Montag, 3. Dezember 2018

Digitale Bilderwelten

Die andauernde Informationsflut zwischen Fake News und minimalem Wahrheitsgehalt injiziert uns eine tägliche Dosis Albtraum. Besonders in der Politik können Informationen und Pressebilder für die Willenslenkung benutzt werden oder lassen die Arroganz der Weltmacht als monströse Fratze aufblitzen. Damit haben uns die Bilder, die letztlich einer eigenen Logik folgen, ihre Macht als Vierte Gewalt bewusst gemacht. Besonders angesichts von Bildabfolgen, die durch extrem kurze Schnitte enorm beschleunigt sind, wird es für den Betrachtenden unmöglich, diese gegeneinander abzugrenzen. Er kann die einzelnen Bilder nicht mehr festhalten, da die folgenden diese sogleich wieder überblenden. Er verliert unter diesen Voraussetzungen jede Autonomie gegenüber den Bildern, ist ihnen passiv ausgeliefert und wird von ihnen manipuliert – sofern er sich ihnen nicht verweigert. Dies umso mehr, als sich Bilder als überzeugender erweisen als jedes sprachlich vorgetragene Argument. Denn mit der Digitalisierung der Bilder sind die technischen Möglichkeiten, Bilder in eine gewünschte Richtung zu manipulieren, sehr viel einfacher geworden. Dies kann soweit gehen, dass wir die Wirklichkeit von der Bilderwelt nicht mehr unterscheiden können.

Donnerstag, 21. Dezember 2017

Weihnachten - nachgedacht

Weihnachtliche Leerformeln: Erlösung, Heil und Rettung…

„Weihnachten hat doch irgendetwas mit dem Christentum zu tun“: Mit diesem Satz formulieren die meisten Menschen in Europa, so Umfrageergebnisse, ihre Antwort auf die Frage: „Was denn nun eigentlich am 24. Dezember oder 25. Dezember gefeiert wird?“. Man gestaltet also ein Fest, dessen Anlass und Inhalt man nicht kennt. Kann man den Menschen, oft noch Kirchenmitgliedern, Vorwürfe machen, dass sie so wenig wissen von Weihnachten? Dass sie zwar manchmal noch an Heiligabend in den Kirchen die uralten Lieder singen mit dem Inhalt „Christ, der Retter ist da“ usw.. Aber es bleibt wohl nur eine ferne diffuse Sehnsucht nach einem Retter, der möglicherweise – wie ein anderes Lied bekennt – aus Himmelshöhen herab auf Erden gekommen ist. Dabei hat das Weihnachts-Fest mehr zu bieten als diffuse Gefühle, wenn man denn die Geburt dieses Jesus von Nazareth als Geburt eines “erlösenden Vorbilds” betrachtet.

Die Frage darf philosophisch und theologisch nicht verdrängt werden : Bricht mit Weihnachten die Erlösung an und das endgültige Heil? Hat das „Heils“ – Versprechen des christlichen Glaubens irgendetwas mit der Erfahrung der Menschen in der Welt zu tun?

Blicken wir um uns und in die Welt: Wo bitte ist da Erlösung sichtbar und spürbar? Herrscht nicht allgemeine Unvernunft? Sind denn nicht so viele Politiker und Wirtschaftsbosse kaum noch zurechnungsfähig?

Dass so viele, selbst ursprünglich noch kirchlich gebildete Menschen dann nicht wissen und vor allem nicht innerlich erfahren, was Weihnachten heißt, ist meines Erachtens Schuld der Kirchen. Sie haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Bilder der alten Weihnachtslieder und Weihnachtsmythen in den Evangelien einfach so stehen lassen und sie in den Predigten dann nur nacherzählt, ohne diese Mythen zu entmythologisieren. Entmythologisieren bedeutet ja bekanntlich: Den (kleinen) wahren und gültigen Kern der Weihnachtsmythen in nachvollziehbarer, allgemeiner und deswegen vernünftiger Sprache auszusagen.

Was wäre ein allgemeiner, vernünftiger Kern des Weihnachtsfest: Jesus von Nazareth ist als Mensch Inspiration und Vorbild für die eigene Lebensgestaltung. Seine Botschaft: Lebe selbst dein Leben, lass es nicht von anderen gelebt werden. Überprüfe Gesetze und Vorschriften, ob sie dem sinnvollen Lebensentwurf in Freiheit entsprechen. Und vor allem: Lebe die Liebe, zu dir, deinen Nächsten, liebe die Welt, sie ist erhaltenswert und liebe den Sinn deines Lebens. Darin kann sich das Göttliche zeigen. Dann werden Momente der Befreiung, der “Rettung”, erfahrbar, dann ist Weihnachten nicht mehr eine leere Behauptung von Erlösung.

Jesus von Nazareth nahm für diesen Lebensentwurf in Freiheit und Gehorsam nur dem eigenen Gewissen gegenüber (darin hörte er die Sprache des Unendlichen, Gottes) sogar in Kauf, zu scheitern, also getötet zu werden von Menschen, die absolut an unsinnige Gesetze und Vorschriften gebunden waren. Darin ist sein qualvoller Tod doch irgendwie noch ähnlich zum gesammelten, eher friedvollen Tod des Sokrates.

Diesen Jesus als inspirierendes Vorbild gilt es Weihnachten zu feiern.

Vergessen sind die mittelalterlichen hoch komplizierten, von Theologen konstruierten Lehren, Jesus sei gekommen, um Gott Vater mit der heillos sündigen Menschheit zu versöhnen, indem er sich am Kreuz abschlachten lässt. Wenn diese Idee stimmt und die Versöhnung durch den Tod Jesu tatsächlich objektiv stattgefunden hat, dann „müssten die Christen mindestens erlöster aussehen“, wie Nietzsche sagte. Diese Versöhnungs-Theorie ist graue Theorie, die niemanden bewegt. Denn angeblich, so diese „ontologische These“, ist ja das Entscheidende objektiv, sozusagen göttlich, geschehen. Was muss da der Mensch noch tun?

Ist hingegen Jesus ein Vorbild von humanen und gerechten Lebensentwürfen, dann sind der einzelne und die Gemeinschaft in der tätigen Praxis gefordert. Dies ist keine Last. Sondern ein freier Lebensvollzug! Da wird es in dem Sinne absolut wichtig, sozusagen vom Göttlichen (im Gewissensspruch) so gewollt, dass die Menschenrechte respektiert werden, dass eine Kultur des Respektes entsteht, der Achtsamkeit für die eigene Seele und die Seele der anderen. Und natürlich für den “Leib”, also für die menschenwürdige Existenz in einer Gesellschaft, die den Namen Demokratie tatsächlich verdient. Mit Jesus von Nazareth wird förmlich der Blick in eine humane Gegenkultur eröffnet, jenseits von Gier, Effektivitäts – Zwängen, Unruhe und blinder Herrschaft. Diese moderne Gesellschaft nannte Hegel den „Atheismus der sittlichen Welt“, also den Atheismus, der in Gesetz und Brauchtum sich verfestigt hat und keine Öffnung auf Transzendenz mehr zulässt….

Das wäre im richtigen Sinne Weihnachten bzw. eine religiöse und kirchliche Weihnachtsfeier: Menschen aller denkbaren humanen Weltanschauungen im Sinne der Menschenrechte, kommen zu einer Feier zusammen und sprechen über ihr Leben. Sie feiern, tanzen, singen, speisen, trinken. Hören Musik und Poesie, eben auch Geschichten aus der Bibel. Und verpflichten sich, bei einer späteren Feier Weiteres zu bedenken, auch auf einen politischen Weg zu kommen im Sinne einer ökologisch lebensfähigen fairen Welt…In jedem Fall wäre zu bedenken: Dass Jesus von Nazareth aus einem grenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Lebens lebte, dass er die Erfahrung machen konnte und weitergeben wollte: Bedenkt, dass wir Menschen „immer schon“ in einem alles gründenden, nicht zu umgreifenden Sinn-Horizont leben. Man könnte dies eine Form von metaphysischer Geborgenheit nennen. Sie hat nichts mit Weltflucht zu tun. Diese Sinnerfahrung sich selbst und anderen zu erschließen, ist wohl das, was Weihnachten unter Erlösung und Rettung verstehen sollte.

Aber diese neue “Weihnachts – Praxis” wird auch in diesem Jahr zu Weihnachten nicht stattfinden. Die Kirchen und ihre Pfarrer können sich zu keiner Unterbrechung der üblichen Weihnachtsfestivitäten, mysteriösen Liedern und Gottesdiensten entscheiden. Ein Freund sagte mir treffend: “Das ist alles theatralisches Trallala. Das ist gepflegte Regression”. Die Kirchen fürchten halt, die Leute treten bei radikalen Neuansätzen aus der Kirche aus und zahlen nicht mehr für die Fortsetzung des üblichen Kirchenbetriebes.

Also weiter so, selbst wenn sogar viele Gottesdienstteilnehmer dann immer noch nicht wissen, wo denn nun diese verheißene Erlösung spürbar ist. Da komme mir keiner mit dem Hinweis, zu Weihnachten werde die Befreiung von der Erbsünde als Tat der Erlösung gefeiert. Diese Erbsündenlehre ist, das sagen Religionswissenschaftler und Historiker, eine kirchliche Ideologie, sie wurde von Augustinus mit Macht durchgesetzt, um den Menschen Angst und Schrecken einzujagen und um den Zwang zu untermauern, dass alle Menschen getauft, d.h. missioniert bzw. kolonisiert werden müssen. An die Befreiung von der Erbsünde glaubt Gott sei Dank fast niemand mehr, auch nicht zu Weihnachten. Das Böse in dieser Welt muss allein durch den Egoismus der Menschen erklärt werden, nicht mit Adam und Eva… Da heißt ja auch, dass sich jeder Mensch auch als fehlerhafter und schuldhafter Mensch begreift. Aber dazu braucht man keine Ideologie der Erbsünde…

Zurück zum Weihnachtsfest bzw. jetzt wohl nur noch Weihnachts – Kommerz -Trubel: Die Menschen brauchen offenbar die Regression in naive kindliche Welten, sie brauchen das Lametta, das „O du fröhliche“ (wer kann da fröhlich sein angesichts von Trump und Co ?), „Leise rieselt der Schnee“ und „Still und starr liegt der See“ (könnte auch eine Horrormeldung sein, man denke an den sehr stillen und starren ökologisch vernichteten Aral-See). Aber wo sind die Grenzen der Regression? Wann wird religiöse Regression zum betäubenden Opium? Brauchen wir Opium, um diese Welt zu ertragen? Warum vertrauen wir der Vernunft nichts mehr zu?

Aber, wie gesagt, Weihnachten hätte Sinn, wenn man sich auf die elementare Erfahrung allein und gemeinsam bezieht: Jesus von Nazareth als inspirierendes Vorbild kann wie ein Gottesgeschenk gelten. Er öffnet den Weg in ein Leben, das zum Sein führt und das Haben verhindert, um einmal die bekannten Begriffe von Erich Fromm zu gebrauchen. Nebenbei: Es gibt freilich noch andere inspirierende Vorbilder in der Religionsgeschichte und Kulturgeschichte. Aber zu Weihnachten denken wir nun einmal an den Menschen Jesus von Nazareth.

PS: Es wäre zynisch zu meinen, dass sich Rettung und Erlösung an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen sozusagen in der übertriebenen und kaum zu bremsenden bürgerlichen Festtagsfreude abspielen. Weihnachten wäre dann ein Fest, das die Begüterten an drei Tagen besonders glücklich macht und die vielen anderen leer ausgehen lässt. Das ist zwar die Situation unserer Welt heute. Aber so muss es ja nicht bleiben…

Donnerstag, 10. August 2017

1947 - 2017 Siebzig Jahre Darmstädter Wort

Darmstädter Wort

Das Darmstädter Wort zum politischen Weg unseres Volkes war ein Bekenntnis in der Tradition der Bekennenden Kirche. Es wurde am 8. August 1947 vom Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland herausgegeben und von den Theologen Hans Joachim Iwand und Karl Barth verfasst. Anders als das Stuttgarter Schuldbekenntnis benannte es konkrete Irrwege der Kirchen, die dem Nationalsozialismus mit den Weg zur Macht ebneten.

Wort zum politischen Weg unseres Volkes

1. Uns ist das Wort von der Versöhnung der Welt mit Gott in Christus gesagt. Dies Wort sollen wir hören, annehmen, tun und ausrichten. Dies Wort wird nicht gehört, nicht angenommen, nicht getan und nicht ausgerichtet, wenn wir uns nicht freisprechen lassen von unserer gesamten Schuld, von der Schuld der Väter wie von unserer eignen, und wenn wir uns nicht durch Jesus Christus, den guten Hirten, heim rufen lassen auch von allen falschen und bösen Wegen, auf welchen wir als Deutsche in unserem politischen Wollen und Handeln in die Irre gegangen sind.

2. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne. Dadurch haben wir dem schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht den Weg bereitet und unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt. - Es war verhängnisvoll, daß wir begannen, unseren Staat nach innen allein auf eine starke Regierung, nach außen allein auf militärische Machtentfaltung zu begründen. Damit haben wir unsere Berufung verleugnet, mit den uns Deutschen verliehenen Gaben mitzuarbeiten im Dienst an den gemeinsamen Aufgaben der Völker.

3. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, eine christliche Front aufzurichten gegenüber notwendig gewordenen Neuordnungen im gesellschaftlichen Leben der Menschen. Das Bündnis der Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer an uns gerächt. Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert. Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen.

4. Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichts gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten im politischen Leben und mit politischen Mitteln bilden zu müssen. Damit haben wir das freie Angebot der Gnade Gottes an alle durch eine politische, soziale und weltanschauliche Frontenbildung verfälscht und die Welt ihrer Selbstrechtfertigung überlassen.

5. Wir sind in die Irre gegangen, als wir übersahen, dass der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde für das Leben und Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen. Wir haben es unter lassen, die Sache der Armen und Entrechteten gemäß dem Evangelium von Gottes kommendem Reich zur Sache der Christenheit zu machen.

6. Indem wir das erkennen und bekennen, wissen wir uns als Gemeinde Jesu Christi freigesprochen zu einem neuen, besseren Dienst zur Ehre Gottes und zum ewigen und zeitlichen Heil der Menschen. Nicht die Parole: Christentum und abendländische Kultur, sondern Umkehr zu Gott und Hinkehr zum Nächsten in der Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu Christi ist das, was unserem Volk und inmitten unseres Volkes vor allem uns Christen selbst Not tut.

7. Wir haben es bezeugt und bezeugen es heute aufs neue: Durch Jesus Christus widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Darum bitten wir inständig: Lasst die Verzweiflung nicht über euch Herr werden, denn Christus ist der Herr. Gebt aller glaubenslosen Gleichgültigkeit den Abschied, lasst euch nicht verführen durch Träume von einer besseren Vergangenheit oder durch Spekulationen um einen kommenden Krieg, sondern werdet euch in dieser Freiheit und in großer Nüchternheit der Verantwortung bewusst, die alle und jeder einzelne von uns für den Aufbau eines besseren deutschen Staatswesens tragen, das dem Recht, der Wohlfahrt und den inneren Frieden und der Versöhnung der Völker dient.

Dienstag, 17. Januar 2017

Resonanz - Kritische Betrachtungen zum Weltverhältnis

Hartmut Rosa: "Resonanz" Antwort auf die kapitalistische Entfremdung

Von Hannah Bethke

Plakat an einem Berliner Haus: "Markt oder Mensch?" (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
"Mensch oder Markt?": Diese Frage bewegt den Jenaer Soziologen Hartmut Rosa (dpa/picture alliance/Paul Zinken)
Der Soziologe Hartmut Rosa setzt in seinem neuen Werk auf "Resonanz" - die ist seiner Ansicht nach der richtige Weg, um der Steigerungslogik des Kapitalismus zu begegnen. Unsere Rezensentin Hannah Bethke hat einen "brillanten Neuentwurf einer lebendigen Kritischen Theorie" gelesen.

Dass unser Umgang mit Zeit der Schlüssel zum Verständnis der modernen Gesellschaft ist, hat vielleicht keiner so anschaulich dargelegt wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa. Sein Buch "Beschleunigung" beschreibt Prozesse der fortschrittsbedingten Dynamisierung, die die Zeitstrukturen der Gesellschaft so verändert, dass diese permanent einer Steigerungslogik unterliegt.

Beschleunigung ist das Problem, Resonanz die Lösung

Wenn also Beschleunigung das Problem ist, ist dann Verlangsamung die Lösung? Nein, erklärt Rosa in seinem neuen Buch - sondern Resonanz.

Resonanz ist laut Rosa ein Beziehungsmodus, in dem gegenseitige Schwingungen erzeugt werden. Relational sei Resonanz nicht nur im äußeren Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt, sondern auch im inneren zwischen seinem Körper und seiner Psyche. Wenn Körper und Seele oder Mensch und Umwelt miteinander in Einklang gebracht werden, entstehe ein Resonanzraum.

Die dem Beschleunigungsprozess innewohnende "Eskalationstendenz" habe die Stellung des Menschen zur Welt jedoch grundlegend verändert. Rosa diagnostiziert drei große Krisentendenzen der Gegenwart: eine ökologische Krise (Klimawandel), eine Krise der Demokratie (Politikverdrossenheit) und eine "Psychokrise" (Burnout). Stets sei das Resonanzverhältnis gestört.

"Steigerungszwang" des modernen Kapitalismus

Die Ursache dafür, dass wir uns die Welt nicht mehr in einem wechselseitigen Prozess aneignen, sondern sie beherrschen und verdinglichen wollen, sieht Rosa in dem endlosen, sich selbst reproduzierenden "Steigerungszwang" des modernen Kapitalismus. Auf diese Weise brächen die "Resonanzachsen" zusammen: Der "vibrierende Draht zwischen uns und der Welt" werde zugunsten einer instrumentellen Logik der Verwertbarkeit gekappt.

Die Konsequenzen seien verheerend: "Das Leben gelingt nicht dann, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern wenn wir es lieben." Statt Resonanz werde ein Zustand der Entfremdung erzeugt, der für Rosa mit der Urangst des Menschen vor dem Verstummen der Welt zusammenhängt.

Zugleich könne es aber auch keine totale Resonanz geben: Ähnlich wie Beschleunigung bei Rosa nicht ohne eine Gegentendenz zur Erstarrung auskommt, ist auch Resonanz auf ein Moment der Unverfügbarkeit, wenn nicht gar auf eine "Resonanzverweigerung" angewiesen. Schwingungen müssen immer wieder begrenzt werden, sonst kommt es wie in der Physik zu einer Resonanzkatastrophe, die das, was hergestellt werden soll, zerstört.

Rosa betreibt eine "Soziologie des guten Lebens"

Hartmut Rosa sieht seine Studie als "Beitrag zu einer Soziologie des guten Lebens", die er mit einer erneuerten Form der Kritischen Theorie verknüpft. Als konkrete Lösungsvorschläge für die krisengeschüttelte Gesellschaft schweben ihm das bedingungslose Grundeinkommen und eine umfassende Erbschaftssteuer vor.

Auf diesem Weg setzt sich Rosa nicht nur vom Pessimismus der Kritischen Theorie ab, sondern löst auch ihren Anspruch ein, die Welt durch kritische Einsicht veränderbar zu machen. Auch wenn man seiner 800 Seiten langen Analyse vorhalten kann, dass weniger manchmal mehr gewesen wäre – Hartmut Rosa ist ein brillanter Neuentwurf einer lebendigen Kritischen Theorie gelungen, die mit einer Kritik an den bestehenden Resonanzverhältnissen einen Weg aus der Entfremdung der modernen Gesellschaft aufzeigt.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
815 Seiten, 34,95 Euro  

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Resonanz statt Beschleunigung: Hartmut Rosas Gegenentwurf - SPIEGEL ONLINE

Zur Person

Hartmut Rosa wird häufig als "Entschleunigungspapst" bezeichnet - obwohl er mit einer Schrift über Beschleunigung bekannt wurde. Diese hat laut Rosa seit der Industrialisierung alle gesellschaftlichen Lebensbereiche erfasst. In seinem neuen Buch entwickelt der Soziologe, der an der Uni Jena lehrt, ein Gegenprogramm: "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung."
SPIEGEL ONLINE: Herr Rosa, Beschleunigung war Ihr großes Thema - jetzt haben Sie ein Buch über Resonanz geschrieben. Was meinen Sie damit?
Rosa: Resonanz ist die Grundsehnsucht nach einer Welt, die einem antwortet. Und die in jedem Menschen angelegt ist, weil wir Beziehungsmenschen sind. Wenn diese Sehnsucht eingelöst wird, weil jemand aufgeht in einem bestimmten Bereich, führt er ein gelungenes Leben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Beispiele für das Einlösen dieser Sehnsucht?

Rosa: Resonanzmomente kann man in allen gesellschaftlichen Sphären erleben - in der Kunst, wenn man im Museum vor einem Bild steht, oder beim Singen im Chor. Wenn man in seiner Arbeit aufgeht. Häufig werden solche Momente des Aufgehens als Heimat verklärt, die man gefunden hat. Als Heimat aus der Kindheit, an die ich Erinnerungen habe.

SPIEGEL ONLINE: In jeder Kindheit ist doch nicht automatisch alles toll - und deshalb verklärenswert.

Rosa: Ich verstehe Heimat nicht nur als physische Konnotation, sondern als Idee: als Weltanschauung, die zu mir passt, als politische, berufliche, familiäre Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt ab, wie resonanzfähig Menschen sind?

Rosa: Das Grundvertrauen in die Welt scheint wichtig zu sein: Steht mir die Welt als etwas Antwortendes, Gütiges gegenüber? Oder als etwas Feindliches? Dafür gibt es eine neurologische, hormonelle Basis. Dann glaube ich, dass psychologische Faktoren eine Rolle spielen, frühkindliche Erfahrungen, der Sozialisationsprozess in der Schule.

SPIEGEL ONLINE: Und wie merkt man, ob man das gefunden hat, was Sie Heimat nennen?

Rosa: Damit wir diesen Ort finden, müssen wir uns auf die Suche begeben, unsere Reichweite in dieser Welt ausdehnen. Das Lebensgefühl der Romantik hat das gut auf den Punkt gebracht, diese Idee, in sich selbst zu gehen und gleichsam in die Welt hinauszuziehen. Das Problem aber: Diese Idee der Ausdehnung hat sich verselbstständigt.

SPIEGEL ONLINE: Weil uns heute viel mehr Optionen zur Verfügung stehen als den Romantikern?

Rosa: Ich würde sagen, unsere Gesellschaft ist seit der Industrialisierung immer stärker darauf ausgelegt, Weltreichweite zu vergrößern - weil alle ihre Bereiche auf Steigerung ausgelegt sind. Dahinter steht dann aber nicht die Idee der Resonanz, sondern die des Verfügbarmachens, des Kontrollierens: Kinder bekommen heute leuchtende Augen, wenn sie ihr erstes Smartphone bekommen. Da steckt kein konkretes Sachbegehren hinter, sondern der Wunsch, Welt in Reichweite zu bringen: auf Spotify die größte Musikauswahl zur Hand zu haben, nachzugucken, wie das Wetter im Tokio ist. Das Problem ist aber, dass dieses Potenzial allein die Dinge noch nicht zum Sprechen bringt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als hätte sich der Konsument in Ihrem Konzept von der Ware entfremdet. Klassische Kapitalismuskritik, oder?

Rosa: Ich bin sicher, dass es dem Kapitalismus nicht komplett gelingt, die Subjekte zu erschaffen, derer er bedarf; durch die in uns angelegte Resonanzsehnsucht können wir nicht komplett verdinglicht werden. Aber ja, an dieser Stelle funktioniert der Trick des Kapitalismus schon: Wir sind enttäuscht vom Einzelprodukt. Aber nicht so enttäuscht, dass wir das nächste nicht kaufen - weil die Produkte uns lebendige Beziehungen versprechen. Dazu kommt eine Wettbewerbslogik, wir häufen Resonanzprodukte ja auch an: Horten Bücher, weil wir die vage Idee haben, dass wir irgendwann aus dem Hamsterrad aussteigen und dann endlich in Ruhe Hegel lesen können. Dann haben wir dafür keine Zeit. Kaufen deshalb aber noch Kant dazu.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Hegel und Kant. Ist die Sehnsucht nach Resonanz nicht ein Luxus, den sich nur bestimmte Schichten leisten können - nämlich die, die sich um Geld, Bildung und Aufstieg kaum mehr Gedanken machen müssen?

Rosa: Mir wird immer unterstellt, ich würde nur das Lebensgefühl von Akademikern beschreiben. Ich werde da richtig sauer. Sogar Leute bei McDonalds sagen häufig, sie machen den Job gern. Etwas gut und schön zu machen, etwas zu tun, das einen erfüllt, das ist keine akademische Zusatzidee. Zu behaupten, die da unten kämpfen nur ums Überleben, die haben gar keinen Sinn für die anderen Dimensionen - das ist paternalistisch. Reden Sie mal mit Obdachlosen. Die sagen ganz häufig, das Schlimmste ist nicht, dass sie kein Geld kriegen von Leuten. Sondern, dass sie nicht wahrgenommen werden. Dass Ihnen Resonanz verweigert wird.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren scheint es einen Backlash zu geben. Und der bezieht sich schon auf eine bestimmte, gebildetere Schicht: Die DIY-Bewegung, Yoga - passt doch alles zu Ihrer Resonanzidee.

Rosa: Achtsamkeit und so. Ein Lebensgefühl, das von Zeitschriften wie "Flow" und "Happiness" zelebriert wird. Als Wissenschaftler sollte man sich davon fernhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber auch präsent in diesen Themenbereichen.

Rosa: Ich verstelle mich nicht. Ich mache das, was ich sinnvoll finde. Wenn mir etwas zu esoterisch scheint, sage ich aber ab, gerade zum Beispiel einen Meditationskongress.

SPIEGEL ONLINE: Noch mal aber die Frage: Was unterscheidet Ihr Resonanzkonzept von der Achtsamkeitsbewegung, bei der Menschen bewusster durch das Leben gehen wollen?

Rosa: Ich habe ein Problem mit Entschleunigung, der Hauptidee der Achtsamkeitsbewegung. Weil sie die Zeit isoliert betrachtet. Aber Zeit ist ein Grundverhältnis, das alle gesellschaftlichen Felder prägt - von Wirtschaft über Politik. Man kann nicht alles lassen, wie es ist und einfach langsamer machen. Langsamer machen reicht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es geht Leuten, die Yoga machen, nicht darum, alles langsamer zu machen. Sondern darum, auszusteigen aus Erwartungen und Stress. Der Gedanke liegt Ihrer Idee doch auch zugrunde.

Rosa: Vielleicht habe ich den Affekt dagegen auch, weil einem die Stimme genommen wird, sobald man in der Achtsamkeitsecke steht. Achtsamkeit hat den Ruf eines narzisstischen Upperclassproblems, das unpolitisch ist. Okay, die Grundsehnsucht mag eine ähnliche sein wie die, die ich mit meinem Konzept der Resonanz beschreibe. Dann habe ich nur noch zwei Probleme: Zum einen die ökonomische Verwertung, die dahintersteht: Kaufe diese Räucherstäbchen und du findest deine innere Seele. Und, dass das Bewusstsein nur auf das Subjekt gelenkt wird, weil suggeriert wird, dass es von uns selbst abhängt, ob wir achtsam durch die Welt laufen. Das ist die komplette Herauslösung aus den sozialen Verhältnissen, weil die Beziehungen keine Rolle mehr spielen. Das halte ich für einen Konzeptionsfehler. Und ich will ja mit meinem Konzept gesellschaftliche Realität erklären; die Demokratiekrise zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Dann erklären Sie mal.

Rosa: Demokratie ist an sich ein Resonanzversprechen: Gesetze und Autoritäten sollten uns nicht feindlich gegenüberstehen oder indifferent, sondern uns antworten - nicht im Sinne eines Poll-Verhältnisses, dass also nach Umfragen regiert wird. Sondern dialogisch. Protestbewegungen wie aktuell Pegida fordern im Grunde eine Resonanzbeziehung ein: Die Politiker hören nicht mehr auf uns, die haben die Beziehung verloren.

SPIEGEL ONLINE: Und die Pegida-Anhänger wollen alle in Resonanzverhältnisse mit der Welt treten?

Rosa: Nein, wollen sie nicht. Weil auch rechten Ideen eine Weltbeziehung zugrunde liegt, die per se feindlich ist. Je nationalistischer und faschistischer es wird, desto weniger geht es um das Wahrnehmen der Welt - man will nicht in Beziehung treten, sondern in einem Großkörper fusionieren. Alles, was anders ist, stumm machen, genau das steckt auch aktuell in diesem Ausruf "Wir sind das Volk". Die Nazis haben ja auch Resonanzen erzeugt. Mit Liedern und Fahnen, mit Fackeln. Aber es war eben nur ein Echoraum. Weil er auf einem an sich stummen Weltverhältnis basierte.

Lesen Sie zu dem Thema auch eine Rezension zu Hartmut Rosas Beschleunigungsbuch.
Das alles beherrschende Monster

Meta-Phänomen Beschleunigung: Höher, schneller, leerer
Steve Ballmer ist nicht Steve Jobs. Der Vorstandschef von Microsoft gilt nicht als Philosoph. Und doch war es ihm kürzlich vorbehalten, anlässlich der Entwicklerkonferenz des Unternehmens das Motto unserer Zeit in eine einprägsame Formel zu kleiden: "Schneller! Schneller! Schneller! Schneller!"

Ballmer mag damit die Entwicklung neuer Produkte oder die Geschwindigkeit von Betriebssystemen gemeint haben, doch schneller zu werden, ist heutzutage ein universelles Ziel: nicht allein ein technisches Phänomen, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem neuen Essay "Beschleunigung und Entfremdung" darlegt, sondern das Kernelement jeglicher Modernisierung. Und damit der entscheidende Begriff unserer Epoche.

Rosa unterscheidet zwischen technischer Beschleunigung, der Beschleunigung des sozialen Wandels und der Beschleunigung des Lebenstempos. Die technische Beschleunigung hat - verbunden mit der Industrialisierung - bereits im 19. Jahrhundert begonnen. Im Verkehr hat sie dazu geführt, dass die Welt im Vergleich zu der Zeit, die man braucht, um eine Strecke zurückzulegen, auf ein Sechzigstel ihrer Größe geschrumpft ist.

Möglichst viele Optionen

Heute zeigt sich die technische Beschleunigung vor allem im digitalen Sektor. Ihr paradoxer Effekt wirkt sich in der Beschleunigung des Lebenstempos aus: Obwohl die technische Beschleunigung eigentlich dazu hätte führen müssen, dass dem Einzelnen mehr Zeit zur Verfügung steht, weil er für einzelne Tätigkeiten weniger Zeit benötigt, genießen die Bürger moderner Gesellschaften nach Rosas Ansicht keinesfalls ihre üppige Freizeit - sondern leiden an deren Gegenteil: unter Zeitknappheit.

Der Grund dafür liege im Anspruch, "möglichst viele Optionen zu realisieren aus jener unendlichen Palette der Möglichkeiten, die die Welt uns eröffnet". Das Leben auszukosten werde zum zentralen Streben des modernen Menschen - ein Erfahrungshunger, der allerdings nicht gestillt werden könne: "Ganz egal, wie schnell wir werden, das Verhältnis der gemachten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpasst haben, wird nicht größer, sondern konstant kleiner". Dazu kommt, so Rosa, dass Depressionen und Burnout stark zugenommen hätten.

Zur Beschreibung aller Beschleunigungsfolgen greift er einen ursprünglich marxistischen Begriff auf: Entfremdung. Seine Kritik aber richtet sich nicht mehr gegen die kapitalistischen Produktionsbedingungen (denn anders als frühere Kritiker der industriellen Moderne konzentriert Rosa sich nicht auf die Arbeitswelt), sondern gegen die Beschleunigung als Metaphänomen. Es hätte, wie das Buch zeigt, zumindest ebenso viel Aufmerksamkeit verdient wie der Begriff Globalisierung.

Zahlreiche Konflikte

Zumal die zunehmende Beschleunigung des sozialen Wandels auch gesamtgesellschaftlich zu einer rasanten Veränderung von Werten, Lebensstilen und Beziehungen geführt habe.

Zahlreiche Konflikte, könnte man Rosas Thesen hinzufügen, entstehen dadurch, dass die Betroffenen die derart veränderte Welt schlicht nicht mehr verstehen. Die Folge: Ein Konservatismus, der sich mal rabiat äußert, wie zuletzt häufig in der islamischen Welt, mal äußerst dogmatisch, wie in Teilen der USA, oder zumindest im Wunsch, nach einer längeren Phase rascher gesellschaftlicher, technischer und ökonomischer Umbrüche, wie sie sich seit 1989 vollzogen haben, verschnaufen zu wollen - in der Bundesrepublik führte dies zuletzt zum vielbeschworenen Bild eines "neuen Biedermeiers" unter Angela Merkel.

Für demokratische Gesellschaften hat das Metaphänomen Beschleunigung Rosa zufolge noch andere Auswirkungen: Der Prozess der politischen Willensbildung wird umso schwerfälliger, je heterogener die gesellschaftlichen Gruppen werden. Politik könne deshalb, anders als von der Öffentlichkeit noch immer erwartet, kaum mehr Schrittmacher des Wandels sein. Ihr bliebe nur noch die Rolle, den Wandel zu zähmen.

Schlaflosigkeit und Panikattacken

Im Vergleich zum ökonomischen Bereich, in dem vor allem die Finanzmärkte einer drastischen Beschleunigung ausgesetzt waren, wirkt Politik deshalb statisch - ein vermeintlicher Makel, der besonders in der Blütephase der neoliberalen Ideologie von Meinungsmachern immer wieder ins Feld geführt wurde.

Aufgrund des erhöhten Tempos des gesellschaftlichen Lebens aber müssen politische Entscheidungen heute schneller getroffen werden. Die Konsequenz, meint Rosa, sei klar: In der spätmodernen Politik bestimme nicht mehr das Argument, sondern zunehmend das Ressentiment, das mehr oder minder irrationale Bauchgefühl. Vor diesem Hintergrund sei es nicht überraschend, dass Medienstars wie Schwarzenegger politische Ämter erringen und die Coolness von Politikern wichtiger sei als deren Konzepte - in Deutschland würde dies wohl zumindest auf den Aufstieg Guttenbergs zutreffen, auch wenn Rosa diesen gefallenen Medienstar nicht erwähnt.

Angesichts der Tatsache, dass Populisten in der Politik nicht nur ein Phänomen der Gegenwart, sondern der Weltgeschichte sind, wirkt Rosas These allzu zugespitzt. Das gilt wohl auch für seine Behauptung, dass in der hochbeschleunigten westlichen Welt mehr Menschen unter Schlaflosigkeit und Panikattacken litten als in Nordkorea oder im Irak unter Saddam Hussein, für die Rosa keine Belege anführt.

Sein Buch gipfelt in der These, Beschleunigung sei eine neue, abstrakte Form des Totalitarismus. Thomas Hobbes verwendete im 17. Jahrhundert für den Staat als alles beherrschendes Monster die berühmt gewordene Formel vom Leviathan. Bei Hartmut Rosa ist dieser Leviathan längst nicht mehr der Staat, sondern die Beschleunigung in all ihren Erscheinungsformen.

Doch wie dieses Monster bändigen? Das weiß auch Rosa nicht. Er räumt ein: "Im Moment verfüge ich noch nicht einmal über eine Skizze einer solchen Konzeption."
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Soziologe Rosa über sein Buch "Resonanz" Entschleunigung ist auch keine Lösung

Hartmut Rosa im Gespräch mit Katrin Heise

Der Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, aufgenommen am Mittwoch (01.09.2010) bei einer Pressekonferenz in Jena (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)
Der Professor Hartmut Rosa vom Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. (picture-alliance / dpa-ZB / Martin Schutt)
Viele Menschen propagieren Slow Food, Slow Work und dergleichen. Mit einem entschleunigten Leben wollen sie auf Zeitknappheit, Stress und Hektik im Alltag reagieren. Für den Soziologen Hartmut Rosa löst diese Strategie das Problem jedoch nicht.

Slow Food oder Slow Work sollen unser Leben entschleunigen und das Gefühl von permanentem Stress lindern. Der Soziologe Hartmut Rosa plädiert stattdessen dafür, der Welt anders gegenüberzutreten: weniger kontrolliert und bereit, sich auf Menschen und Dinge einzulassen.

Der Modus der Verzweiflung bringt Stillstand

"Kaum jemand findet Langsam-Sein als Selbstzweck gut", sagt er. Ihm zufolge geht es nicht um Langsamkeit, sondern um eine neue Beziehung zur Welt, die er mit "Resonanz" beschreibt. In diesem Zustand versucht der Mensch nicht, die Dinge zu kontrollieren und schnell und effizient zu handhaben. Vielmehr lässt er sich von Begegnungen mit Anderen, von Orten, von Musik, der Natur berühren und erlaubt  diesen, etwas in ihm zum Schwingen zu bringen.

"Wenn wir im Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus sozusagen durch die Welt hetzen, dann kommt es eben zu einem Stillstehen der Schwingungen, weil wir schnell und effizient Dinge instrumentell handhaben müssen." 

Wider die Steigerungslogik

Dahinter steht Rosa zufolge eine Steigerungslogik, die auch mit dem Kapitalismus zusammenhängt und die auf Kontrolle und Akkumulation abzielt: "Eigentlich hetzen wir immer nur danach, unsere Weltreichweite zu vergrößern, indem wir unsere Vermögenslage verbessern oder unser Freunds- und Bekanntennetz ausdehnen oder unsere Gesundheit steigern. Aber das ist eine Art des In-der-Welt-Seins, eine Form der Weltbeziehung, die uns eben resonanzarm macht."

Auch mit der Fokussierung auf Qualitätssicherung oder Erfolgsgarantien wollten wir Dinge verfügbar machen, "und zwar punktgenau und zeitgenau", kritisiert der Soziologe.

"Resonanz" dagegen habe immer ein Moment der Unverfügbarkeit. "Man kann es nicht garantiert herstellen. Gerade dann, wenn wir uns vornehmen, heute will ich unbedingt in diesem Modus sein, dann misslingt es uns häufig. Weihnachtsabende sind dafür ein klassisches Beispiel."

Hartmut Rosa: "Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung"
Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016
816 Seiten, 34,95 Euro
Erscheint am 7. März

Das Interview im Wortlaut:

Katrin Heise: Sie freuen sich ja vielleicht auch, weil Sie schon wach sind, obwohl Sie heute gar nichts Bestimmtes vorhaben, ein langes Wochenende vor Ihnen liegt, die Zeit sich also ja genüsslich ausdehnt. Genießen Sie diesen Moment! Es ist ein herrliches Gefühl, denn wir haben ja sehr vieles angehäuft, vieles gesammelt, nur eins fehlt uns regelmäßig: die Zeit natürlich. Vor allem die Zeit, in der wir uns nach nichts anderem sehnen, nichts anderes uns gelüstet als nach dem, was wir gerade machen, also wir fühlen uns ja sonst immer unter Druck. Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa beschäftigt sich seit Langem mit den Phänomenen der Zeit, mit Entschleunigung und mit Beschleunigung, aber er ist nicht der Auffassung, dass wir einfach die Zeit anhalten sollten, so nach dem Motto, mit Entschleunigung, mit Langsamermachen, wird alles besser, nein, in seinem neuen Buch spricht er von Resonanz. Schönen guten Morgen, Hartmut Rosa!

Hartmut Rosa: Guten Morgen, hallo!

Heise: Resonanz entsteht ja, wenn etwas in Schwingungen gerät. Meinen Sie mit Resonanz, wie Sie sie verwenden, wenn mich eine Begegnung, ein Moment sozusagen in Schwingungen versetzt?

Rosa: Ja, das meine ich durchaus. Resonanz ist ein Zustand, eine Art und Weise des Verbundenseins mit der Welt, bei der tatsächlich in uns so was zu schwingen beginnt. Man kann das, glaube ich, wirklich in diese Metapher fassen, weil das eine Art des In-der-Welt-Seins beschreibt, bei dem uns Dinge noch berühren oder bewegen oder ergreifen – das sagt ja schon unsere Sprache, also etwas in Schwingung kommt –, wo wir aber auch das Gefühl haben, wir können da draußen sozusagen Klänge erzeugen, also Dinge in Schwingung bringen.

Heise: Also wir können in Schwingung bringen. Der Untertitel Ihres Buches lautet: "Eine Soziologie der Weltbeziehung". Was meinen Sie in dem Zusammenhang mit Weltbeziehung?

Rosa: Ich hatte ja, wie Sie schon gesagt haben, lange über Zeit und Zeitverhältnisse nachgedacht und mir auch überlegt, was meinen eigentlich Menschen, wenn sie von Entschleunigung reden oder darauf hoffen oder gar davon schwärmen oder wenn sie sagen, wir müssen mal innehalten. Da geht es nämlich, glaube ich, gar nicht um Langsamkeit per se. Kaum jemand findet Langsamsein als Selbstzweck gut, aber es geht darum, auf eine andere Weise in der Welt zu sein, auf eine andere Weise in Verbindung zu treten mit anderen Menschen, zum Beispiel auch mit unserer Arbeit und mit unserem Körper oder mit der Natur da draußen. Ich wollte außerdem mir die verschiedenen Weisen angucken, die Modi, mit denen wir mit der Welt in Beziehung treten können. Und da ist mir eben aufgefallen, dass wenn wir im Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus sozusagen durch die Welt hetzen, dann kommt es zu einer Art eben von einem Stillstehen der Schwingung, weil wir schnell und effizient Dinge instrumentell handhaben müssen. Und vielleicht können wir einen Samstagmorgen nutzen, um auf eine andere Weise uns selbst und Welt zu erfahren. Und dafür habe ich dann versucht, den Resonanzbegriff einzubringen.

Heise: Also halten wir mal fest: Es ist eben nicht allein die Zeitknappheit, die uns unter Druck setzt, sondern eigentlich, dass dieses ganze Gehetze zu nichts führt, also jedenfalls zu nichts führt, was uns wirklich berührt.

Wirtschaftssystem fördert Entfremdung

Rosa: Ja. Ich glaube, wir haben vielleicht individuell, aber eben auch institutionell, zum Beispiel in unserem Wirtschaftssystem, viel zu viel Wert gelegt, oder das ganze System ist darauf ausgerichtet, Dinge zu akkumulieren, anzusammeln, also eigentlich Ressourcen zu vergrößern, zum Beispiel das Sozialprodukt, wenn man jetzt volkswirtschaftlich denkt. Aber auch individuell hetzen wir immer danach, eigentlich unsere Weltreichweite zu vergrößern, indem wir unsere Vermögenslage verbessern oder unser Freundes- und Bekanntennetz ausdehnen oder unsere Gesundheit steigern, aber das ist eine Art des In-der-Welt-Seins, eine Form der Weltbeziehung, die eben uns resonanzarm macht.

Heise: Wenn Sie sagen uns und wir, meinen Sie da tatsächlich auch sich, beobachten Sie das bei sich genauso?

Rosa: Ja, absolut. Also ich möchte nicht ein Soziologe sein, der anderen Menschen sagt, was sie falsch machen, sondern ich beschreibe die Art und Weise, in unserer Gesellschaft zu leben, und das kann ich bei mir sehr gut beobachten. Ich stelle natürlich da schon auch einen Zusammenhang fest zwischen notorischer Zeitknappheit und Resonanzverlust. Den Gegenbegriff von Resonanz versuche ich ja, als Entfremdung zu bestimmen – also Entfremdung und Resonanz bilden ein Gegensatzpaar.

Und natürlich stelle ich fest, dass wenn man kaum Zeit hat, zum Beispiel mit den Menschen, mit denen man umgeht – bei mir sind es zum Beispiel häufig Studenten –, dann stelle ich gerade fest, dass ich mit denen nicht in Resonanz treten will, ich möchte gar nicht mich für sie öffnen oder dass sie mit mir eine wirkliche Begegnung anstreben, sondern ich möchte ganz schnell wissen, worum es geht zum Beispiel in der Sprechstunde, und versuche dann ganz schnell eine Lösung zu präsentieren. Und so geht es einem auch, wenn man ganz häufig den Ort wechselt zum Beispiel. Man reist von Ort zu Ort, dann lässt man sich nicht auf den ein, man tritt nicht in eine Beziehung mit dem, es kommt nicht zu dem, was wir Schwingung genannt haben.

Heise: Das mit dem Reisen, das ist ja was freiwillig Gewähltes …

Rosa: Nicht immer.

Heise: … ja, auch nicht immer, da haben Sie recht. Und das mit Ihren Studenten kann auch freiwillig sein, muss aber auch nicht immer. Diese Momente, wo man sich aufeinander einlässt, die passen ja eben nicht in einen Stundenplan, können eben nicht eingetaktet werden, aber wir sind in einem Leben, das sich nun mal beschleunigt hat, dem wir auch ausgesetzt sind. Wie können wir denn diese Momente trotzdem erreichen, oder geht das dann eben nicht?

Rosa: Doch, also ich glaube, Resonanz ist nicht nur eine Sehnsucht von Menschen überhaupt, sondern es ist auch ein Grundmodus des In-der-Welt-Seins, das heißt, wir alle machen solche Erfahrungen schon als Kinder. Kinder sind ganz stark Resonanzwesen, sie leben von diesem Begegnen, von dieser auch lebendigen Begegnung mit anderen Menschen, und deshalb haben wir immer einen Sinn dafür. Wir wissen noch, was es heißt, sich von einer Landschaft oder von einer Musik oder von einem Gedicht oder auch von unserer Arbeit insbesondere so berühren und bewegen zu lassen, dass wir da hineintreten können. Aber Resonanz hat – Sie haben das ja schon angedeutet – immer einen Moment der Unverfügbarkeit, man kann es nicht garantiert herstellen. Gerade dann, wenn wir uns vornehmen, heute will ich unbedingt in diesem Modus sein, dann misslingt es uns häufig – Weihnachtsabende sind dafür ein klassisches Beispiel.

Heise: Wie die Aufforderung: Sei locker!

Rosa: Ja, genau, ungefähr so.

Heise: Das geht schief.

Jeder verfügt über Resonanzachsen

Rosa: Und ich glaube tatsächlich, dass wir auch im Alltag aufgrund knapper Stundenpläne und aufgrund einer Steigerungslogik, die systemisch ist, die auch mit kapitalistischem Wirtschaften zusammenhängt, versuchen, Welt verfügbar zu machen, Dinge ganz sicher unter Kontrolle zu haben. Auch mit Qualitätssicherungsmomenten und Erfolgsgarantien und anderen Dingen möchten wir Dinge verfügbar machen, und zwar punktgenau und zeitgenau. Und das ist schon ein Modus, mit dem es schwierig wird, dann in Resonanz zu treten. Aber es ist niemandem unmöglich, also wir alle haben noch einen Sinn dafür und eine Erfahrung davon, und ich glaube deshalb, dass wir tatsächlich, auch wenn systemische Bedingungen problematisch sind, auch an uns arbeiten können, Resonanzfähigkeit wiederherzustellen.

Heise: Gibt es da konkrete Tipps? Ich meine, Sie sind jetzt nicht so ein Tippschreiber, der sagt, mach das und dann passiert das, aber haben Sie bei sich was beobachtet?

Rosa: Ja, aber wie gesagt, ich möchte keinen Ratgeber schreiben und auch kein Ratgeber sein, aber ich glaube, Menschen, ich würde sagen alle Menschen, verfügen über so etwas wie Resonanzachsen. Das heißt, es gibt bestimmte Dinge im Leben von Menschen, bei denen sie wissen, da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mit mir und der Welt in Resonanz trete. Bei mir ist es auf jeden Fall Musik zum Beispiel. Es gelingt nicht immer, jeder kennt es: Man legt seine Lieblingsplatte auf, und es passiert irgendwie gar nichts, weil man in schlechter Stimmung ist und weil einem irgendetwas auf der Leber liegt. Aber trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit hoch, zum Beispiel bei mir, wenn ich Musik höre oder Musik mache auch – Musikmachen ist ein ganz probates Mittel oder eine ganz probate Resonanzachse, aber es gibt viele andere Dinge.

Für manche ist es, wenn sie politisch tätig sind oder wenn sie religiös tätig sind oder wenn sie in die Natur gehen, und für ganz viele ist auch Arbeit ein Resonanzfeld. Deshalb ist der Verlust des Arbeitsplatzes eben nicht nur ein Verlust von Ressourcen, sondern auch ein Verlust von einer Resonanzsphäre. Und ich glaube, was man also tun kann, ist herauszufinden, wo liegen denn eigentlich meine, nicht meine Felder, wo ich Dinge akkumulieren kann, sondern da, wo ich in Resonanz mit mir und der Welt treten kann. Und ich glaube, da findet jeder was, wenn er in sich hineinhört oder sie.

Heise: Ja, das ist vielleicht der wichtigste Punkt, erst mal auf sich selber mal gucken, jetzt nicht nur in egoistischem Sinne, sondern wirklich mal zu spüren, was will ich eigentlich. Schön! Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben, Hartmut Rosa.

Rosa: Sehr gerne geschehen!

Heise: In Ihrem Buch "Resonanz einer Soziologie der Weltbeziehung" können wir ja noch mehr darüber lesen. Ich wünsche Ihnen ein, ja, berührendes Wochenende!

Rosa: Danke schön, ebenso, auf Wiederhören!

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Mittwoch, 19. Oktober 2016

Was ist Religion - Philosophischer Essay

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung

In der folgenden Betrachtung wird die Frage nach dem Wesen der Religion gestellt. Ich

frage: „Was ist Religion?“ und versuche begrifflich zu erfassen, was in lebendigen

Zeugnissen und Bekenntnissen als Religion sichtbar ist. Dabei wird eines sogleich deut-

lich, nämlich, daß man diese Frage nicht beantworten kann, wenn man nicht eine

ungefähre Ahnung von dem hat, was man unter Religion verstehen will, denn sonst

könnte man die geschichtlich gegebenen Phänomene nicht finden, welche die

Grundlage der Definition bilden sollen. Wir müssen also wissen, es handelt sich um

bestimmte Erscheinungen, die irgendwie mit einer überirdischen Wirklichkeit zu tun

haben. Diese ganz allgemeine Feststellung muß getroffen werden, ehe wir auf die

Suche gehen nach Phänomenen, welche in diesen Bereich fallen, um von ihnen

hernach ihr Wesen auszusagen.

Ich frage also: Was ist die Lebensmitte der religiösen Bekenntnisse, was ist Religion?

Ich glaube, daß man das innerste Wesen dessen erfaßt, was in Worten sich bekundet,

wenn man sagt:

Religion ist erlebnishafte Begegnung des Menschen mit dem Heiligen und antwortendes

Handeln des vom Heiligen bestimmten Menschen.

Ich werde diese Definition im einzelnen erläutern und vertiefen. Aber zunächst schon ist

sichtbar, dass mit dieser Rahmendefinition ausgeschlossen ist eine Mißdeutung der

Religion in bestimmten, immer wiederkehrenden Richtungen, nämlich einerseits ist völlig

ausgeschlossen, Religion als eine Art vorwissenschaftlicher Welterklärung anzusehen,

und auf der anderen Seite kann man Religion auch nicht als eine theologisch-

sanktionierte Moral definieren. Beides ist geschehen und geschieht auch weiterhin,

obwohl bereits Schleiermacher gegen diese beiden Mißdeutungen der Religion in

seinen berühmten „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“

1799 Front gemacht hatte. Gehen wir also im einzelnen die vorangestellte Definition

durch und analysieren wir die Elemente, die in dieser Rahmendefinition,

bewußtermaßen formal zunächst, gegeben sind, dann zeigt sich folgendes: zunächst

einmal Begegnung, erlebnishafte Begegnung mit heiligen Mächten. Das bedeutet also,

daß der Ort der Begegnung und die Art der Begegnung festliegen. Erlebnishafte

Begegnung soll es sein, und das Objekt der Begegnung sind heilige Mächte. Es handelt

sich also um Erfahrung, um lebendige Erfahrung, die im Innern des menschlichen

Subjektes vor sich geht. Und diese Begegnung geschieht in der weiten Welt irdischer

Erscheinungen.

Das erste und allgemeinste Objekt der Begegnung mit dem Heiligen ist die den

Menschen umgebende Natur.

Dass Naturgegenstände wie Berge und Bäume, Wasser und Feuer, Steine und Erde

und so weiter Erscheinungsformen numinoser Macht und numinoser Mächte sein

können beziehungsweise als solche erlebt werden, ist eine weitverbreitete Anschauung,

zumal in den Frühformen der Religion. Wir müssen indessen das Objektgebiet, das wir

hier im Auge haben, über die naturalen Einzelerscheinungen hinaus erweitern und auf

die gesamte außermenschliche Welt und ihre Ordnungen ausdehnen; denn im Ablauf

kosmischen Geschehens und irdischer Geschichte wittert der Mensch als Ursache

heilige, hintergründige Mächte persönlicher oder unpersönlicher Art.

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Unter den Medien bzw. Objekten der religiösen Begegnung nimmt weiterhin das heilige

Wort eine besondere Stelle ein. Es begegnet uns in mannigfachen Formen, als

Schöpfungswort, als Wort prophetischer Verkündigung, als metaphysische Realität, als

Wort der Religionsstifter. Hervorragendes Wort-Medium ist ferner die heilige Schrift. In

allen Religionen, in denen es heilige Schriften gibt, besteht Einmütigkeit darin, dass an

einen wie immer im einzelnen vorgestellten göttlichen Ursprung dieser Schriften

geglaubt wird.

Ein weites Gebiet innerweltlichen Lebens, auf das sich die religiöse Erfahrung der

Menschheit seit frühen Tagen richtet, ist das individuelle Schicksal. Das deutsche Wort

Schicksal deutet ja selbst bereits an, daß das den Menschen betreffende Geschehen

hinsichtlich seines Ursprungs eine Deutung erfährt. Das Ereignis als solches ist nicht

ohne weiteres Schicksal bzw. als solches im eigentlichen Sinne erkennbar. Schicksal

kommt von „schicken“. Nennt man einen Vorgang Schicksal, dann sagt man damit, daß

man es als „geschickt“ von einer Schicksalsmacht ansieht.

Alle diese vordergründigen Bezirke des Lebens sind der Ansatzpunkt der Begegnung

mit dem Heiligen, das darinnen sich bekundet. Und so ist die eigentliche Frage also die:

was ist das „Heilige“, dem in diesen Eindrücken und sinnlichen Erfahrungen begegnet

wird?

Ich beziehe mich hinsichtlich der inhaltlichen Bestimmung dessen, was das Heilige ist,

auf das Buch von Rudolf Otto „Das Heilige“, das 1917 in erster Auflage erschienen ist. In

diesem Buch wird die Frage gestellt, worin das eigentümliche Wesen des religiösen

Objektes, also eben des Heiligen liegt. Diese Frage aber wird nicht beantwortet, indem

spekulativ irgendwelche Theorien über Gott und Jenseits aufgestellt werden, sondern

indem, gerade von der Erkenntnis aus, daß man das Heilige nicht in wissenschaftlicher

Erkenntnis direkt erfassen kann, der Umweg über den Menschen genommen wird. Die

Frage ist also: was meinen religiöse Menschen in aller Welt und in allen Religionen,

wenn sie bekunden, daß sie vom Heiligen ergriffen seien, wenn sie in Texten bezeugen,

irgendwo und irgendwie dem Heiligen begegnet zu sein? Was finden sie bei sich selber

für eine Bestimmtheit vor, die ja feststellbar ist, eine Bestimmtheit, deren

entsprechender bestimmender Gegenpol eben das Heilige ist, das nicht in unmittelbarer

wissenschaftlicher Erkenntnis zugänglich ist. Darauf antwortet Rudolf Otto: das Heilige

ist das „Numinose“, und zwar das Numinose, das nun eben nicht mit den Begriffen des

Rationalen und vor allem des Moralischen identisch ist, sondern die Reaktion auf das

Heilige, durch die wir das irrationale Heilige umschreiben, ist eine eigentümliche

Gemütsbestimmtheit. Und eben dieses Heilige minus seines sittlichen Gehaltes nennt

Otto das Numinose. Dieses Numinose aber erscheint als das ganz andere, als das

Überweltliche, das Unirdische. Diese Ausdrücke, die aus dem Bereich des Räumlichen

genommen sind, sind aber eben nicht räumlich gemeint, sondern sind Qualitätsbegriffe,

welche eine Modalität des Seins, eine Modalität der numinosen Wirklichkeit aussagen.

Das Numinose ist nicht grundsätzlich das Außerweltliche, es vermag ja eben

auch innerhalb dieser Welt erfahren zu werden. Aber es ist grundsätzlich anders als

alles Weltliche, es ist ein Etwas, das sich aller Vergleichbarkeit entzieht und das nicht

einzuordnen ist in die bekannten irdischen Kategorien. Wie wir schon sagten: der

Erscheinungsbereich dieses Numinosen ist das natürliche Sein, ein Stück Welt, an dem

Überweltliches, Unweltliches erfahren wird. Will man noch näher die Erfahrung des

Heiligen, von der Seite des Subjektes her definieren, dann bedient man sich der von

Otto dafür geprägten Begriffe.

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Zunächst einmal ist es das Mysterium tremendum. Dieses Heilige wirkt auf den

Menschen, indem es ihn erhebt, aber zugleich erdrückt, indem es Zittern in ihm erregt

und ein Gefühl des Befremdetseins. Es ist der heilige Gott, der ferne und unnahbare,

der geheimnisvolle Gott. Alle diese Bildbegriffe wollen auf dieses eine erste

grundlegende Moment in der Erfahrung des Heiligen hinweisen, nämlich auf das

Abdrängende, das Befremdende, das den Menschen in seiner Geschöpflichkeit erzittern

Machende.

Daneben steht in merkwürdiger Kontrastharmonie ein zweites, das R. Otto das

„Fascinans“ nennt, das Anziehende, das Beglückende, die Erfahrung des ewig

begehrenswerten Guten.

Auch dieser Wert, dieses Beseligende und Beglückende, ist unvergleichbar. Es ist ein

absoluter Selbstwert, kein dienender Wert. Es ist das absolut Beglückende. Alle diese

Begriffe, wie gesagt, deuten an, aber sie erschöpfen nicht.

Ein Drittes kommt hinzu, das Otto das „Augustum“ nennt. Damit meint er nun wiederum

eine Qualität des Heiligen, die er umschreibt durch die Reaktion des Menschen auf sie,

nämlich als Abwertung der Modalität des empirischen Seins.

Es bedeutet die Abwertung der gesamten irdischen Existenz des Menschen als eines

Wesens in einer ungöttlichen, unheiligen Wirklichkeit. Und eben den entsprechenden

Wert innerhalb der Welt des Heiligen nennt Otto das Augustum, das Erhabene. Wir

müssen schon hier, ehe wir später von den Gottesvorstellungen reden, uns klar darüber

sein, daß das Heilige sowohl als neutrales und impersonales als auch als persönliches

göttliches Wesen erfahren und vorgestellt werden kann. Aber alle später zu erörternden

Auffassungsweisen des Göttlichen haben das gemeinsam, daß sie alle sich auf eine

Wirklichkeit beziehen, die die Qualitäten des Heiligen hat.

Wenn wir also gesagt haben, daß Religion einerseits Begegnung des Menschen mit

dem Heiligen ist, so steht auf der anderen Seite die Reaktion: antwortendes Handeln

des vom Heiligen bestimmten Menschen. In dieser zweiten Seite der Definition ist die

Reaktion des Menschen ausgesprochen, die zum Wesen der Religion unbedingt

dazugehört.Religion ist eben nicht nur Gefühl, nicht nur Erlebnis, sondern auch Antwort

auf dieses Erlebnis und diese Antwort im weitesten Sinne verstanden. Es bedeutet, daß

der Mensch, der hier jetzt handelt, in den verschiedenen Bezirken möglichen Handelns,

vom Heiligen bestimmt ist. Insofern ist damit gesagt, daß Religion entscheidend eine

Lebensform ist und nicht etwa eine Denkform oder eine spekulative phantastische

Vorstellungsform. Alles das ist Religion eben nicht, sondern sie ist eine Lebensform, die

sich aus diesen Elementen zusammensetzt.

Antwortendes Handeln aber ist eine bewußt formale und umfassende Bezeichnung.

Denn selbstverständlich ist antwortendes Handeln auf vielen Gebieten möglich. Es

gehört hierher schon die Antwort, die im Mythos, der religiösen Frühsprache der

Menschheit, gegeben ist. Schon der Mythos ist eine Antwort und das Gebetswort ist

selbstverständlich Antwort im gleichen Sinne.

Hierher gehört der weite Bereich des Kultus, der selbstverständlich ebenso ein Handeln,

und zwar ein antwortendes Handeln ist. Es gehört weiter hierher die Welt des Sittlichen

und der religiösen Kunst, natürlich auch alle theologischen und rationalen Versuche

begrifflicher Selbstklärung dieser Erfahrung. Alles das gehört in den Bereich des

antwortenden Handelns und alles das gehört, mit dem Moment der Begegnung mit dem

Heiligen zusammen, zum Wesen der Religion.

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Nachdem ich so das Wesen der Religion begrifflich umschrieben habe, will ich das

Gesagte dadurch noch weiter verdeutlichen, daß ich uns in Kürze mit mancherlei

Theorien auseinandersetze, die den Ursprung der Religion erklären sollen. Dabei wird

sich zeigen, daß die meisten dieser Ursprungstheorien zum ständigen Rüstzeug aller

durch die Zeiten sich ziemlich gleich bleibenden Angriffe auf die Möglichkeit von

Religion innerhalb der modernen Welt und ihres Weltbildes gehören. Zugleich aber läßt

sich zeigen, daß diese Theorien eine Auffassung vom Wesen der Religion

voraussetzen, die religionswissenschaftlich als überwunden gelten muß.

Da ist zunächst die soziologisch positivistische These zu berücksichtigen, welche

besagt: Religion ist aus sozialem Elend entsprungen, indem verelendete Schichten zum

Trost für irdisches Ungemach sich ein seliges Jenseits erträumten, in dem alle Wünsche

erfüllt sind, die ihnen hier ewig versagt bleiben. Die führenden Schichten haben diesen

illusionären Glauben bewußt gepflegt, um die Geführten ihr soziales Elend vergessen zu

machen. Die Verbesserung der irdisch-wirtschaftlichen Verhältnisse wird daher die

Religion in wachsendem Maße aufheben. Diese Theorie ist schon von der

Religionsgeschichte her zu widerlegen, denn manche Religionist geradezu inmitten von

Glanz und Reichtum entstanden. Die erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen ist in

den verschiedenen Bereichen des Lebens möglich, und wenn beobachtet wurde, daß

manche Religion wie zum Beispiel das Christentum unter Mühseligen und Beladenen

entsprang und gedieh, dann bedeutet das durchaus nicht, daß Armut die Wurzel der

Religion ist, sondern, daß die Begegnung mit dem Heiligen denen leichter möglich ist,

deren Inneres, aus Mangel an irdischen Gütern, nicht durch diese Welt absorbiert ist,

sondern offen ist für die überirdische Welt. Eben deshalb pries Jesus die Armen selig,

und nicht weil er Armut selbst für einen Wert hielt.

Immer wieder begegnet uns ferner die Erklärung der Religion aus primitivem

Erkenntnistrieb. Religion wäre dann vorwissenschaftliche Welterklärung, deren

Ergebnisse durch die spätere, heutige exakte Naturwissenschaft in wachsendem Maße

widerlegt werden. Die Möglichkeit von Religion würde daher mit fortschreitender

Erkenntnis aufgehoben werden, da ihre Wahrheit sich als Irrtum herausstellt. Bei diesem

Versuch, Religion zu erklären und gleichzeitig zu bekämpfen, zeigt sich besonders

deutlich, daß dabei von einem falschen Verständnis lebendiger Religion ausgegangen

wird, Der Sinn religiöser Aussage über Gott und Welt liegt nicht im Rationalen. Religiöse

Aussagen sind nicht aus Erkenntnistrieb entstanden, sie sagen vielmehr religiöse

Begegnung mit dem Heiligen aus, zum Beispiel im Mythos, dessen für uns schwer

nachvollziehbare Phantastik nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß ein Mythos echte

Wirklichkeitserfassung enthält und darstellt. Ausgesprochen wird sie in anschaulichen

Vorstellungsformen, die dem Weltbild des Frühzeitmenschen gemäß waren. Die im

Mythos wie in allen anderen religiösen Ausdrucksformen gegebene Erfassung

numinoser Wirklichkeit ist das zeitlos Gültige darin, die Wahrheit, die von keiner das

Weltbild korrigierenden Wissenschaft widerlegt werden kann.

An dieser Stelle darf ein Wort über den Begriff der Wahrheit in der Religion gesagt

werden. Wahrheit kann man verstehen als Richtigkeit einer Aussage über einen

objektiven Sachverhalt. Eine solche Aussage ist richtig, wenn ihr rationaler Inhalt mit

dem Sachverhalt übereinstimmt. Man kann aber unter Wahrheit auch die objektive

Wirklichkeit verstehen, wenn man etwa sagt, man habe die Wahrheit erkannt. In diesem

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doppelten Sinne begegnet uns nun auch in der Religion der Begriff der Wahrheit. Die

göttliche Wirklichkeit wird in religiösen Texten nicht selten als Wahrheit bezeichnet.

Hier ist Wahrheit nicht die Richtigkeit von Aussagen, sondern die göttliche Wirklichkeit

selbst. Die andere, zuerst genannte Anwendung des Begriffes Wahrheit im Sinne von

Richtigkeit kann in der Religionswelt legitim und illegitim sein. Legitim ist sie dann, wenn

man damit die in jeder Glaubenserfahrung gegebene religiöse Erkenntnis meint, auf die

ja die Begriffe richtig und falsch anwendbar sind. Man muß sich aber bewußt sein, daß

diese Art der religiösen Erkenntnis nicht mit rational-wissenschaftlicher Erkenntnis

identisch ist, so daß nicht einfach der ra= tionale Inhalt der Glaubensaussage „wahr“ im

Sinne von richtig sein kann, sondern wahr ist eine solche Aussage, wenn mit ihr, das

heißt in ihrem symbolischen Begriff religiöse Wirklichkeit erfaßbar ist. Illegitim aber ist

der Begriff Wahrheit als Richtigkeit in der Religion, wenn man die religiöse Aussage als

rationale Erkenntnisaussage auffaßt und mit wissenschaftlicher Erkenntnis gleichsetzt.

Hier setzt dann die berechtigte Kritik rationaler Wissenschaft ein und es entsteht der

Konflikt von Glauben und Wissen, der in lebendiger Religion nicht möglich ist. In dieser

Auffassung religiöser Wahrheit als rationaler Richtigkeit wurzelt die intolerante

Verfolgung fremder religiöser Meinung.

Bis in die Antike reicht der Versuch zurück, Religion als menschliche Erfindung zur

moralischen Lenkung der den Gesetzen des Staates widerstrebenden Menschen zu

erklären. Auch diese Theorie ist eindeutig falsch, denn die Religionsgeschichte beweist,

daß die Gottheiten der Frühzeit gerade keine moralischen Qualitäten haben und auch

nicht notwendig moralische Richter sind über das Tun der Menschen.

Immer wieder begegnet bis in die Gegenwart der Gedanke, die Gottesvorstellungen

seien phantasievolle Personifizierungen der Naturgewalten, denen sich der Mensch

hilflos ausgeliefert fühle. Man begründet diese These durch den Hinweis auf die vielen

Götter, die, wie der Gott des Gewitters, des Regens, der Fruchtbarkeit usw., eindeutig

Naturvorgänge zu ihrem Funktionsbereich haben. Die Naturbeziehung vieler Gottheiten

der Religionsgeschichte ist selbstverständlich nicht zu leugnen, sie bedeutet aber nicht,

daß Gottheiten aus Personifikation von Naturkräften entstanden seien. Die Gottheiten

werden ja auch nicht mit der Natur und ihren Kräften identifiziert, wohl aber, und das

bestätigt unsere Definition des Wesens der Religion, begegnet der Mensch in den

Naturvorgängen, zumal in den ihn erschütternden, dem Heiligen. Der Sonnengott ist

daher nicht die Sonne, aber die Sonne freilich ist sein Symbol. Durch eine

phantasievolle Personifizierung der Naturkräfte entständen übrigens auch niemals

heilige Götter, sondern bestenfalls gesteigerte Menschengestalten, denen das

Wesentliche am Gotteswesen fehlte, das Moment des Heiligen, und heilig sind alle

Gottheiten der Religionsgeschichte.

Feuerbach hat die Behauptung aufgestellt, die ihm vielfach nachgesprochen wurde,

„Götter sind die in göttliche Wesen verwandelten Wünsche der Menschen“. So ist es

nach seiner Ansicht vor allem der Selbsterhaltungstrieb, der angesichts des Todes das

Jenseits erfand.

Auch diese These ist schon von der Religionsgeschichte her als falsch erwiesen, denn

es gibt viele Religionen, die gar nicht an einer persönlichen Unsterblichkeit interessiert

sind und die gerade den natürlichen Selbstbehauptungstrieb des Menschen bekämpfen.

Religion ist dann also gerade nicht aus elementaren Wünschen des Menschen und aus

seinen Bedürfnissen entstanden, sondern sogar gegen seine natürlichen Triebe.

Was ist Religion – Eine vorläufige philosophische Betrachtung.doc

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Es ist auch unmöglich, Religion aus der Furcht abzuleiten, wie es ebenfalls bereits in der

Antike geschah. Daß Dämonenfurcht, zumal im Bereich der Naturreligion, eine wichtige

Rolle spielt, ist sicher. Aber man verwechselt Ursache und Wirkung, wenn man erklärt,

aus der Furcht sei Religion entsprun= gen, denn ehe man sich fürchtet, muß man

Wesen begegnet sein, die zu fürchten sind. Die Dämonen sind früher als die

Dämonenfurcht, man kann jene nicht aus dieser ableiten. Religion ist eben primär

Begegnung mit dem Heiligen.

Religion ist auch nicht aus dem Wunder entstanden, sofern man Wunder unrichtig

definiert als Durchbrechung des natürlichen Kausalzusammenhanges, denn in der

Frühzeit kannte man kein Naturgesetz, das durch wunderhafte Ereignisse hätte

durchbrochen werden können. Man kannte nur den gewohnten Ablauf der

Naturvorgänge. Das Ungewöhnliche, aber darum nicht naturgesetzlich Unmögliche, war

für den naiven Menschen die bevorzugte Offenbarungsform der Gottheit. Darum setzt

die Erfahrung des Wunderbaren den religiösen Glauben voraus, sie begründet ihn aber

nicht.

Der Glaube ist das Kind des Wunders. Auch das ist oft genug behauptet worden, daß

nämlich der Glaube aus den angeblich geschehenen Wundern erwächst und durch sie

begründet wird. Dazu ist ein Doppeltes anzumerken, einerseits schafft der Glaube

Wunder in dem Sinne, daß Wundererzählungen als Glaubensaussagen erdichtet

werden. Andererseits - und das ist der tiefere Sinn - sieht nur der Glaube Wunder auch

in Ereignissen, die an sich durchaus natürlich sind. Dem religiös nicht

Vernehmungsfähigen genügt die vordergründige Welt, sie gibt ihm keine Hinweise auf

numinose Mächte in und hinter den sichtbaren Erscheinungen. Es geht im religiösen

Wunder gar nicht um die Erklärbarkeit oder Unerklärbarkeit des beobachteten Vorgangs,

sondern darum, daß Menschen durch solche ungewöhnlichen (aber darum

naturgesetzlich nicht unmöglichen) Ereignisse zum religiösen Staunen, zum Sich-

Wundern veranlasst werden.

Was ist Religion?

Erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen und antwortendes Handeln des vom Heiligen

bestimmten Menschen. Sie entspringt weder aus rationaler Naturerklärung noch aus

menschlicher Phantasie, sondern aus echter Erfahrung einer heiligen Wirklichkeit, in der

menschliche Existenz verankert sein muß, wenn sie ganze, heile, also im Heil sich

vollziehende Existenz sein soll. Um dieses Heil kreist alle Religion, sei es, daß das

gegebene Heil bewahrt werden soll wie in den frühen Volksreligionen, sei es, daß es

erst gewonnen werden muss wie in den späten universalen Erlösungsreligionen.

Heinz Hübner, August 2016

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