken in diesem Zusammenhang zusammen zu tragen und in einer Infografik darzustellen. Gedanken, die in 15 Jahren Unternehmensberatung und 10 Jahren Blogger-Praxis zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. Gedanken, die zu persönlichen Prinzipien und Überzeugungen reiften.

Aber Schritt für Schritt. 

Das postfaktische Dilemma. Die VUCA Welt.

Wie äußert sich das, was wir als postfaktisch bezeichnen? Woran können wir die neue Widersprüchlichkeit und Komplexität erkennen? Einige Beispiele:

Diskussionen verlaufen immer häufiger emotional. Unterschiedliche Standpunkte prallen mit Intensität aufeinander. In sozialen Systemen kommt es vermehrt zu Lagerbildung und Polarisierung.
Sitzungen werden beendet, ohne ein klares Ergebnis, eine Entscheidung oder klare nächste Schritte vereinbart zu haben. Aber es wurde diskutiert und gestritten – leider aber wenig konstruktiv.
Unternehmen beschäftigen sich mit vielen – zu vielen – Themen, Projekten, Vorhaben. Der Fokus für das vermeintlich Wesentliche geht verloren. Business Theater.
Menschen in Organisationen sind permanent beschäftigt. Hektische Betriebsamkeit, wohin das Auge reicht. Gleichzeitig schaffen wir (im wahrsten Sinne des Wortes) immer weniger.
Der Übergang in die diese neue Zeit hat sich abgezeichnet. Immer mehr, immer schneller, immer chaotischer. Auch die viel zitierte Abkürzung VUCA schlägt in dieselbe Kerbe. Treibende Kraft sind die neuen Möglichkeiten der informationellen Vernetzung und die Digitalisierung.

Bei aller berechtigten Kritik des Management-Bullsh**-Bingos bin ich überzeugt: Es stimmt. Der Wandel wird radikal und nachhaltig sein. Was aber bedeutet das für uns?

Ich habe 5 Strategien im Umgang mit dem postfaktischen Zeitalter zusammen gefasst, die mein Denken in den letzten Jahren nachhaltig geprägt haben. Diese Gedanken möchte ich gerne mit Ihnen teilen.

Zuvor aber möchte ich aber noch erwähnen, dass die Gedanken alles andere als neu (sondern vielmehr uralt) sind und ich mir die Punkte 1-3 von Prof. Herbert Pietschmann geliehen habe. Pietschmanns Ausführungen zur Logik unseres Denkens und zur Dialektik halte ich für essenziell und bahnbrechend.

1 Beobachte, ohne zu bewerten.

Die meisten von uns wurden ein Leben lang darauf getrimmt, Antworten zu geben und in Lösungen zu denken. In der Familie, in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Aber in Zeiten hoher Vielfalt und Komplexität führt uns dieses Denken immer öfter in die Sackgasse.

Stattdessen müssen wir lernen, länger in der Beobachtung zu bleiben. Ohne die jeweilige Situation reflexhaft zu bewerten. Das ist schwierig. Für viele von uns sehr schwierig sogar. Denn hier geht es um eine Grundhaltung, wie wir mit der Welt in Kontakt treten.

2 Unterscheide, ohne zu trennen.

Unser Denken ist stärker von entweder-oder als von sowohl-als-auch geprägt. Wir versuchen in allen Bereichen, uns Widersprüchlichkeiten und Unterschiede vermeintlich logisch zu erklären. Das führt häufig zu Logiken, die in gut und schlecht, schwarz und weiß, richtig und falsch unterscheiden. Descartes lässt grüßen.

Stattdessen sollten wir Unterschiede, Widersprüche, Spannungen, Vielfalt als etwas Wertvolles und Wichtiges begreifen. Denn nur dadurch kann Lebendigkeit und Fortschritt entstehen. Es gilt, die Unterschiede zu erkennen und im Sinne einer übergeordneten, gemeinsamen Zielsetzung zu nutzen.

3 Vereine, ohne zu egalisieren.

Damit sind wir schon beim nächsten Grundsatz – nämlich der Kunst, Widersprüchlichkeiten im Sinne des Ganzen zu nutzen. These – Antithese – Synthese. Konstruktive (Streit)Gespräche.

Dies kann nur gelingen, wenn wir einen Rahmen für gute Dialoge gestalten, mit einer Grundhaltung der gegenseitigen Wertschätzung. Mehr Führung, weniger Steuerung. Mehr Prinzipien, weniger Regeln. Mehr Lebendigkeit, weniger Bürokratismus. Mehr Gelassenheit, weniger Verbissenheit.

4 (Er)Kenne Dich selbst.

Wir überschätzen in der Regel das, was wir glauben zu wissen. Und wir unterschätzen das, was wir nicht wissen. In zunehmend dynamischen und widersprüchlichen Zeiten ist mehr Demut gefordert. Mehr Demut vor dem, was ist bzw. sein könnte.

Der Schlüssel zu einem individuellen Lern- und Reifeprozess liegt in der Selbsterkenntnis. Denn starke und einflussreiche Persönlichkeiten zeichnet in erster Linie ein gesundes Selbst-Bewusstsein aus.

5 Handle mutig.

Erich Kästner hat einmal gesagt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Dieser Gedanke hat im postfaktischen Zeitalter eine neue Bedeutung gewonnen. Denn angesichts der vielfach abnehmenden Planbarkeit müssen wir früher und mutiger entscheiden und quasi „im Gehen lernen“.

Moderne Arbeits- und Organisationsformen wie Agile, Lean oder Holacracy propagieren dieses Primat des Handelns und die größtmögliche Selbstorganisation. Allerdings mit permanenten Rückkoppelungs- und Reflexionsschleifen.

Ich möchte mit einem Zitat von Gerhard Wohland schließen: „Mut ist ein Talent.“

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Neugierig geworden? Dann sollten Sie sich gleich zum PM Camp Dornbirn anmelden. Denn dort werden wir uns mit dem Motto „Unterscheide, ohne zu trennen“ auch mit Widersprüchlichkeiten, Polaritäten und Paradoxien auseinander setzen. 

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DAS ZEITALTER DES FÜHLENS

Seit diesem Jahr kursiert ein neuer Begriff, der die große Ratlosigkeit aller noch Denkenden gegenüber den nur noch Fühlenden auf den Punkt bringt – postfaktisch. In der halb ironischen, halb resignativen Chiffre vom postfaktischen Zeitalter bündelt sich das Unbehagen, dass Tatsachen, Wissen und Logik immer weniger und manchmal schon gar keine Rolle im öffentlichen Diskurs mehr spielen. All das, was unzweifelhaft ist, das Faktische eben, kann heute ohne Ansehensverlust oder Sanktionen geleugnet, Daten und Zahlen dürfen nach eigenem Gusto interpretiert oder gleich ignoriert werden.

An Stelle von Begründungen oder Herleitungen tritt immer öfter die bloße Behauptung. Verschwörungstheorien, also die Domäne von Spinnern, Querulanten und wunderlichen Außenseitern, werden immerhin noch mit einem Anschein von Faktizität vorgetragen. Das Postfaktische braucht auch diesen Aufwand nicht mehr und fließt direkt in den gesellschaftlichen Mainstream – ein Klimawandel der besonderen Art, der noch die abstrusesten Gerüchte, Lügen und Wahnsysteme gedeihen lässt.

Postfaktisch soll heißen: An die Stelle der Fakten sind Emotionen, Dafürhalten, Stimmungen, Vorurteile und andere „Bauchgefühle“ getreten. Die harmlosere Variante des Postfaktischen besteht im Aufgeben der anstrengenden und frustrierenden Verstehensarbeit angesichts eines komplexen, unübersichtlichen Geschehens. In unserem Alltag sind wir alle anfällig für den Rekurs auf das, was die Gefühle uns einflüstern. Wir machen uns die Welt so, wie sie uns gefällt. Bei Ringelnatz hieß das: „ … und also schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht darf.“

Lüge, Täuschung und Propaganda

Die gefährlichere Spielart des Postfaktischen ist die dreiste und bewusste Lüge, die Durchsetzung eigener Interessen mit gezielter Irreführung, Täuschung und Propaganda. Diese Variante geht auch einher mit der Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse (wie etwa dem Klimawandel) und mit der generellen Verachtung von Wissen und „Eliten“. Und vor allem: Diese Lügen treffen auf viele, die nur zu bereit sind, sie zu glauben. Donald Trump und seine europäischen Geschwister im Ungeist sind die Posterboys dieses neuen post-, besser: antifaktischen Politikertyps.

Eine Erklärung für die Drift ins Postfaktische ist die Überlastung mit Informationen und Optionen. Der Psychologe Daniel Levitin schreibt in seinem Buch The organized mind: „Die Notwendigkeit, unsere Aufmerksamkeits- und Gedächtnissysteme wieder zu beherrschen, war nie größer als heute. Unsere Gehirne sind beschäftigter als jemals zuvor. Wir stehen unter Dauerbeschuss von Fakten, Pseudofakten, Geschwätz und Gerüchten – die alle als Information daherkommen.“ Hinzu kommt, dass in der globalisierten Welt Neues und Fremdes immer schneller auf uns einstürmt – und archaische Abwehrreflexe und Ängste auslöst. Das Denken unterbleibt.

Das Primat des Gefühls 

Preferences need no inferences, behauptete vor mehr als drei Jahrzehnten der polnisch-amerikanische Kognitionsforscher Robert Zajonc in seinem sehr einflussreichen Artikel mit dem Titel Feelings and Thinking (American Psychologist, 2/1980). Soll heißen, unsere Vorlieben (oder Vorurteile) bestimmen unser Denken. Es gebe ein Primat des Gefühls: Wir denken so, wie uns das die Affekte vorgeben. Noch komplizierter eigentlich: Selbst wenn wir nach-denken und nicht nur „aus dem Bauch heraus“ reden, entscheiden und agieren, dann unterlaufen uns eine Menge von Denkfehlern. Die erkennen wir jedoch nicht als solche, sondern halten uns etwas auf unsere Denk-Bemühung zugute. Und wir handeln aufgrund von, nun ja: gefühlten Wahrheiten. Die sind in der Regel nichts anderes als nachträglich rationalisierte Präferenzen. Richtig ist aber auch, und das macht die Sache so kompliziert: Manche gefühlten Gewissheiten treffen in einigen Situationen wirklich zu.

Die Psychologie hat angesichts dieser Erkenntnis seit längerem eine emotionale Wende ausgerufen und sich vom Paradigma des überwiegend rational denkenden Menschen abgewandt. Und sie hat eine (oft ziemlich missverstandene) neue Legitimität des Emotionalen geliefert. Aber die wiederentdeckte Bedeutung der Emotionen und Affekte sollte uns nicht ins andere Extrem fallen lassen. Die „Weisheit der Gefühle“ ist begrenzt. Und die Rehabilitierung der Intuition als einer wichtigen Erkenntnisform bedeutet keineswegs, dass man sich vom mühsamen Denken und Refklektieren verabschieden sollte. Alles Denken, Nachdenken, Abwägen, Reflektieren, all das also, was als execute function des Gehirns gilt und was Daniel Kahneman als das „langsame Denken“ kennzeichnet, ist wichtiger denn je. In vielen wichtigen Fragen des Lebens müssen wir unsere Gefühle überstimmen oder auskontern – wir müssen prinzipiell ein kontraintuitives Denkergebnis für möglich halten.

Anything goes – in den 1970er Jahren postulierten Wissenschaftstheoretiker wie Paul Feyerabend die grundsätzliche Gleichberechtigung unterschiedlicher Wissens- und Erfahrungszugänge. Heute mutet das wie ein charmantes, romantisches Glasperlenspiel an. Und doch hat der Spruch eine Relativierung des westlichen Rationalitätsanspruchs bewirkt, der in nicht geringen Teilen der akademischen Welt als anmaßend und kolonialistisch in Verruf geriet – und es bis heute ist. Im Windschatten dieser epistomologischen Lizenz zum Herumspinnen finden jedoch immer neue Obskurantismen Zulauf.

Es erscheint paradox, dass in der Ära von Big Data und Internet die Fakten immer schwerer zu finden scheinen – oder dass es in manchen Lebensbereichen (Politik, Wirtschaft) so leicht ist, sie zu fälschen oder zu entwerten. Sie dennoch zur Kenntnis zu nehmen, sie zu bewerten und einzuordnen – das ist oft anstrengend und aufwändig. Man muss dazu die postfaktische Komfortzone der eigenen gefühlten Gewissheiten verlassen. Die kontraintuitive Beunruhigung, die von solcher Denkarbeit ausgehen kann, scheuen immer mehr Menschen. Das erklärt sicher die tiefen Gräben in der Gesellschaft, die neuen Unversöhnlichkeiten und Aggressionen. Und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass „postfaktisch“ bald auch „postdemokratisch“ und „postliberal“ bedeutet.

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Gefühl ist die neue Realität

Am ungarischen Referendum zeigte sich die postfaktische Wahrheit.
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

© Daniel Novotny
Haben Sie auch das Gefühl, alles liege im Argen? Also wenn Sie jetzt aus dem Fenster schauen, dann sieht es vielleicht nicht wirklich, nicht ganz danach aus. Aber dennoch. Irgendwie. Das Gefühl lässt sich nicht abweisen, wie es Gefühle eben so an sich haben. Die sind hartnäckig, die Gefühle. Und man soll ihnen nicht mit Beweisen kommen. Die sauberen Straßen, die Müllabfuhr, der Sozialstaat. Bei der gefühlten Realität ist es wie bei der gefühlten Temperatur. Das Thermometer mag Wärme anzeigen - das gefühlte Frieren ist wahrer. Es gibt ein neues Wort für diesen Zustand. Das Wort heißt "postfaktisch". Wenn Sie also das Gefühl haben, alles liege im Argen, dann sind Sie angekommen. Mitten im politischen Geschehen.

Nehmen wir etwa das Referendum der ungarischen Regierung zur "Zwangsansiedlung" von Flüchtlingen, wie die EU-Verteilungsquote dort genannt wird. Das Referendum hat das nötige Quorum von 50 Prozent Beteiligung deutlich verfehlt und war demnach ungültig. Viktor Orban aber sprach von einem "großartigen Sieg".

Postfaktisch hat er recht. Denn der Nationalismus, den das Referendum beschwören sollte, ist ein Nationalismus neuer Art. Die Nation war immer schon eine "imagined community" (Benedict Anderson). Eine vorgestellte Gemeinschaft. Aber es war eine Vorstellung, die reale Gegebenheiten, institutionelle, politische, begleitet hat. Heute hingegen erleben wir das Auftauchen eines Nationalismus neuer Art - das Auftauchen einer postfaktischen Nation. Also einer Nation, die sich jenseits des Faktischen - jenseits von institutionellen oder politischen Gegebenheiten - behauptet. Ein Nationalismus, der unberührt vom Einspruch der Realität bleibt. Dieser gegen und jenseits der Fakten situierte Nationalismus hat nur ein Medium, in dem er sich realisiert: im Gefühl. Als gefühlte Nation. Gefühl ist die neue Realität. Und wenn man sich ansieht, welches Gefühl der Königsweg zu dieser Nation ist, dann ist es eindeutig die Erregung. Es ist Wut, es ist Hass, es ist Angst - aber grundlegend ist es Erregung. Ein erhöhter Tonus.

Die neue Nation ist also eine Erregungsgemeinschaft. Das ist das Verbindende, das Gemeinsame, ja das Ansteckende. Hier, in der Erregung finden sie zueinander. Deshalb muss der Pegel der Erregung konstant hochgehalten werden. Deshalb ist das Hauptziel der neo-nationalen Politik, das Emotionsniveau zu halten. Und genau das ist in Ungarn gelungen. Das ist Orbans "großartiger Sieg" - die Erregungsgemeinschaft. Postfaktische Politik - wir kennen das auch hierzulande ja nur zu gut - ist Politik, die an faktische Politik nur angelehnt ist. Worin besteht diese Anlehnung? Sie besteht darin, faktische Politik zum Anlass zu nehmen. Zum Anlass für immer neue, immer wieder aufflammende Erregung. Alles kann zum Anlass werden.

Aber diese neue Art von Politik ist nicht nur emotional, dieser neue Nationalismus ist nicht nur postfaktisch. Er schwebt nicht nur in Gefühlswelten. Er erzeugt vielmehr auch ganz handfeste Fakten. Postfaktische Politik ist also zugleich auch präfaktische Politik. Vom Brexit bis zur flüchtlingsfreien Zone. Und das ist die wahre Bedeutung vom Gefühl als neuer Realität.

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Postfaktische Politik

Der Begriff postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem evidenzbasierte Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.

Im Jahr 2012 fasste der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo diesen Ansatz in der Forderung zusammen: „Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber niemand hat das Recht auf eigene Fakten.“ Er umschrieb post-truth politics als eine wahrheitsunabhängige Politik, in der Meinung und Tatsachen verschwimmen und in der ganz nebenbei die Errungenschaften der Aufklärung auf der Strecke blieben.

Im Jahr 2013 identifiziert Thomas Assheuer in einem Artikel in Die Zeit Elemente der Post-Politik in den Wahlkampfaussagen der politischen Parteien. Kontroversen um Ideen und Gesellschaftsentwürfe würden nicht mehr stattfinden, die Politik würde nur noch als „Produkt“ beworben. Er übersetzte „post-truth politics“ mit „Postpolitik“ und „Postdemokratie“.

Der Economist schreibt im September 2016, dass die gezielte politische Lüge nicht der zentrale Punkt postfaktischer Politik sei. Der Gebrauch einer politischen Lüge schließe die Tatsache ein, dass es eine Wahrheit gebe und dass der Lügner sie kenne. Beweise, Widerspruchsfreiheit und die Wissenschaft seien eine politische Macht in einem normalen politischen Diskurs. Inzwischen würden diese Kategorien jedoch eine zunehmende Anzahl Menschen im öffentlichen Diskurs nicht mehr interessieren. Es gebe eine Verschiebung hin zu einem Verständnis von Politik, bei welchem Gefühle Fakten übertrumpfen würden. Wenn die Distanz zwischen dem, was sich wahr anfühle, und dem, was wahr sei, zu groß würde, würde diese Distanz zudem häufig der Einfachheit halber mit einer Verschwörungstheorie überbrückt. In einigen Fällen würde die Konfrontation mit den Fakten paradoxerweise dazu führen, dass das Festhalten an der fehlerhaften Aussage sogar bestärkt würde (siehe auch Bestätigungsfehler).

Ebenfalls im September 2016 sieht wiederum ein Zeit-Autor eine Verschiebung der deutschen Politik in Richtung post-truth. Er beschreibt die originäre politische Debatte als eine Auseinandersetzung, in der um Handlungsalternativen auf Basis von Fakten gerungen wird, nicht aber um die Fakten selbst, und schlägt eine Rückkehr zu einer strikten Trennung von Fakten und politischer Argumentation vor.

Der Autor Christian Schwägerl beschreibt in einem Artikel für das Magazin Yale Environment 360 die Angriffe auf die Wissenschaft als globale, ansteckende Krankheit, welche von den Akteuren postfaktischer Politik ausgehe:

“There are […] examples in both Europe and the U.S. of how a wave of "post-fact" politics is endangering science-driven progress.”

„Es gibt […] Beispiele in Europa und den USA, wie eine Welle der postfaktischen Politik den wissenschaftlich fundierten Fortschritt gefährdet.“

– Christian Schwägerl: Yale Environment 360
Als Beispiele führt er die Leugnung des Klimawandels und die Verweigerung einer evidenzbasierten gemeinsamen Fischereipolitik in der EU durch britische Politiker an. Evidenzbasiert bedeutet, dass Entscheidungen durch den gewissenhaften, ausdrücklichen und umsichtigen Gebrauch der aktuell am besten fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse getroffen werden. Wenn die Bewegung des postfaktischen Denkens gewönne, dann würde die Welt einer rein ideologisch bestimmten Zukunft entgegensehen, so Schwägerl.

Während einige Kommentatoren ein postfaktisches Zeitalter proklamieren, werten andere das Phänomen nicht als neu. Hannah Arendt schrieb schon in ihrem 1955 auf deutsch erschienenen Werk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: „Die Mentalität moderner Massen vor ihrer Erfassung in totalitären Organisationen ist nur zu verstehen, wenn man die Durchschlagskraft dieser Art Propaganda voll in Rechnung stellt. Sie beruht darauf, daß Massen an die Realität der sichtbaren Welt nicht glauben, sich auf eigene, kontrollierbare Erfahrung nie verlassen, ihren fünf Sinnen misstrauen und darum eine Einbildungskraft entwickeln, die durch jegliches in Bewegung gesetzt werden kann, was scheinbar universelle Bedeutung hat und in sich konsequent ist. Massen werden so wenig durch Tatsachen überzeugt, daß selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen.“ Der Philosoph Jason Stanley schreibt in einem Artikel für die New York Times dazu, dass das Ziel totalitärer Propaganda demnach sei, ein Erklärungsmodell anzubieten, welches in sich konsistent und einfach zu verstehen sei. Ein erklärtes Ziel totalitärer Propaganda sei es, die Realität zu verzerren – teilweise allein als Machtdemonstration. Diese Kraft zur offensichtlichen Verzerrung der Realität sei sowohl die größte Stärke als auch die größte Schwäche. Wichtig sei es auch heute diese Wirkmechanismen genau zu verstehen und zu benennen.

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 Das postfaktische Zeitalter
Wenn Tatsachen ignoriert werden

Donnerstag, 29. September 2016, 6:10 Uhr
 (Bild: dpa / Collage: hr)
Ein neuer Begriff kommt in Mode: postfaktisch. Das Phänomen als solches ist kein neues – dass nämlich Fakten gegenüber Gefühlen eine untergeordnete Rolle spielen. Es scheint aber mehr und mehr um sich zu greifen, und immer mehr Politiker bedienen genau das. Welche Konsequenzen hat das für die Politik?
 
Von Ariane Focke

Es sind Zeiten, in denen Gefühle wie Hass, Wut und Angst mehr zählen als blanke Zahlen, Statistiken und Fakten. Und es ist die Zeit für populistische Parolen, die genau diese Grundstimmung aufgreifen und der scheinbaren Hilflosigkeit ein "Gefühl" verleihen. "Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese, der über drei Jahre da ist", sagte kürzlich etwa CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, "weil den wirst du nie wieder abschieben." Das ist also das Schlimmste für Scheuer: Ein gut integrierter Senegalese, der auch noch Christ ist. 
 
"Das, was man fühlt, ist auch Realität"

Im Übrigen ist Scheuer Generalsekretär jener CSU, die fordert, Einwanderer aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis sollen bevorzugt werden. Es ist eben dieses Gefühl, worauf es ankommt - nicht nur bei Andreas Scheuer. Auch bei der AfD und ihrem Vorsitzenden in Berlin, Georg Pazderski: "Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht da drum, wie das der Bürger empfindet. Das heißt also das, was man fühlt, ist auch Realität." Die große Koalition hat das Asylrecht massiv verschärft, die Flüchtlingszahlen sinken, Deutschland steht wirtschaftlich bestens dar. Alles obsolet, denn jetzt sind scheinbar Gefühle Realität. 
 
Auch Merkel versucht es mit Gefühl

Eine Tatsache, der sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr entziehen kann. "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten", sagte sie neulich nach der Berlin-Wahl. "Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen. Und das Gefühl einiger geht so, ich triebe unser Land in die Überfremdung, Deutschland sei bald nicht mehr wiederzuerkennen." 

Fakten kann sie herunterbeten, mit Gefühlen tut sie sich dann doch schwerer. Sie, die stets wohlüberlegte, immer sachlich argumentierende Angela Merkel. Und dennoch versucht sie es nun mit mehr Gefühl: "Ich will dem also meinerseits mit einem Gefühl begegnen: Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser – zugegeben komplizierten Phase – besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind." 
 
Ist das die Antwort an die Menschen, die die etablierten Parteien scheinbar nicht mehr erreichen? Die unzufrieden sind und sich im Stich gelassen fühlen? Mehr Gefühl?! Die Bundestagswahl im kommenden Jahr wird es zeigen, ob es reicht, "postfaktisch" zu agieren und im wahrsten Sinne des Wortes den Gefühlen freien Lauf zu lassen. 

Wissenswert: Postfaktisch 

Von Metin Fakioglu 

Schon der griechische Philosoph Epiktet hatte festgestellt: Nicht die Tatsachen bestimmen über das Zusammenleben, sondern die Meinungen über die Tatsachen. Das Wort postfaktisch ist eine Zusammensetzung aus "post", also nach oder danach, und "Fakt" für Tatsache - also "nachfaktisch", was so viel heißen will wie: sich von Emotionen, von Gesichtern und Gefühlen leiten lassen, die Fakten spielen dabei keine so große Rolle. 

Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, stören 

Daraus entsteht dann die Gefühlsdemokratie, von der zurzeit immer häufiger die Rede ist. Das Wissen und die wahren Gegebenheiten, die historischen Ursachen und die Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen: das alles zählt nicht. In der postfaktischen Wahrnehmung stören Fakten, die nicht ins eigene Weltbild passen, man will die Tatsachen eigentlich nicht so genau wissen. "Das, was man fühlt, ist auch Realität", ist ein typischer postfaktischer Satz. Aus der Politik weiß man, dass Diktatoren und Demagogen sich gerne dieser Methode bedienen, die Wahrheit wird für die eigene Ideologie zurechtgebogen. Die Folge: viel menschliches Leid, unschuldige Opfer und Zerstörung. 

Ritter von der traurigen Gestalt unserer Zeit 

Aus der Psychopathologie könnte man die Umschreibung 'verzerrte Realitätswahrnehmung' benutzen. Und vielleicht, wenn man will, aus der Literatur Anleihen machen bei Cervantes: Don Quijote hält Hammelherden für mächtige Heere, die er attackiert; er meint, eine Barbierschüssel sei ein wertvoller Helm; und er ficht einen blutigen Kampf mit Schläuchen, in denen nur roter Wein fließt. Postfaktische Menschen sind in gewisser Weise also die Ritter von der traurigen Gestalt unserer Zeit.

 

Mehr zum Thema

"Das Thema" als Podcast:
http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=47580
"Das Thema" in der Übersicht:
http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=54199
Warum Fakten nicht mehr zählen - Gespräch mit dem Medienwissenschaftler Professor Jochen Hörisch:
http://www.hr-online.de/website/radio/hr-info/index.jsp?rubrik=47572&key=standard_document_62108402

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«Das postfaktische Zeitalter»
Eduard Kaeser
Es gibt Daten, Informationen und Fakten. Wenn man mir eine Zahlenreihe vorsetzt, dann handelt es sich um Daten: unterscheidbare Einheiten, im Fachjargon: Items. Wenn man mir sagt, dass diese Items stündliche Temperaturangaben der Aare im Berner Marzilibad bedeuten, dann verfüge ich über Information – über interpretierte Daten. Wenn man mir sagt, dies seien die gemessenen Aaretemperaturen am 22. August 2016 im Marzili, dann ist das ein Faktum: empirisch geprüfte interpretierte Daten.
Dieser Dreischritt – Unterscheiden, Interpretieren, Prüfen – bildet quasi das Bindemittel des Faktischen, «the matter of fact». Wir alle führen den Dreischritt ständig aus und gelangen so zu einem relativ verlässlichen Wissen und Urteilsvermögen betreffend die Dinge des Alltags. Aber wie schon die Kurzcharakterisierung durchblicken lässt, bilden Fakten nicht den Felsengrund der Realität. Sie sind kritikanfällig, sowohl von der Interpretation wie auch von der Prüfung her gesehen. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Es kann durchaus sein, dass man uns zwei unterschiedliche «faktische» Temperaturverläufe der Aare am 22. August 2016 vorsetzt.
 

Was nun? Wir führen den Unterschied zum Beispiel auf Ablesefehler (also auf falsche Interpretation) zurück oder aber auf verschiedene Messmethoden. Sofort ist ein Deutungsspielraum offen. Nietzsches berühmtes Wort hallt wider, dass es nur Interpretationen, keine Fakten gebe. Oder wie es im Englischen heisst: «Facts are factitious» – Fakten sind Artefakte, sie sind künstlich.
Diese Ansicht ist quasi das Amen des postmodernen Denkens. Und als besonders tückisch an ihr entpuppt sich ihre Halbwahrheit. Es stimmt, dass Fakten oft das Ergebnis eines langwierigen Erkenntnisprozesses sind, vor allem heute, wo wir es immer mehr mit Aussagen über komplexe Systeme wie Migrationsdynamik, Meteorologie oder Märkte zu tun bekommen. Der Interpretationsdissens unter Experten ist ja schon fast sprichwörtlich. 
Als eine regelrechte Sumpfblüte aus dem Szenario des «Bullshits» präsentiert sich der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump.
Aber Künstlichkeit des Faktischen bedeutet nun gerade nicht Unverbindlichkeit. Dieser Fehlschluss stellt sich nicht nur für die Erkenntnistheorie als ruinös heraus, sondern vor allem auch für die Demokratie. Zur Erläuterung benütze ich drei politische Szenarien: jenes der Wahrheit, jenes der Macht und jenes des «Bullshits».
Im Szenario der Wahrheit überprüfen wir eine Aussage, bis wir den robusten Konsens für einen Entscheid gefunden haben: Die Aussage ist wahr oder falsch, tertium non datur. Lügner werden überführt, wie US-Aussenminister Colin Powell, der 2003 in der Uno die Intervention im Irak mit falschen faktischen Behauptungen begründete. Dieser Makel haftet ihm bis heute an. Dies gerade auch – und das muss man ihm zugutehalten –, weil Powell das Szenario der Wahrheit anerkennt. George W. Bush und seine Kamarilla im Irakkrieg etablierten dagegen das Szenario der Macht.
Ron Suskind, Journalist bei der «New York Times», zitierte 2004 einen Chefberater der Regierung Bush. «Er sagte, Typen wie ich gehörten, wie das genannt wurde, der ‹realitätsbasierten› Gemeinschaft an», schreibt Suskind. Aber so funktioniere die Welt nicht mehr: «Wir sind jetzt ein Weltreich», so der Berater, «und wenn wir handeln, schaffen wir unsere eigene Realität. Und während Sie in dieser Realität Nachforschungen anstellen, handeln wir schon wieder und schaffen neue Realitäten, die Sie auch untersuchen können, und so entwickeln sich die Dinge. Wir sind die Akteure der Geschichte, und Ihnen, Ihnen allen bleibt, nachzuforschen, was wir tun.»
Als eine regelrechte Sumpfblüte aus dem Szenario des «Bullshits» präsentiert sich der gegenwärtige republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Mit demonstrativer Schamlosigkeit produziert er Unwahrheiten und Widersprüche und schert sich einen Dreck um die Folgen. Paradoxerweise macht ihn diese Unglaubwürdigkeit umso glaubwürdiger, weil er sich im «Bullshit» geradezu suhlt. Er tritt auf mit dem Habitus: Seht doch, ich bin der, als den ihr Politiker schon immer sehen wolltet – ein Behaupter, Wortverdreher, Lügner! Ich bin nur ehrlich – ehrlich unehrlich! Das postfaktische Zeitalter lässt sich nun einfach dadurch charakterisieren, dass in ihm das Szenario der Wahrheit gegenüber den beiden anderen Szenarien immer mehr an Gewicht verliert.
Demokratie ist der politische Raum, der uns das Recht für das Fragen und Prüfen gibt. In ihm beugt sich die Macht dem Argument, nicht das Argument sich der Macht.
In der digitalen Welt wird es schwieriger, zu überprüfen, was wahr ist und was nicht. Ein Permaregen von Informationen lässt uns fast nichts anderes übrig, als allmählich auf Standards wie Objektivität und Wahrheit zu verzichten. An die Stelle des Faktums tritt das Faktoid. Die sozialen Netzwerke tragen das Ihre zum Bestätigungsbias bei, das heisst zur Neigung, nur das als «Faktum» zu akzeptieren, was man ohnehin schon glaubt. Winston Smith in Orwells «1984» wird durch Folter dazu gebracht, zu glauben, dass zwei und zwei fünf ist. Der Punkt, so erläutert der Folterer, sei, dem Gefolterten klarzumachen, dass es keine Wahrheit ausser der von der Partei verkündeten gibt.
Heute brauchen wir keine Folterer, wir haben Politiker wie Trump und seine Spin-Doctors. Gewöhnen wir uns an sie, verlieren wir die Basis unserer Kritikfähigkeit, also unseren Faktenbezug. «Das Furchtbare», heisst es bei Orwell, «war nicht, dass sie einen umbrachten, wenn man anders dachte, sondern dass sie vielleicht recht hatten.» Am Ende sind wir nicht mehr sicher, ob zwei und zwei vier ergibt. Genau eine solche Verunsicherung bezweckt der «Bullshitter».
Der Appell an die Wahrheit – so altväterisch er klingen mag – ist überlebenswichtig für demokratische Gesellschaften. Sie benötigen das Tribunal der Fakten, das heisst Institutionen, die stark und neutral genug sind, dem Bürger eine tragfähige Basis für seine Entscheidungen zu garantieren. Traditionell sind dies Universitäten, Statistikbehörden, Medien. Das Vertrauen in sie schwindet heute stetig. Die Verdrossenheit gegenüber den Modellen, Analysen, Prognosen der Experten tendiert dazu, dass sich nun jeder zum Experten erklärt. Das Zeitalter des Postfaktischen ist auch eines des Postexpertentums. Wenn aber jeder recht hat, hat niemand recht. Wo die Leitplanken des Faktischen demontiert werden, beginnt die Wildbahn der Stimmungsmache.
Es schlägt die Stunde der Dogmatiker, Demagogen und Dummschwätzer. Der britische politische Ökonom Will Davis schrieb kürzlich mit Blick auf den Brexit: «Wir haben nicht mehr stabile, ‹faktische› Darstellungsweisen der Welt, vielmehr noch nie da gewesene Sensoren und Monitoren dafür, was wo hochkocht, wer was fühlt, was die allgemeine Stimmung ist. (…) Marktprognosen sind kaum mehr als eine Sammeldarstellung der (…) Gefühle und Stimmungen, die man auch über Twitter entdecken kann. Ihr Hauptanliegen ist nicht das Mitteilen von Wahrheit, sondern das Aufzeichnen von Launen.»
Bewirtschaftung von Launen: Das ist die politische Verlockung des postfaktischen Zeitalters. Ihr kommt die Internetgesellschaft als «Nichtwissenwollengesellschaft» entgegen. Wir fragen nicht, wie man objektives Wissen gewinnt und wie es begründet ist. Wir googeln. Wir haben die Suchmaschine bereits dermassen internalisiert, dass wir Wissen und Googeln gleichsetzen.
Das führt zum gefährlichen Zustand erkenntnistheoretischer Verantwortungslosigkeit. Google-Wissen ist Wissensersatz. Es treibt uns das «Sapere aude» Kants aus: Wagnis und Mut, nach Gründen zu fragen, eine Aussage zu prüfen, bis wir herausgefunden haben, ob sie stimmt oder nicht. Demokratie ist der politische Raum, der uns das Recht für dieses Fragen und Prüfen gibt. In ihm beugt sich die Macht dem Argument, nicht das Argument sich der Macht. Allein schon indem man dies ausspricht, muss man zugeben, dass von einem gefährdeten Ideal die Rede ist. Die Zersetzung der Demokratie beginnt mit der Zersetzung ihrer erkenntnistheoretischen Grundlagen. Das heisst, sie ist bereits im Gange. Zeit, dass wir uns bewusstmachen, was auf dem Spiel steht.
Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschien im Verlag Rüegger der Band «Trost der Langeweile. Die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten» (2014).
22.8.2016, NZZ